Schließen
Jerusalem in Bamberg

Jerusalem in Bamberg

In einer Lesung machten Thomas Sparr und die Capella Antiqua Bambergensis die Atmosphäre des Jerusalemer Viertels Rechavia in Erzählungen und Musik lebendig. Sparrs Buch „Grunewald im Orient“ bietet einen Einstieg in israelische Literatur, ist aber nicht für jede*n geeignet.

Illustrationen: Jakob Klukas

Auf der Bühne sitzen sieben Musiker*innen mit unzähligen Instrumenten. Einige davon kennt man wie die Harfe, Trommeln und Holzflöten. Andere sehen aus wie kantige, gitarrengroße Celli, kleine Orgeln oder Geigen mit Klappen. Eine melancholische Melodie beginnt und immer neue Klänge treten hervor: ein Saitenzupfen, Trommeln oder der holzige Klang einer Flöte. Die Musik wird schneller, entwickelt einen Sog, eine Frau singt in einer halb vertrauten Sprache, mittelhochdeutsch vielleicht. Dann erzählt Thomas Sparr: Er redet von der Geschichte des Zionismus, erzählt Anekdoten und Szenen der deutschen Juden in Jerusalem.

Die Lesung von „Grunewald im Orient“ von Thomas Sparr mit musikalischer Begleitung durch die Capella Antiqua Bambergensis fand im Rahmen des Bamberger Literaturfestivals statt. Das Festival war vor 6 Jahren durch den „Sams“-Autor Paul Maar initiiert worden und findet dieses Jahr zum fünften Mal statt. Im Programm sind jedes Jahr kostenlose Kinderlesungen und Buchbesprechungen unter anderem von Politiker*innen, Komiker*innen und Nobelpreisträger*innen.

Thomas Sparr schreibt über das Jerusalemer Intellektuellenviertel Rechavia.

Anhand des Jerusalemer Intellektuellenviertels Rechavia lernt man in dem Buch über das deutsch-jüdische Verhältnis. Thomas Sparr erzählt von berühmten Jeckes – so der Name für die deutschen Juden, die trotz der Hitze Israels immer Jacketts trugen – Intellektuellen, Poet*innen, Professor*innen wie Hanna Arendt, Werner Kraft, Gershom Scholem oder Martin Buber.

Doch wie immer, wenn es um das deutsch-jüdisches Verhältnis geht, bleiben die traurigen Aspekte nicht vor: Der Abend beginnt mit einer Schweigeminute für die Opfer von Hanau, die Lesung müssen Polizist*innen bewachen. Die Geschichte prägte auch Rechavia: Einwanderer ab den 30er Jahren wurden gefragt: Kommt ihr aus Zionismus oder aus Deutschland? Aus Zionismus, weil ihr eine neue Gesellschaft bauen wollt, wie die Pioniere in den 1920er Jahren? – oder aus Deutschland, weil ihr fliehen musstet?

In Rechavia lebten Intellektuelle, Poet*innen und Professor*innen.

In Alltagskonflikten in Rechavia zeigt sich das kontroverse deutsch-jüdische Verhältnis zum Beispiel an der Diskussion zur Bibelübersetzung zwischen Martin Buber und Gershom Scholem: Der eine sieht seine Übersetzung ins Deutsche als Dialogangebot zwischen Juden und Deutschen an, der andere sagt: Die Juden, für die du übersetzt hast, gibt es nicht mehr. Die Übersetzung erweist sich als Gastgeschenk, das der Gastgeber ausgeschlagen hat.

Für viele Einwanderer*innen wurde Jerusalem nie zu ihrer Heimat, wie zum Beispiel für die Dichterin Mascha Kaléko: „Sie blieb eine Fremde in Jerusalem, aber ihre Heimatstadt Berlin, das Berlin der Weimarer Republik, gab es nicht mehr“, sagt Sparr. Viele der Jeckes blieben auch in Palästina Deutsche: In Rechavia im Café wurde Deutsch gesprochen, es gab Mozartkonzerte und die Bücherregale waren mit Goethe, Schiller und Brecht gefüllt.

Doch mittlerweile gibt es auch dieses Rechavia nicht mehr. Dort wird nun hebräisch, arabisch oder französisch gesprochen. Doch die Zeit ist konserviert in Romanen, Gedichten und Reportagen. Thomas Sparr stellt Chronist*innen der Zeit anekdotenhaft vor und macht Lust, mehr von Rechavia zu entdecken.

Viele Jeckes blieben auch in Palästina Deutsche.

Durch den Abend, die Musik, die gelesenen Textstellen und die Erzählungen der Geschichte tauchen die Zuhörer*innen in die Atmosphäre des Viertels ein. Leider kann das Buch nur bedingt einen ähnlichen Sog entwickeln. Es ist aufgeteilt in drei Teile: ein einleitendes fiktives Kapitel, „Rechavia als geistige Lebensform“, was Ereignisse und Gebäude ins Zentrum der Erzählung stellt, und „Lebensläufe durch einen Stadtteil“.

Das erste Kapitel passt zur Lesung: Wie in einem Film erlebt man die Atmosphäre des Viertels und erhält eine Einführung in Diskussionen und Personen. Der Rest des Buches kann das Niveau nicht halten. Auch der dritte Teil ist interessant; anhand von Anekdoten versteht man die Konflikte besser und lernt wiederkehrende Figuren wie Gershom Scholem kennen. Er bleibt allerdings etwas oberflächlich. Insgesamt wirkt das Buch unstrukturiert. Figuren kehren wieder, manchmal ist nicht klar, warum sie wichtig sind, wie die Assistentin des Architekten von Rechavia, Lotte Cohn.

Das Buch kann einen ähnlichen Sog nur bedingt entwickeln.

Dieses Problem zeigt sich besonders im zweiten Teil. Dort fasst Sparr teilweise ganze Filme oder Bücher schlicht zusammen. Gute Beobachtungen gibt es zwar – doch leider nur in Zitatform. Wenn man die Geschichten kennt, ist das Kapitel eine bloße Wiederholung. Wer allerdings von Amos Oz noch nie etwas gehört hat, kann darin einen Einstieg in die Literatur Israels finden. Wer sich schon besser auskennt, kann zumindest durch Anekdoten neue Blickwinkel auf berühmte Personen wie Hans Jonas oder Walter Benjamin und neue Inspiration an Autor*innen bekommen. Im Teil zu den Biografien zeigt sich auch Sparrs weitreichendes Wissen und sein Überblick über die Literatur in interessanten Einschätzungen.

Wer noch Lesungen des Bamberger Literaturfestivals besuchen möchte, hat heute noch die Chance, zu verschiedenen Lesungen zu gehen. Wer sich für das für die Themen Judentum, Israel und die jüdischen Beziehungen zu Deutschland interessiert, kann außerdem das Klezmer Festival in Fürth Mitte März besuchen. Dort gibt es zahlreiche Konzerte, Führungen und Lesungen zum Beispiel von dem jüdischen Rapper Ben Salomo.

Schließen