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Verfehlung

Verfehlung

Jakob, Gefängnisseelsorger und Priester, feiert bei Bier und drei Kurzen mit seinen Freunden Dominik und Oliver die Beförderung zum Personalchef. Bei ihm scheint alles gut zu laufen, doch nach dem nächsten Gottesdienst steht seine Welt Kopf: Sein bester Freund und Gemeindeseelsorger Dominik wird von der Kriminalpolizei mitgenommen. Er soll sich an einem Jungen aus der Pfarrei vergangen haben, der Vorwurf lautet: sexueller Missbrauch.
Titelbild: Camino Filmverleih

Fünf Jahre nach der Aufdeckung des Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche greift die KHG‑Bamberg das Thema auf. Aus dem Hochschulbereich sind keine Missbrauchsfälle bekannt, dennoch haben Alfons Motschenbacher von der KHG und seine Kollegen der bayerischen Hochschulseelsorge bereits 2010 das Problem thematisiert. Als hauptamtlicher Mitarbeiter der Kirche fühlt er sich in der Verantwortung aufzuklären und dafür zu sorgen, dass so etwas nicht wieder passiert. Mit der Kinovorführung des Films „Verfehlung“ im Odeon und einer anschließenden Diskussion mit Regisseur Gerd Schneider will er diese Aufgabe angehen.

Was ist dran?
Für Jakob ist die Nachricht ein Schock. So gerne er den Unschuldsbeteuerungen seines Freundes Glauben schenken würde, überkommen ihn immer wieder Zweifel: Die Begegnung mit der Mutter des Opfers, Bilder in Dominiks Wohnung und immer wieder die Frage „Ist da was dran?“. Der Zauderer Jakob sucht in einem Gespräch die Konfrontation mit Dominik und wird von der Antwort „Es ist einfach passiert“ übermannt. Jakob flieht aus der Enge der Gefängniskapelle vor seinem Freund, den er zu kennen glaubte. Er findet sich in dem Dilemma wieder. Soll er seinen besten Freund und seine Kirche schützen oder als „Nestbeschmutzer“ das Schweigen im kirchlichen Umfeld brechen? Jakob schweigt zunächst.

Gerade das Verdrängen und Wegsehen, das Kleinreden und Nicht-Wahrhaben-Wollen stellt Regisseur und Autor Gerd Schneider in den Vordergrund. Er blickt also weniger auf die Opfer des Missbrauchs, sondern fokussiert in erster Linie auf den Umgang des Freundes Jakob und den Nicht-Umgang der Bistumsleitung. Mit der Binnensicht eines ehemaligen Theologiestudenten und Priesteramtskandidaten gelingt es Schneider, ebendiese Vorgänge und Strukturen in der Person des dritten Freundes Oliver zu verkörpern.

Nur eine Frage der Menge, ob etwas hängen bleibt
Auf der Karriereleiter kletternd, versucht Oliver den Ruf seiner Kirche zu wahren, den Vorfall klein zu halten und auch Jakob von seinen Zweifeln abzubringen. „Da schmeißt einer mit Dreck und es ist nur eine Frage der Menge, ob da etwas hängen bleibt“ lautet seine Devise. Auch von weiteren Fällen, auf die Jakob aufmerksam wird, wollen Oliver und der Bischof nichts wissen. Ihre Parole der Barmherzigkeit wirkt angesichts der Taten fast verhöhnend.

Im Erzbistum Bamberg selbst kann sich Motschenbacher an unterschiedliche Reaktionen erinnern. Neben der allgemeinen Verunsicherung machte sich bei manchen vor allem ein Schock über den Ansehensverlust der Kirche breit. Auch auf das Filmprojekt gab es vereinzelte Rückmeldungen, ob man das Thema denn schon wieder aufgreifen müsse. Diese Position hält der Hochschulseelsorger für sehr bedenklich: „Missbrauch findet überall statt und ist überall schlimm. Aber aus unseren hohen moralischen Ansprüchen ergibt sich eben auch eine größere moralische Fallhöhe als für einen Sportverein.“

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“Aus unseren hohen moralischen Ansprüchen ergibt sich eine größere moralische Fallhöhe als für einen Sportverein.” (Alfons Motschenbacher) Foto: Bianca Taube

Diese moralischen Ansprüche seines Glaubens sind es, die Jakob mit seinem Schweigen nicht länger vereinbaren kann. Es braucht lange, bis er sich dazu durchringen kann, den schwierigen Weg zu gehen, hinzusehen, sich gegen seine Freunde und sein Umfeld zu stellen. Der Prozess des in sich zerrissenen Jakob, der den Glauben an sich und die Menschheit zu verlieren droht, wird von Sebastian Blomberg eindringlich gespielt und endet schließlich mit dem Gang zur Staatsanwaltschaft.

Durch den Fokus auf die Freundschaft zwischen Jakob und Dominik lässt der Film wichtige Fragen an die Organisation Kirche oder den Blick auf die Opfer außen vor. Auch die Verfehlung wirkt hier eher wie ein unsystematischer Einzelfall. Da der Film aber keinen umfassenden Aufklärungsanspruch erhebt und den Teil, den er abdeckt, mit hoher Intensität bearbeitet, schafft er Raum für weitere Fragen. Fragen verunsicherter Ehrenamtler im Jugendbereich beispielsweise. Wo die Grenzen liegen zwischen Aufmerksamkeit und Übergriff? Oder die Frage, wie die Kirche vor Ort mit den bekanntgewordenen Fällen umgeht.

Mit der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Filmvorführung soll ein Rahmen geschaffen werden, diese Fragen anzusprechen. Experten wie die Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums Bamberg Eva Hastenteufel‑Knörr oder ihre Kollegin Monika Rudolf als Präventionsbeauftragte diskutieren mit Regisseur Schneider, Domkapitular Hans Schieber und Vertretern des Notrufs für sexualisierte Gewalt.

Mit einer weiteren Veranstaltung „Missbrauch in Institutionen“ will die KHG im Bereich Prävention am 9. Juli 2015 dazu beitragen, sexuellen Missbrauch vorzubeugen. Die Referentin Dr. Barbara Haslbeck liefert Fakten zum Missbrauch in Institutionen, erläutert Täterstrategien, spricht über den Umgang mit Opfern und stellt sich den Fragen nach dem richtigen Verhalten im pädagogischen Bereich.

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“Verfehlung” läuft am 29. April 2015 um 19 Uhr im Kino ODEON mit anschließender Podiumsdiskussion in der Stadtbücherei Bamberg. Foto: Bianca Taube

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Am Mittwoch, 29. April 2015, um 19 Uhr läuft der Film “Verfehlung” im Kino Odeon (Luitpoldstraße 25). Gegen 21 Uhr findet in der Stadtbücherei (Obere Königstraße 4) die anschließende Podiumsdiskussion statt.
Der Eintritt für Studierende beträgt 3 €.

Veranstaltungsinfo: hier klicken

Zum Trailer: http://www.verfehlung-film.de/

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