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Theater auf Augenhöhe: Ernst von Leben

Theater auf Augenhöhe: Ernst von Leben

Spontaner Grindcore und eine Wanne voll Milch. Beim Improvisationstheater des Ernst von Leben‐Ensembles erwartet den Zuschauer eine Jamsession mit Schauspiel — getreu dem Motto: heiter scheitern.
Foto: Thomas Paulmann

Jazz‐Klänge grooven durch das Gewölbe des ETA‐Hoffmann‐Theaters. Drei Musiker, Jakob Fischer, Dominik Tremel und Peter Florian Berndt auf der Bühne. Vor ihnen ein durchmischtes Publikum: Kinder, Studierende und Arbeitskollegen warten gespannt auf das, was in den nächsten zwei Stunden passiert. Das Licht wird dunkel und Felix Forsbach betritt die Bühne. Er wendet sich direkt an die Zuschauer: Wer sitzt hier im Publikum? Wer ist heute Abend krank? Was macht der Herr mit der Brille von Beruf? Und wer ist die Person neben dir? Auf den Antworten aus dem Publikum bauen die nun folgenden Improspiele auf und Felix nimmt mit seinen Kolleginnen Olga Seehafer und Johanna Waldhoff die Zuschauer mit auf eine Reise.

Die Handlung ist offen

Das Ensemble Ernst von Leben hat sich 2015 mit Felix, Johanna und Olga gegründet, die zuvor bereits jahrelange gemeinsame Spielerfahrung hatten. Das Musikerteam mit Jakob, Dominik und Flo kam später dazu und unterstützt mit musikalischer Untermalung je nach Stimmung mal durch Musik, mal durch Lautmalerei die drei Schauspieler. Als die Gruppe mit Improtheater anfing, bediente sie sich an Inhalten aus dem herkömmlichen Theater. „Frei nach Spielplan“ hieß das Konzept damals. Heute ist die Handlung jedoch offen und entsteht ausschließlich als spontane Reaktion auf den Input des Publikums. „Dadurch, dass man selbst genau so wenig Plan hat wie die Zuschauer, was an dem Abend passiert, begegnet man sich auf Augenhöhe. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum herkömmlichen Theater“, sagt Jakob, als wir nach der Vorstellung in der Runde zusammensitzen. „Was inhaltlich abläuft, hängt von der Luftzusammensetzung ab, die im Raum ist. Davon, was die Leute in die Atmosphäre reinatmen.“

Heiter scheitern

Eine so freie Spielweise ohne jedes Drehbuch kann auch zu Missverständnissen führen, wie sich am selben Abend zeigt. In einer Szene schöpft Felix, ganz in seiner Rolle als Einsiedler auf einer Alm in Südtirol versunken, für ein Bad Wasser in eine Wanne. Olga, die als seine Tochter in die Szene tritt, interpretiert den Inhalt des Zubers anders: „Oh, eine Wanne mit Milch!“ Dieser Bruch in der Szene bringt die Handlung allerdings nicht zum Stocken. Die anderen Schauspieler spielen nach einem kurzen Moment der Irritation einfach weiter mit einer Wanne voll Milch. Ganz nach dem obersten Gebot im Improvisationstheater: Immer alle Ideen annehmen.

Gemeinsam geschaffene Kunst

Das Beste kommt auch heute Abend zum Schluss: Das Publikum gibt jedem der drei Schauspieler ein Musikgenre vor, zu dem er oder sie zusammen mit der Band ein passendes Lied improvisieren soll. Also schreit Felix zu Grindcore, Olga improvisiert ein Reggae‐Lied und Johanna singt im Rock‘n‘Roll-Stil. Die erfundenen Lieder kommen so gut beim Publikum an, dass alle mitsingen und klatschen. Dieser Moment bleibt dem Ensemble in Erinnerung: „Wenn ein Spiel gelingt, dann entsteht so ein gemeinsam geschaffenes Moment“, sagt Felix über das Musizieren am Ende der Vorstellung. Und er hat recht: Wir verlassen an diesem Abend alle den Gewölbekeller in bester Stimmung und jeder hat ein bisschen das Gefühl, selbst dazu beigetragen zu haben.

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