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Leben ist, wenn man trotzdem träumt — E.T.A.-Hoffmann-Theater

Leben ist, wenn man trotzdem träumt — E.T.A.-Hoffmann-Theater

Das E.T.A.-Hoffmann-Theater präsentiert „Der Mann von La Mancha“, ein buntes, von schrägen Charakteren bevölkertes Stück im Stück. Das Musical von Dale Wassermann über Don-Quixote-Autor Miguel de Cervantes mit Live-Musik des ensembleKONTRASTE.

Der Steuereintreiber Cervantes und sein Diener landen im Kerker der Inquisition, weil ein Kloster seine Steuern nicht zahlen kann. Vergehen: „Er hat eine Kirche gepfändet.“ Die Inquisition ist not amused und schnell ist klar: Die Welt ist ein ungerechter Misthaufen – ganz besonders im Spanien des 16. Jahrhunderts. Aber nicht nur da, darum trägt der Hauptmann der Wache SS-Uniform. Im Gefängnis wird Cervantes erst einmal ausgeraubt. Sein Manuskript des „Don Quixote“ kann er vorerst dadurch retten, dass er die anderen Gefangenen für ein Theaterspiel begeistert. Das Stück im Stück beginnt.
Dale Wassermann hat seinen „Man of la Mancha“ nicht als literarische Adaption des Don Quixote angelegt, sondern als Schlaglicht auf den Autor Miguel de Cervantes, dessen Leben sich selbst schon liest wie ein Drama der tragischen Sorte: Militärdienst, Piratenüberfall und Entführung, literarischer Misserfolg, mehrmals Gefängnis (meist wohl unschuldig), irgendwo zwischendrin der Don Quixote, Verarmung, Krankheit, Tod.

Eine bessere Welt   Im bedrückend düster-kahlen Gefängnisloch spielen die Gefangenen Szenen aus Don Quixote nach und bis zur Pause plätschert die Inszenierung sehr unterhaltsam dahin. Die zuweilen lebensfroh bunten Kostüme bilden einen trotzigen Kontrast zu den bedrohlich finsteren Kerkermauern. Alle lassen sich anstecken von dem sanften Wahnsinn des Ritters von der traurigen Gestalt, der in einem Gastwirt einen Kastellan und in einer Prostituierten eine Prinzessin sieht. Vergessen scheint die Inquisition, frei nach dem Motto: Ganz gewiss ist es der größte Wahnsinn, das Leben so zu sehen, wie es ist, und nicht so, wie es sein sollte.
Dieses Streben nach einer gerechteren und besseren Welt kommt in der Zeit nach der Uraufführung 1965 gut an und „Man of la Mancha“ wird ein internationaler Erfolg, angeblich sogar vergleichbar mit „My Fair Lady“ und „Fiddler on the Roof“.

Aus der Traum?   Nach der Pause wird der Traum vom Rittertum gnadenlos zerlegt. Die Inquisition meldet sich zurück, die Zeit läuft ab. Das Stück im Stück nimmt seinen Fortgang mit einer Gruppenvergewaltigung der Angebeteten des idealistischen Ritters. Aus der Traum. Sollte man meinen. Als Cervantes am Ende von der Inquisition abgeführt wird, ist nichts gut, aber trotzdem lebt irgendwie irgendwo der Wunsch fort, dass es Güte, Edelmut und Tapferkeit eben nicht nur in Geschichten gibt. Vielleicht stimmt darum in der letzten Szene selbst der Wachhauptmann in den trotzigen Schlusschor mit ein.
Begnadete Schauspieler hauchen der Geschichte um einen, der trotz aller Enttäuschungen immer weiter macht, Leben ein – allen voran Iris Hochberger als Dirne (oder doch Prinzessin?), Aldonza, Volker J. Ringe als Don Quixote-Cervantes und ein unglaublich liebenswerter Patrick L. Schmitz als Diener des Ritters bzw. Schriftstellers. Die Atmosphäre ist vor allem dem Bühnenbild zu verdanken, das gerade auf das Nötigste reduziert ist, aber eben auch nicht weiter. Dass das Ganze bei Live-Musik stattfindet, rundet das Theatererlebnis zusätzlich ab. Wenn das Licht dann wieder angeht, stellt sich nur noch die Frage, ob man gleich aufbricht, um für das Gute zu kämpfen, oder doch erst einmal Don Quixote in Gänze liest.

Fotos: Thomas Bachmann

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