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Über Flanellhemden, Anzüge und Rüschenblusen – wie aus uncool cool wurde

Über Flanellhemden, Anzüge und Rüschenblusen – wie aus uncool cool wurde

Weite Jeans, Röcke, übergroße Hemden, Rüschenblusen, Anzüge, High Heels und vielleicht eine schicke Kurzhaarfrisur. Alle Menschen können mittlerweile tragen, worin sie sich wohlfühlen und mit ihrem Kleidungsstil die Grenzen zwischen dem, was vom Großteil der Gesellschaft leider immer noch mit männlich oder weiblich konnotiert wird, herunterbrechen und verschwinden lassen.

Fotos: Lea Fröhlich, Mirjam Prell und Johanna Trifellner

Nicht erst mit Harry Styles‘ Vogue Auftritt beginnen Menschen mit schillernden Outfits regelmäßig die von der Gesellschaft gesetzten Grenzen der geschlechterspezifischen Klassifizierung von Klamotten zu überschreiten. Während es für Harry als weiße Person vermutlich leichter war, Aufmerksamkeit zu erlangen, hatten es sehr viele BIPOC, darunter Billy Porter, Prince, Alok Vaid-Menon oder Jaden Smith, da eher schwerer. Das ist höchstwahrscheinlich auf systemischen Rassismus zurückzuführen, würde daher mehr als einen eigenen Kommentar füllen können und daher hier den Rahmen sprengen. Einige weitere Namen sind Gwendolyn Christie oder Christine and the Queens, die für ihren Stil entgegen gesellschaftlicher Kleidungsnormen bekannt sind. Kleidung hat kein Geschlecht, im Gegenteil: ein „androgyner Stil“ war laut Harper’s Bazaar „2020 ein Trend“ und wird jetzt gefeiert. Wir hingegen waren mit unserem Aussehen in unserer Kindheit und Jugend aber alles andere als Trendsetterinnen.

Wir sind beide cis Frauen, uns wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen und wir fühlen uns auch so. Im Kindergarten und in der Grundschule hatte ich, Lea, so wie alle anderen Mädchen, lange Haare. Meine waren lockig, es war eine Qual, sie zu kämmen. Als ich mich in meiner Familie umsah, stellte ich fest, dass sowohl meine Mutter als auch meine Großmütter und meine Tanten kurze Haare hatten. Allesamt starke Frauen, die ich mir als Vorbilder genommen habe. Nach der Logik meines neunjährigen Ichs blieb mir nur eins übrig: Haare ab. Raspelkurz. Ich verließ den Friseur mit einem Grinsen, denn ich fühlte mich endlich wie ich selbst. Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, war die Reaktion meiner Klassenkamerad*innen wie ein Schlag ins Gesicht: „Du darfst nicht mit uns Prinzessin spielen, denn Prinzessinnen haben keine kurzen Haare.”

Als ich, Mirjam, mit acht vom Langhaar-Mädchen zum Bob wechselte, die Glitzershirts und Kleider langsam durch Jungsklamotten ersetzte und Reitstiefel gegen Fußballschuhe tauschte, spürte ich: Selbstbestimmung. Ich trug jahrelang glücklich die alten Sachen der Söhne befreundeter Mütter auf, verschwand in übergroßen Hoodies, Pullovern und Hemden und steuerte beim Neukauf zielsicher die Männerabteilung an. Dass ich nicht dasselbe wie die anderen Mädchen anhatte, machte mich stolz; wurde ich versehentlich für einen Jungen gehalten, konnte ich mein freudiges Grinsen kaum verbergen. Dann kam das Gymnasium. Und plötzlich waren da auch andere Gefühle.

Pubertät: Von Stolz zu Zweifeln

In der fünften Klasse hatte ich, Lea, zwei Pullis aus der Jungsabteilung. Einer war grau-schwarz, der andere gelb-schwarz gestreift. Rosa war nie meine Lieblingsfarbe. In meiner neuen Klasse angekommen, gab es erstmal Anwesenheitskontrolle. “Lea Fröhlich?” — “Ja.” — “Hm… Heißt es der oder die Lea?” Ein Loch im Erdboden hätte mir in diesem Moment geholfen. Wie mir meine Mitschüler*innen im Laufe der Zeit allerdings gebeichtet haben, haben sie sich die gleiche Frage wie meine Lehrerin damals gestellt.

Ist das ein Junge oder ein Mädchen? Na anscheinend ein Mädchen, sonst wäre sie ja nicht im Mädchensport.

Auch bei mir, Mirjam, rätselte die Parallelklasse über mein Geschlecht, die Jungs machten sich über mich lustig, als einer von ihnen und ich dasselbe Shirt trugen. Da wurden mir die Kommentare der Erwachsenen bewusster. Tanten und Bekannte zu meiner Mutter, wenn sie mich nach Ewigkeiten wieder sahen: „Deine Tochter zieht sich aber schon sehr maskulin an. Wie lang glaubst du, geht die Phase noch?“ Beruhigendes Zureden von Verkäuferinnen, wenn das Kleidungsstück nicht glitzern oder rosa sein durfte: “Keine Sorge, ein, zwei Jahre noch…“ Das besorgte „du weißt aber, dass am See dann Jungs dieselbe Badehose anhaben, wie du“ meiner Mutter. Im Schwimmunterricht fühlte ich mich jetzt unwohl, der Rest hatte ja nur einen Bikini und nicht noch diese Badehose an. Sportunterricht – „Von wem ist denn die Hose? Glaub der Jonas hat die auch.“ Kommentar zu meinen Hemden – „Warum hast du eigentlich nie Tops an? Sorry, aber das würde mein Opa anziehen, wenn er auf Safari geht.“ Von da an fühlte ich mich nicht mehr so wohl in meinen Sachen.

Was deutlich wird, ist, dass bereits für uns als cis Personen diese Erfahrungen beklemmende Gefühle und starkes Unwohlsein hervorgerufen haben. Trans, non-binäre und/oder agender Personen treffen solche Erfahrungen nochmal härter. Diese Diskriminierung ist auf Vorurteile zurückzuführen, die auf gesellschaftlichen Normen und Strukturen basiert. Die vorherrschende Brille der Gesellschaft ist leider immer noch cisheteronormativ. Daraus resultiert eine Feindlichkeit gegenüber allem, was nicht in dieses Bild passt, zum Beispiel eben diese Diskriminierung gegen queere oder trans Personen.

Peer Pressure: Von Mitläuferinnen zur Selbstfindung

Die Blicke der anderen, das Getuschel hinter meinem Rücken und mein geringes Selbstbewusstsein damals haben mich als elfjährige Lea dazu geleitet, mir die Haare wieder langsam wachsen zu lassen, bis unters Schlüsselbein. Ich habe mir meine Haare gerne geflochten, Frisuren ausprobieren hat Spaß gemacht, aber das war eben einfach nicht ich. Mit 16 ging ich also wieder zum Friseur. Mit erneuter Kurzhaarfrisur fühlte ich mich gleich wohler.

Mit 14 begann ich, Mirjam, meinen Kleiderschrank einer Generalüberholung zu unterziehen. Enge Shirts mit Ausschnitt, skinny Jeans, zum Schulkonzert das Kleid, Schmuck, Nagellack. Ich trug, was alle trugen. Zunächst mit sehr viel Unbehagen, denn ich fühlte mich konstant angestarrt. Schaue ich nicht doof aus? Nein, Erleichterung und Zuspruch von allen Seiten. Meine Mutter war begeistert beim Klamottenkauf: „Gerne gehen wir neue Shirts kaufen! Konfirmationskleid? Suchen wir aus!“ Freund*innen in der Schule: „Heute schaust du endlich mal aus, wie ein Mädchen! Steht dir!“ Die Tanten und Bekannten stießen jetzt ein erleichtertes „Deine Tochter hat sich aber gemacht!“ aus.

Manche Menschen sind immer noch unsicher, “was ich, Lea, denn bin”. Letztes Jahr mit meinen Eltern beim Essen: “Was darf es denn für den Herrn sein?” Ich dachte, der Kellner meint meinen Vater, aber die Frage war wohl an mich gerichtet. Hoppla. Inzwischen nehme ich das mit einem Lächeln hin.

Heute, ein paar Jahre älter und selbstbewusster, tragen wir einfach, was uns gefällt. Egal, aus welcher Abteilung. Dabei denken wir an alle trans, nicht-binären und/oder agender Personen, für die es so unfassbar wichtig ist, sich so ausdrücken zu können, dass andere sie als das Geschlecht wahrnehmen,  dem sie sich zugehörig fühlen. Wir verurteilen keine Person, die sich so kleidet, wie es gerade Trend ist.

 Was wir uns aber wünschen? Denkt nach.

Wenn ihr uns vor ein paar Jahren gesehen hättet, hättet ihr “Die sieht aus wie ein Junge!” zum Lästern benutzt? Wenn ja, dann seid euch dessen bewusst. Seid euch bewusst, dass es Menschen gibt, die für diesen Stil ausgeschlossen werden und wurden, ob vom Spielplatz oder aus der Schulmensa. Seid euch bewusst, was alles geschehen musste, bis ihr bunte Hemden anziehen konntet, ohne komisch angeschaut zu werden. Klärt auf. XYZ in der Klasse eures kleinen Bruders wird gerade geärgert, weil er mit Nagellack und Rock in die Schule kommt? Sagt doch einfach: Alle Menschen können tragen, was sie wollen und es ist cool, sich durch Kleidung auszudrücken. Wir wünschen euch viel Spaß beim Shoppen!

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