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2020s Album-Spektrum – Vol. II

2020s Album-Spektrum – Vol. II

2020 war gleichzeitig gar nichts und überraschend viel los. Musikalisch hatte das Jahr auf jeden Fall einiges zu bieten. Deswegen kommen hier die Top-Alben unserer Redaktion, Volume II.

Titelbild: Pierre Gui

Simons Picks

Meine Lieblingsalben 2020? Natürlich könnte ich mich jetzt hier als besonders „edgy“ darstellen, als jemand, der nur irgendwelche „alternativen“ „underground“ „Indie-Rock-Bands“ hört. Aber ich muss zugeben, dass mir das Corona-Jahr alleine schon außergewöhnlich genug war. Daher habe ich mich dieses Jahr musikalisch vor allem über Neues von ein paar bekannten Namen gefreut.

 Den Anfang machte Fynn Kliemann mit seinem im Mai erschienen zweiten Album „POP“ – der Inhalt hält was der Titel verspricht und doch ist „POP“ so viel mehr als das klassische Deutsch-Pop-Album. Das fängt schon damit an, dass Kliemann, bekannt als kreativer YouTube-Heimwerker und Alleskönner, seine Alben (fast) alleine produziert und vertreibt, ohne großes Label im Hintergrund. „POP“ ist mindestens so vielseitig wie sein Erschaffer. Mal geht es selbstkritisch und mit düsterer Stimmung um die eigene Rastlosigkeit, mal ergeben geschickt aneinandergereihte Alltagsgeräusche eine moderne Pop-Hymne. Und doch gehen die Lieder fließend ineinander über, was „Pop“ so gut macht. Mit viel Liebe zum Detail und dem nötigen Mut, neue Dinge auszuprobieren, ist Kliemann ein weiteres Top-Album gelungen.

 Spätestens seitdem sie diesen Winter die 1Live-Krone in der Kategorie „Bester Newcomer Act“ gewannen, kennt man Provinz auch außerhalb der Provinz. Und dass, obwohl das Quartett erst im Juli ihr Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“ veröffentlichten. Die Jungs machen poppigen Folk-Rock, also irgendwie alles ein bisschen, aber immer gut. Das Album handelt von der ersten Liebe, Sehnsucht, dem Erwachsenwerden und Wodka-Bull. „Wir bauten uns Amerika“ klingt teilweise dramatisch, als wäre man mitten in einem Film, teilweise aber auch enthusiastisch, so dass man mitsingen und tanzen möchte. Vielleicht ist es genau deshalb so hörenswert.

Kaum ein deutscher Musiker hat dieses Jahr so Welle gemacht wie er: Apache 207. Das im Juli erschienene Album „Treppenhaus“ stieg direkt auf Platz 1 der Charts ein und hielt sich dort wochenlang. Als massentauglich hat sich Apaches Musik allemal bewiesen. Vielleicht ist das Erfolgsrezept die endlos wirkenden Widersprüche: Musik, die zwar Mainstream ist, aber nicht Mainstream wirkt; Texte, die prollig aber zugleich auch einfühlsam sein können; und ein „Ghetto-Rapper“ mit langen eingeölten Haaren und 80s-Retro-Ästhetik. Was auch immer es sein mag, es lohnt sich in „Treppenhaus“ reinzuhören.

Malenas Picks

Wir vermissen es, stundenlang im Cafe zu sitzen und mit unseren Freund*innen zu quatschen. Aber zum Glück gibt es seit Mitte Oktober wenigstens den passenden Soundtrack dazu, der uns auch daheim in Kaffee-Haus-Stimmung bringt. Katie Melua hat lange nichts mehr Neues von sich hören lassen, aber jetzt holt sie uns mit süßer Melancholie, die sich durch das ganze Album zieht, genau da ab wo wir stehen. Wo auch immer das sein mag. Album No. 8 heißt das Ganze und ist mit Liedern wie “Joy” oder “Voices in the Night” mal wieder ein lyrisches Meisterwerk, das selbst die, die zum ersten Mal in den Genuss kommen, wie eine alte Bekannte mit einer Tasse Kaffee begrüßen wird. 

Man mag’s oder eben nicht. Aber “Voodoo Sonic”, das neue Album von Electro-Swing-Pionier Parov Stelar,  geht dermaßen steil, dass sich alle beim Hören wie auf einer Gatsby-Party vom Allerfeinsten fühlen werden. Tracks, wie “Black Marlin”, die etwas ruhiger sind und einen durch ihren fast schon transzendentalen Charakter etwas an den Cirque du Soleil erinnern, findet man ebenso auf diesem wirklich abwechslungsreichen Album. Was man aber auch erwarten darf, da seit dem letzten immerhin ganze acht Jahre vergangen sind.  

Aaaaadrianaaa-aaaadrianaa, war vor allem Anfang des Jahres mein Ohrwurm schlechthin. RAF Camora ist der Beweis, dass ich gut darin bin, die Kunst vom Künstler zu trennen, beziehungsweise bei meinen erschreckend guten Textkenntnissen manchmal ein paar Zeilen auszulassen. Denn die Beats von Rafis vermutlich letztem Album “Zenit RR” gehen so gut ins Ohr, dass sich die Lyrics wie von selbst auswendig lernen. Für “Puta Madre” hat sich der Österreicher mit italienischen Wurzeln die französische Band “Ghetto Phenomene” dazu geholt, während im Musikvideo bosnische Fußballfans durch Wien ziehen. Damit hat Camora einen Song so international gemacht, wie es ihn selten gibt. Über den Text lässt sich streiten. 

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