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Vorgespielt: Dschihad Online

Vorgespielt: Dschihad Online

Hast du dich schon mal gefragt, wie so viele junge, gutgebildete Menschen zu Terroristen werden können? Warum sie das tun, was sie tun? Kann man wirklich einfach sagen: Die sind die Bösen, wir sind die Guten? „Dschihad Online“ beleuchtet genau diese Hintergründe in der Geschichte zweier Brü­der – erzählt aus der Perspektive des jüngeren – die sich im Internet radikalisieren und dem Dschihad zuwenden.
Foto: Martin Kaufhold

Wie viele andere Bosnier auch flüchten Khalils Eltern, zusammen mit seinem großen Bruder Amir, nach dem Massaker von Srebrenica in die USA, um dort den amerikanischen Traum zu leben. Aber die Realität sieht ganz anders aus. Obwohl Khalil, als einziger der Familie, amerikanischer Staatsbürger ist, fühlt er sich nie ganz zugehörig in diesem Land, das sein Zuhause sein soll. Khalil ist ein guter Schüler und verbringt viel Zeit mit seiner Freundin Angie und seinem besten Freund Vitaly. Aber als die Eltern zurück nach Bosnien gehen, um die kranke Großmutter zu pflegen, beginnt der stetige Abstieg der beiden Brüder.Fortan gibt Amir, der sich etwas Geld bei dem dubiosen Autoverleiher Ruslan verdient, den Ton an. Obwohl auch Khalil beginnt, nebenbei ein wenig dazu zu verdienen, reicht das Geld bei Weitem nicht. Khalil kann sich in Folge dessen dem zunehmenden Druck des älteren Bruders nicht entziehen, beteiligt sich an dessen kleinkriminellen Tätigkeiten und lässt die Schule zunehmend schleifen. Nachdem Amir wegen Ladendiebstahls verurteilt wird, lässt auch der Ausweisungsbescheid nicht lange auf sich warten – schließlich ist Amir kein Staatsbürger, sondern nur geduldet. Er beschließt, unterzutauchen und den kleinen Bruder mitzunehmen. Seine sozialen Kontakte vernachlässigt Khalil in den nächsten Wochen noch mehr und als dann auch die Familie seines besten Freundes Vitaly abgeschoben wird, ringt Khalil mit seiner Identität.

Verwirrt vom neuen Fanatismus seines Bruders, aber auch wütend auf die US‐amerikanische Politik, sucht Khalil im Internet nach Antworten und stößt auf gewalttätige Videos von islamistischen Hasspredigern. Er beginnt, mit seinem Bruder er über die Lage der Muslime in der Welt zu debattieren. Ebenso reden sie über amerikanische Einwanderungspolitik, die von den USA geführten Kriege und die als legitim erklärten Foltermethoden. Schließlich beginnt auch er, über den heuchlerischen Westen zu twittern, gerät unter den Einfluss radikaler Islamisten und träumt von einer großen Tat, die ihm die Aufmerksamkeit der ganzen Welt garantiert.

Foto: Martin Kaufhold

Ähnlich wie in seinem Roman „Die Welle“ macht Morton Rhue in „Dschi­had Online” deut­lich, wie schnell Vor­ur­tei­le ent­ste­hen kön­nen und zeigt, wie ein­fach es auch in einer aufgeklärten Gesellschaft ist, beein­flus­sen und radi­ka­li­sie­ren zu werden. Damit widmet er sich mal wieder einem wunden Punkt der Gesellschaft, den bisher noch niemand in allen Facetten durchleuchten konnte.

Die Bühnenfassung von Oliver Garofalo stellt mit einfachen und modernen Elementen Khalils Lebenswelt, zwischen den Ansichten seines Bruders, seinen Freunden und seinen beruflichen Träumen, dar. Eine Lebenswelt, wie sie es tausendfach in den USA gibt und die alleine noch kein Grund für eine derartige Radikalisierung sein kann. Durch die auf die Wand projizierten Videos und Textnachrichten fühlt der Zuschauer unmittelbar mit Khalil und seiner Zerrissenheit mit. Erlebt hautnah mit, wie er mit sich ringt und sich schlussendlich in einem Kampf wiederfindet, der sich gegen das Land richtet, in dem er sich zwar nie vollständig integriert gefühlt hat, das aber dennoch ein Zuhause für ihn war.

Am Ende bleibt die Bestürzung darüber, wie schnell und uneingeschränkt die beiden Brüder die radikalen Ansichten übernommen haben, sowie die Aufforderung an jeden von uns: Hinterfrage kritisch, was man dir einreden möchte.

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