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Meine Straße, meine Uni, mein Blog.

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Warum Menschen von Make‐Up‐Tipps bis zu persönlichen Details über ihr Sexleben nahezu alles im Internet veröffentlichen — und damit auch noch Geld verdienen.
Titelbild: Jil Sayffaerth

Nach einer einwöchigen abenteuerlichen Safari durch den Internetdschungel sind wir verwirrter als zuvor. Was zur Hölle ist „Nude Make‐Up“? Wieso muss man sein Essen erst optisch ansprechend arrangieren, fotografieren und dann auf Facebook posten, bevor man es essen darf? Und was haben Handtaschen bitteschön mit Schokolade zu tun? All diese Informationen findet man auf den unterschiedlichsten Internetblogs. Spätestens im Studium lernt man, dass man im Internet alles findet, was man braucht: Ob Rezepte für eine chinesische Wokpfanne, eine Anleitung, wie man sich Herzchen auf die Fingernägel lackiert, oder Tipps, wie man den Rotweinfleck von der letzten WG‐Party aus dem Teppich bekommt. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir auf alles, was wir in der Google‐Suchfunktion eingeben, auch eine Antwort erhalten. Dabei denken wir eigentlich nie darüber nach, dass irgendjemand diese Antwort auch einmal ins Netz gestellt haben muss.
Natürlich kennt jeder die einschlägigen Seiten wie Wikipedia, gutefrage.net oder chefkoch.de, die gerade den Studenten das Leben so viel leichter machen. Aber wenn man sich einmal etwas abseits der üblichen Internetportale bewegt, stößt man auf zahlreiche liebevoll, teils auch unbeholfen, gestaltete Internetseiten. Sie beschäftigen sich mit allem, was man sich nur vorstellen kann – das Phänomen „Blog“.

Das Phänomen Blog
Ein Blog ist eine Website, auf der persönliche Beiträge von einem sogenannten Blogger veröffentlicht werden. Die Themen sind dabei so bunt und verschieden wie das Leben selbst. Doch wer steckt eigentlich hinter einem Blog und wieso macht sich diese Person tatsächlich die Mühe, verschiedene Lippenstifte miteinander zu vergleichen und die Ergebnisse mit der ganzen Welt zu teilen? Auch in unserem beschaulichen Franken gibt es einige Kandidaten, die sich gerne öffentlich mitteilen. Bei Blogs denken die meisten erst mal an eine Art Tagebuch – nur eben online und damit für alle zugänglich. Eine eigentlich eher unangenehme Vorstellung.
Das persönliche Tagebuch soll schließlich nicht mal die eigene Mutter zu Gesicht bekommen. Viele Blogger sehen das aber ganz anders: Zum Beispiel Nina, ehemalige Studentin und inzwischen Vollzeitmutter aus Bamberg, die hinter dem Blog „Die Paule“ steckt. Ihr scheint es nicht unangenehm zu sein, private Dinge öffentlich im Internet preiszugeben. So schreibt sie in ihrem Blog gnadenlos ehrlich über „Panik, Heulattacken, schlaflose Nächte inklusive Zukunftsangst und bodenloses Selbstmitleid“ beim Mutter‐Werden. Dabei verschweigt sie weder Details über ihr Sexleben noch teils recht unappetitliche Geschichten aus dem Kinderzimmer: „Immer wenn du denkst, da käme doch nicht noch mehr raus, kommt mit Sicherheit noch was aus dem Baby. Flüssig, dickflüssig oder gasförmig.“ Aber was bewegt einen Menschen dazu, sein Privatleben einer ganzen Internetcommunity zu offenbaren?

Intimität im WorldWideWeb
Kowi‐Student Maximilian war vor seinem Studium ein halbes Jahr in Australien und hat seine Erfahrungen in dem Blog „sechzehntausend km“ festgehalten. Auch sein Blog erinnert öfter mal an ein Tagebuch, wenn es um Themen wie Heimweh oder ähnliches geht. „Für mich war der Blog wie eine Art Bezugsperson. Ich war ja bewusst alleine unterwegs und konnte mich so trotzdem immer jemandem mitteilen. Das Feedback von Freunden und Familie hat mir sicher manchen Tag leichter gemacht.“ Ein weiteres Motiv von ihm war auch schlicht Bequemlichkeit: So muss man nicht ständig zwanzig Mails an die Daheimgebliebenen schreiben.
Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die verschiedenen Modeblogger. So wie Dine aus Bad Staffelstein, die unter dem Namen „missblondidine“ bloggt. Nicht etwa über sich und ihr Leben, sondern über Make‐Up. Sie äußert sich seitenlang und detailgetreu zu ihren liebsten Kosmetikprodukten, vergleicht Lippenstifte und philosophiert über zu stark glitzernden Glitterpuder.
Aber wen interessiert das überhaupt? Tatsächlich eine ganze Menge Leute. Monatlich informieren sich mehr als zehntausend Internet‐User, welchen Nagellack Dine heute bevorzugt – und sind begeistert. Eine Leserin schreibt unter Fotos, auf denen sich die Bloggerin einen abenteuerlichen Lidstrich gezogen hat: „Wow – superschön geworden! Du hast so tolle Wimpern!“, von diesen Kommentaren gibt es Hunderte auf der Seite von Missblondidine. Das ist kein Tagebuch mehr, das ist Werbung pur – denn bei jedem Produkt, das Dine benutzt, steht zwangsläufig auch die Marke im Vordergrund.

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Auch ein eher seltenes Phänomen findet sich unter den Bloggern Frankens: ein Mann, der über Mode bloggt. Und zwar nicht nur über Mode, sondern auch über Schokolade. Eigentlich eine seltsame Kombination, aber nicht für Heiko Kunkel, der unter dem Namen Olschok auf olschis‐world bloggt. „Für mich passt beides wunderbar zusammen, denn es hat beides mit Leidenschaft zu tun, ist Genuss, aber auch Handwerk.“ Bei Olschok geht es ebenfalls nicht mehr nur um Selbstverwirklichung, sondern auch um Marketing. Was die meisten nicht wissen: Mit einem Blog kann man auch Geld verdienen.

Blogging statt Nebenjob
Primär funktioniert das durch Werbung, wie zum Beispiel Produktlinks auf dem eigenen Blog. Wenn der Leser dann den Link anklickt und in dem Onlineshop etwas bestellt, erhält der Blogger einen Prozentsatz des Erlöses. Oder die eher plumpe Methode: einen Werbebanner von einer Firma oder einem Produkt auf der Startseite des Blogs installieren und dafür bezahlt werden. Bei Olschok „flattert auch ab und an mal ein Päckchen ins Haus“ mit der Bitte einer Firma, die gesendeten Produkte im Blog zu präsentieren. Wobei die meisten Blogger, wie auch Olschok, nicht wahllos alles bewerben, sondern nur das, was ihnen auch wirklich gefällt. Man muss ja authentisch bleiben, das verlangen auch die Leser.

Das ist kein Tagebuch mehr – das ist Werbung pur.

„Das wichtigste Gut bei Bloggern ist die Leserschaft“, findet Chris Dippold, ein Auszubildender aus Bamberg. Er unterhält nicht nur seinen privaten Blog chrizblog.de, sondern ist auch Gründer des bekannten Lokalblogs Bamigo. Trotz des hohen Bekanntheitgrades und des damit verbundenen Zeitaufwandes verdient Chris mit Bamigo kein Geld. Er hat vor drei Jahren mit einem Freund angefangen, weil er seine Heimatstadt Bamberg, die er seine „Traumstadt“ nennt, damit unterstützen wollte. Und das tut er auch. Bamigo hat inzwischen zahlreiche Leser – nicht nur unter Jugendlichen, sondern auch unter älteren Leuten, die sich über ihre Stadt informieren wollen. Chris’ privater Blog ist sogar noch viel erfolgreicher, es haben ihn schon Leute auf der Straße erkannt.
Dennoch sieht der 22‐Jährige auch die Schattenseiten des Bloggens. In Deutschland gibt es eine Impressumspflicht, das heißt, jeder Blogger muss seine Kontaktdaten – auch seine Adresse – im Internet veröffentlichen. „Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man sieht, wie viele Leute sich heute auf deinem Blog deine Anschrift angeschaut haben.“ An diese Adresse hat er nicht nur Fanpost bekommen. Es gibt Anwaltskanzleien, die sich darauf spezialisiert haben, Abmahnungen an Blogger zu schicken, die Urheberrechtsverletzungen mit Fotos oder Musikvideos begangen haben. Auch wenn sich diese Abmahnungen häufig nicht im Rahmen des Gesetzes bewegen, zahlen viele aus Angst trotzdem. Bei Chris ist bis jetzt aber immer alles gut gegangen. Natürlich gibt es auch beim Bloggen das altbekannte Problem: Das Internet vergisst nichts.
Beim Blog ist man der eigene Chef, das bedeutet aber auch, dass man ganz allein für alles verantwortlich ist. Mit seiner subjektiven Meinung, die öffentlich zur Schau gestellt wird, bietet man auch viel Angriffsfläche, die nicht nur positive Kommentare auf sich zieht. Trotz dieser ganzen bunten Möglichkeiten, die die Bloggerwelt bietet, ist es wichtig, den Laptop auch mal zuklappen zu können. Selbst der leidenschaftliche Blogger Chris wird sich bald ganz bewusst eine Auszeit von all dem nehmen. Im Urlaub will er eine Woche komplett auf Internet verzichten und sich ganz auf sich konzentrieren. „Meine Handschrift wird durch das viele Tippen auch immer schlechter.“ So eine Auszeit kann schließlich auch wieder frische Ideen für die Zukunft liefern — oder für den neuen Reiseblog.

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