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Unisport ausprobiert: Krav Maga

Unisport ausprobiert: Krav Maga

Mut, Aggressivität und eine große Portion Kampfgeist – für Krav Maga braucht man ein dickes Fell. Unser Redakteur Ralf traut sich zum Training.

Natürlich komme ich gleich beim ersten Mal zu spät. Das ist aber wohl eine typische Studentenkrankheit, nach mir kommen noch zwei weitere Teilnehmer. Ich reihe mich einfach zwischen die Hampelmann machenden Leute in der ersten Reihe ein. Viel Zeit habe ich nicht, den morbiden Charme des winzigen Tischtennisraums mit den Backsteinwänden zu genießen. Es geht gleich weiter mit Dehnübungen und Liegestützen, das meiste davon auf dem kalten Betonboden. Der wird dabei wenigstens mal vom Staub befreit. So weit nichts Neues, das kenne ich ja von anderen Sportarten. Nach einer halben Stunde Aufwärmen gibt es endlich eine Minute zum Verschnaufen. Ich nehme die anderen Kursteilnehmer in Augenschein. Wie zu erwarten, sind hier hauptsächlich Jungs aufgeschlagen. Der Statur und den Bewegungen nach zu urteilen, haben die wenigsten bisher Kampfsport gemacht. Wie ich später erfahre, ist deren Hauptmotivation für den Kursbesuch sich einfach auszuprobieren.

Gerade die Kampfsportler wollen aber auch mal etwas Anwendungsbezogenes für die kritische Situation auf der Straße machen. Auch einige mutige Mädels haben sich hierher verirrt. Ihre Motivation? „Einfach mal ausprobieren, Selbstverteidigung und natürlich Fitness“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Die Fitness kommt in diesem Kurs definitiv nicht zu kurz. Wer ambitioniert mitmacht, ist am Ende der 75 Minuten nassgeschwitzt. Krav Maga ist anders als die Kampfsportarten, die ich bisher gemacht habe. Aus Boxen und Sambo kann man zwar viel rausziehen, Schlag‑, Tritt- und Hebeltechniken sind im Krav Maga aber größtenteils aus anderen, bereits vorhandenen Kampfsportarten übernommen und vereinfacht worden. Krav Maga unterscheidet sich jedoch fundamental von Boxen, Judo oder Karate: Es ist kein Kampfsport und keine Kampfkunst, sondern ein knallhartes militärisches Nahkampfsystem. Hier geht es nicht um Sieg oder Niederlage, es geht nicht ums Punktesammeln. Basierend auf natürlichen Bewegungsabläufen soll man mit Krav Maga vor allem eins erreichen: den Gegner schnell und effektiv kampfunfähig machen. Dabei gibt es keine Regeln, je brutaler der Angriff, desto besser. Vom Gegner lassen wir erst ab, wenn er sich nicht mehr rührt. Instructor David sagt dazu:

„We don‘t run. We beat the hell out of him. We hurt him.”

Wenn man Pech hat und wegrennt, bevor die Gefahr abgewendet ist, hat man am Ende vielleicht ein Messer im Rücken. Genau das ist einer Kollegin von David in Amerika passiert. Der Bezug auf die tatsächliche Gefahrenabwehr bringt es auch mit sich, dass im Krav Maga der Umgang mit Waffen Bestandteil des Trainings ist. Angefangen bei der Messerabwehr, über den Messerkampf und das Entwaffnen eines Gegners geht das bis hin zum richtigen Einsatz der Handwaffe im Nahkampf im militärischen Bereich. In Deutschland mag diese Einstellung übertrieben wirken. In anderen Ländern kann es dagegen tatsächlich passieren, dass einem eine Waffe an den Kopf gehalten wird. Jedenfalls wird Instructor David nicht müde, vor solchen gefährlichen Situationen außerhalb des Ponyhofs Deutschland zu warnen. David war früher bei der Army und weiß, wovon er redet.

Krav Maga betreibt er schon seit zehn Jahren, seit 2010 als offizieller Instructor der IKMF (International Krav Maga Federation). Egal wie kritisch die Situation sein mag, David besteht darauf: „A professional don‘t panic.”
Voraussetzung für Souveränität im Ernstfall ist allerdings die perfekte Beherrschung der Kampftechniken von Krav Maga. „Du musst die Technik jetzt richtig machen, sonst machst du sie später auf der Straße auch nicht richtig. Und dann kämpfst du wie ein Idiot“, sagt David und hat damit zweifelsohne Recht. Die Techniken von Krav Maga können Leben retten, aber dilettantisch ausgeführt können sie auch den Kämpfer selbst und andere in Gefahr bringen. Im Training wird deshalb großer Wert auf die korrekte Ausführung gelegt. Im Anschluss wird die Technik drillmäßig immer wieder geübt, so lange, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen ist. Nur dann beherrscht man sie auch in einer Gefahrensituation instinktiv. Im Training sieht das dann so aus, dass mir mein Gegner hundertmal ans rechte Schienbein schlägt, hundertmal ans linke und dazu meine Unterarme malträtiert.

Wer also mal ein Kampfsystem ohne Beschränkungen, ohne Berücksichtigung von Fairness in der Kampfsituation, rein anwendungsbezogen auf den Straßenkampf ausprobieren will, ist beim Krav Maga gut aufgehoben. Wer aber Angst davor hat, gewürgt zu werden oder blaue Flecken zu bekommen, sollte sich lieber eine friedlichere Sportart suchen.

Text: Ralf Stöcklein
Fotos: Bianca Taube

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