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Wenn ich König von Deutschland wär...

Wenn ich König von Deutschland wär...

Kein Reich, kein Volk, ein Führer. Der Alltag vieler Reichsbürger. Ein brisantes Thema, dem das ETA‐Hoffmann‐Theater nun ein Stück gewidmet hat.

Foto: ETA Hoffmann Theater Bamberg

19.000 Menschen zählt der Verfassungsschutz momentan zu den Reichsbürgern. Menschen, für die es den Staat, die Bundesrepublik, nicht gibt. Für die er eine GmbH ist. Eine Verschwörung nur gegen sie. Menschen, in deren Kopf sich Rassismus, Antisemitismus und Esoterik mischen mit Verschwörungstheorien und Narzissmus. Genau diese Menschen finden Betrachtung in „Der Reichskanzler von Atlantis“. So haben es die selbsterklärten Fürsten und Könige nun auch auf die Theaterbühne geschafft und sind nicht mehr nur nachts in den Öffentlich‐Rechtlichen zu finden.

Das Stück steckt noch in den Kinderschuhen – die Aufführung in Bamberg am 13.10. brachte Björn SC Deigners Stück zum ersten Mal auf die Bühne. Die Zuschauer werden eingeladen, dem gutbürgerlichen deutschen Vorzeigeleben des Reichskanzlers beizuwohnen. Dieser sitzt in seinem überdimensionierten Puppenhaus und wird von der Ehefrau betüttelt. Krasser Kontrast dazu: Parallele Auftritte des Geistes von Thule‐Mitbegründer Rudolf von Sebottendorf. Während der Reichskanzler seinen Alltagsgeschäften nachgeht, spricht von Sebottendorf zu ihm.

Diese Paralleldarstellung im „Reichskanzler“ verleiht dem Stück, das viel Groteskes birgt, gleichzeitig Tiefe und macht es vielschichtig. Die historische Ebene, die parallel zur Handlungsebene abläuft, verdeutlicht das Problem der Reichsbürger: Sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Im Verlauf wandert von Sebottendorf immer weiter aus dem Unterbewusstsein des Reichskanzlers Fürst Burkhard heraus in eine aktive Rolle im Stück hinein. Je wahnwitziger dessen Gedanken werden und je mehr auch seine Frau damit anfängt, desto präsenter ist der Sebottendorf; desto wahnwitziger wird das Stück.

Geniale Momente beschert den Zuschauern die Interaktion des Reichskanzlers mit seinem Reichsinnenminister. Fast meint man, in einer Slapstick‐Comedy gelandet zu sein, doch bleibt einem regelmäßig das Lachen im Halse stecken. Dieser Dialog verkörpert perfekt die Gedanken, die man über Reichbürger hat. Sie sind so abstrus, dass es fast lächerlich wäre, aber eben nur fast. Denn hinter all den verrückten Theorien und lachhaften Akten der Selbstbeweihräucherung steckt ein gefährlicher Kern voller Ideologien, Hass und Gewalt.

Die Vielfältigkeit, das Abstruse, das Unverständliche

Teils lässt das Stück einen verwirrt zurück und schreitet so schnell voran, dass man kaum hinterherkommt. Auch fühlt man sich teils überfordert vom Pluralismus an Handlungs‐ und Bedeutungsebenen.
Was durchweg meisterhaft ist und auch bleibt ist das Bühnenbild von Nikolaus Frinke. Alles ist durchdacht und untermalt das Geschehen perfekt, nichts ist zu viel. Besonders hervorzuheben sind die Monologe von Sebottendorf, die er in einer minimalisierten Nachbildung des Reichsparteitages zu halten scheint.

Auch die schauspielerische Leistung der fünf Darsteller begeistert. Besonders Katharina Brenner spielt die „Jutta“ sowohl als fast hausmütterliche Ehefrau als auch als Furie brillant. Die Schauspieler verleihen den Personen Groteske, aber auch Tiefe und das ist genau das, was es für dieses Stück braucht.

Im Nachhinein bleibt vielleicht der Wunsch, dass die „Essenz“ der Reichsbürger nicht primär im Antisemitismus und der völkischen Esoterik gesucht worden wäre. Denn genau das ist da Gefährliche an der Bewegung: Die Vielfältigkeit, das Abstruse, das Unverständliche. Das Zusammenpflücken von Wahrheiten überall dort, wo man etwas Passendes findet, gepaart mit Nicht‐Wahrhaben‐Wollen und Nichtwissen.

Dennoch bleibt das ETA sich selbst als politisches und aktuelles Theater treu und erreicht das, was erreicht werden will: Nachdenken. Worüber bleibt jedem selbst überlassen.

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