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Vorgespielt: Lehman Brothers — Aufstieg und Fall einer Dynastie

Vorgespielt: Lehman Brothers — Aufstieg und Fall einer Dynastie

Sechs alte Männer sitzen am Tisch und warten auf den alles entscheidenden Anruf…. Als der junge, jüdische Henry (ursprünglich Heyum) Lehman sich 1844 vom fränkischen Rimpa aus auf den Weg ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten macht, ahnt niemand, dass das Vermächtnis von ihm und seinen zwei Brüdern die Weltwirtschaft fast 160 Jahre später 15 Billionen Euro kosten wird.
Foto: Martin Kaufhold

Zunächst scheint alles wie eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Henry Lehman eröffnet 1844 ein winziges Stoff- und Kleidergeschäft in Montgomery, Alabama. Als sein Bruder Emanuel 1848 immigriert, wird das Geschäft auf den Handel mit Baumwolle umgestellt. Dies ist die erste revolutionäre Geschäftsidee in der Familiengeschichte, da die Brüder sich als Mittler zwischen Plantage und Verarbeitungsfabrik etablieren – ein  Geschäftsmodell, das es bis dahin kaum gibt. Aus dieser Geschäftsidee entwickelt sich die Banktätigkeit, welche 1850, nach dem Eintreffen des dritten Bruders, Maier Lehman, in den USA mit der Gründung der “Lehman Brothers Bank” beginnt. Zunächst wird noch mit Rohstoffen wie Baumwolle oder Kaffee gehandelt. Für ihre Kunden entwickeln sie allerdings ein Kreditsystem und keine sofortige Bezahlung für Waren. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg kommt mit dem Bezug des neuen Büros in New York weiterer Handel wie Erdöl oder die Mitfinanzierung des Ausbaus des Eisenbahnnetzes quer durch die USA hinzu. Durch das vorrausschauende Denken jeder neuen Generation, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und in die Zukunft investieren zu können, wird das Unternehmen ständig reorganisiert und wächst unaufhaltsam.

Im Laufe der Zeit werden die Geschäfte immer abstrakter und die Lehmans halten ihre Ware nicht mehr selbst in den Händen, sie handeln nur noch mit Geld. Im Zentrum des Interesses steht nun auch nicht die gerade gehandelte Ware, sondern die Ausweitung des Kapitals.

„Sehen Sie, normale Leute
benutzen das Geld nur zum Kaufen.
Aber wer wie wir eine Bank hat,
benutzt das Geld,
um Geld zu kaufen
um Geld zu verkaufen
um Geld zu verleihen
um Geld zu wechseln
und mit all dem
glauben Sie mir
halten wir den Ofen am Laufen.“

Stefano Massimi, Autor

Im weiteren Verlauf folgen Aktien, Weltkriege, der Börsencrash von 1929, Waffenexporte und der Vietnamkrieg und die Lehman Brothers sind überall mit dabei. Immer auf der Suche nach dem schnellen Geld.
Doch kaum ein Erfolg hält ewig. Am 15. September 2008 meldet die US-Investmentbank Lehman Brothers in New York Insolvenz an, sorgt damit für den größten Unternehmenscrash in der US-Geschichte und wird gleichzeitig zum Symbol eines ungezügelten Kapitalismus.
Die Folgen der Insolvenz der Lehman Brothers bleiben nicht auf die USA begrenzt. Was zunächst nur wie das das Platzen einer Immobilienblase wirkt, entwickelt sich zu einer weltweiten Finanzkrise. Im Zuge dieser Krise misstrauen sich die Banken bei Finanzgeschäften untereinander zunehmend, sodass weltweit wesentlich weniger Kredite vergeben werden und die weltweite Wirtschaft massiv ins Stocken gerät.
Von all dem bekamen die Lehman-Unternehmer nichts mehr mit, da der letzte im Unternehmen arbeitende Lehman bereits 1969 verstirbt und der Konzern von da an nicht mehr von einem Familienmitglied geleitet wurde.

Was bleibt ist die Erfindung der Jeans, das Entstehen und rasante Wachsen der New Yorker Börse und Wall Street, King Kong und andere Coups in der Unterhaltungsindustrie sowie der Bau des Panamakanals. Alles Dinge, die die Lehman Brothers im Laufe ihrer Firmengeschichte finanziert und vorangebracht haben. Dinge, die das gesellschaftliche Vorankommen stark geprägt haben.
In seinem 250 Seiten langen Skript zeichnet der italienische Autor Stefano Massini historisch genau und detailreich den atemberaubenden Aufstieg der Lehman-Dynastie. Ein Aufstieg, wie er nur in Amerika möglich ist und der wie kaum ein anderer die Idee des “Amerikanischen Traums” verkörpert.

Über drei Generationen hinweg zeigt Massini, wie mit einfachen Mitteln und eisernem Willen das Gewinnstreben Einzelner den Einsatz und Gewinn für alle erhöht. Aber auch, wie immer waghalsigere Geschäfte und die Sucht nach immer mehr Kapital und Einfluss nicht nur das eigene Schicksal gefährden, sondern ein ganzes System ins Wanken bringen können. Somit zeigt das Stück auf einfache Weise, dass der Kapitalismus das auf der einen Seite am stärksten auf Wertschöpfung ausgerichtete und auf der anderen Seite zugleich das destruktivste System aller Zeiten ist.

Bezeichnend für das Stück ist die spontane Rollenzuweisung sowie das Springen zwischen Erzähl- und Dialogpassagen eines allwissenden Erzählers durch die gleichen Schauspieler. Immer wieder wird das Geschehen zudem durchzogen von bedrückenden Vorahnungen sowie Albträumen. So kündigt ein “kalter Hauch” Kriege an. Diese Gefühle und Vorahnungen werden von der Familie nicht als einschüchternd empfunden, sondern vor allem als tolle Investitionsmöglichkeiten gesehen, um weiterhin dem Geist des Kapitals zu dienen.

Trotz des ständigen Figurenwechsels der Schauspieler gelingt es dem Ensemble scheinbar mühelos, die unzähligen Charaktere aus 160 Jahren Familiengeschichte lebendig werden zu lassen, ohne große Brüche oder Verwirrungen beim Publikum hervorzurufen.
2008 hörten die meisten nur: “Die Immobilienblase in den USA ist geplatzt” oder sahen in den Nachrichten die verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft. Dieses Stück zeigt auf eine für jeden verständliche Weise, wie viele individuelle Entscheidungen von ganz unterschiedlichen Menschen im Laufe von 160 Jahren amerikanischer Geschichte zu dem beigetragen haben, was uns allen im Gedächtnis geblieben ist. Obwohl die Hochphase des Investmentbankings zur inhaltsleeren Dauerparty wird, gelingt Massini etwas Unerwartetes. Der Zuschauer entwickelt Sympathie und Verständnis für die eiskalten Geschäftsleute, obwohl jedem im Publikum klar ist, zu welcher Katastrophe diese Geschichte am Ende führen wird.

“Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie” ist somit sowohl als Geschichte des Kapitalismus wie auch als Geschichte einer Familie empfehlenswert für jeden, der sich für die Hintergründe des Kapitalismus interessiert und dafür, wie drei Brüder aus Franken beständig die Geschichte des modernen Amerikas über 160 Jahre hinweg mitgeschrieben haben. Sechs alte Männer sitzen am Tisch und warten auf den alles entscheidenden Anruf. Es handelt sich um die sechs männlichen Familienmitglieder der Lehmans, die über die Zeit hinweg das Familienunternehmen zum Erfolg geführt haben. Am Ende war der politische Druck auf die US-amerikanische Regierung, welche im Vorfeld bereits drei Banken gerettet hatte, zu groß und das Imperium “Lehman Brothers”, welches bisher den Grundsatz “too big to fail” hatte, wurde zerschlagen und steht heutzutage für den Inbegriff der Finanzkrise.

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