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Jung, politisch, preisgekrönt: Das ETA stellt sein neues Programm vor.

Jung, politisch, preisgekrönt: Das ETA stellt sein neues Programm vor.

„Wo stehen wir?“ – das Motto, unter dem die kommende Spielzeit des ETA Hoffmann Theaters steht, wurde vor der Pandemie gewählt. Und dennoch fasst es nicht nur das neue Spielzeit-Programm, sondern auch die aktuellen Ereignisse perfekt zusammen. Eine Theatersaison geprägt von einer Zeit der Gegensätze steht im Bamberger Theater an.

Fotos: Laura Weinmann

Das große C‑Wort – Sibylle Broll-Pape, Intendantin des ETA Hoffmann Theaters, nennt die über allem schwebende Situation nicht beim Namen. Doch eins wird auch ohne klar: Die aktuelle Situation ist auch für das Bamberger Theater keine leichte. Viele der Mitarbeiter*innen sind in Kurzarbeit, seit März kann nicht mehr gespielt werden, Vorstellungen wurden abgesagt, Premieren gecancelt. Umso beeindruckender, mit welchem Enthusiasmus die Intendantin und Chefdramaturg Remsi Al Khalisi das Programm für die neue Spielzeit vorstellen. Der zweite Bürgermeister Jonas Glüsenkamp findet die richtigen Worte für die Vorfreude auf die neue Spielzeit: „Kultur ist kein Luxus, sondern essenzieller Bestandteil unserer Stadtgesellschaft.“ Genau darum fehlt das ETA, wie so viele Institutionen, der Stadt aktuell sehr. Doch ab Oktober soll sich das ändern.

„Kultur ist kein Luxus, sondern essenzieller Bestandteil unserer Stadtgesellschaft.“ 

Fünf überregionale Auszeichnungen hatte das Theater im letzten Jahr nach Bamberg holen können – auch die Stücke der kommenden Spielzeit könnten in diesem Zusammenhang wieder erfolgreich werden. Vier der zwölf Produktionen sind Uraufführungen oder Erstproduktionen. Die meisten davon von erfreulich jungen und erfreulich vielen weiblichen Autor*innen und Regisseur*innen. Hier ist beispielhaft Miroslava Svolikova zu nennen, deren Stück „Gott ist 3 Frauen“ im Januar ’21 uraufgeführt wird. God is a woman ist also bald nicht mehr nur bei Ariana Grande angesagt, denn in Bamberg ist Gott gleich three women.

Ein großes Projekt steht mit den „Effingers“ an. Remsi Al Khalisi hat es sich zur Aufgabe gemach, das Familienepos — ursprünglich ein 900-Seiten-Roman — für die Bühne zu adaptieren. Neben der dramaturgischen Umsetzung wird hier interessant werden, wie sich Abstandsregelungen und Pandemie-Bestimmungen auf das Theater übertragen lassen – auf der Bühne und auch den Rängen.

Das ETA liefert viele freudige Nachrichten

Doch das ETA liefert viele Nachrichten, über die Freude herrschen darf. Besonders erfreulich: Paul Maar, der „Bamberger Kult-Autor“ wie Remsi Al Khalisi ihn nennt, wird wieder im Theater zu sehen sein. Die in Bamberg aufgewachsene Regisseurin Jana Vetten wird „Herr Bello und das blaue Wunder“ in einem Heimspiel auf die Bühne bringen. An diesem Weihnachtsmärchen werden sicherlich nicht nur Kinder ihre Freude haben.

Zwei Produktionen der neuen Spielzeit wurden aus der abgebrochenen „mitgenommen“. Im Oktober nun wird „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow Premiere feiern. Ein Stück über sozialen Aufstieg, Sentimentalität und die Chancen auf ein neues Leben. Die heiß erwartete Klima-Trilogie „Paradies fluten/hungern/spielen“ wird in der neuen Spielzeit in Bamberg erstaufgeführt. Trotz des Interesses anderer Theater konnte sich das ETA wieder durchsetzen. Das Bamberger Publikum darf gespannt sein auf das dreiteilige Stück des erst 34-jährigen Thomas Köck, dessen Premiere nach der zweiten Hauptprobe in der abgebrochenen Saison abgesagt werden musste.

„Woher kommt diese Sehnsucht?“

 „Woher kommt diese Sehnsucht?“ ist einer der Slogans der neuen Spielzeit. Besonders das Stück für die Caldéron-Spiele 2021 auf dem Domberg weckt Sehnsüchte: Shakespeare wird es sein, eine große Komödie. „Ein großer Spaß“ heißt es auf der Pressekonferenz; die Theaterleitung träumt von „Shakespeare kuschelig mit 600 Leuten“. Der Gedanke daran scheint aktuell wie eine Utopie – doch kaum ein Stück wäre besser für diesen Traum geeignet als „Was ihr wollt“. Die in der Frage gemeinte Sehnsucht treibt jedoch zwei Suchende um: „Kasimir und Karoline“ nach Ödön von Horváth suchen auf dem Oktoberfest nach einem besseren Leben. „Die Liebe höret nimmer auf“ heißt es da. Welch ein Satz, der doch ebenso die Beziehung zwischen Bamberg und seinem Theater beschreibt.

Denn auch das weitere Programm weckt die Sehnsucht nach einem Gang ins ETA. Nach dem Erlebnis Theater, abgerissenen Karten, vom Klatschen schmerzenden Händen und einem gemeinschaftlichen Gefühl von Verbundenheit beim Verlassen des Saals. „Das ist der Plan“, sagt Sibylle Broll-Pape am Ende der Programm-Vorstellung. Und es sei uns allen gewünscht, dass dieser Plan gelingt.

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