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Wir starten in Warschau

Wir starten in Warschau

Hello, is there a room for two persons available?“ Der Mann auf der anderen Seite der Theke steht leicht gekrümmt im Halbdunkel der Rezeption, die nur durch das schwache Grau des Gewitters auf der anderen Seite der halb geschlossenen Jalousien aufgehellt wird. Eine Fliege, die sich summend durch die dicke Luft kämpft, begleitet das gedämpfte Trommeln der Regentropfen. Wer genau hinsieht, erkennt vielleicht, wie die Pflanze in der Ecke sich langsam gelb verfärbt.

Da hebt sich der Brustkorb des Mannes und ein langer, tiefer Seufzer beendet seinen Ruhezustand. Mehr als tausend Worte beschreibt dieses Seufzen die unbeschreiblichen Qualen, die wir unserem Gegenüber mit dieser dreisten Frage bereiten. Doch mit ungeahnter Agilität, die an die Viskosität leicht verzuckerten Honigs erinnert, bewegt der Mann seine Finger über die Tastatur eines Taschenrechners. „Price is one-thirty.“ Er unterstreicht seine Worte, indem er uns das graue Gerät in seiner Hand entgegenreckt. Wir akzeptieren das Angebot und werden stumm auf das Kreditkarten-Lesegerät verwiesen. „Do you have Wi-Fi?“ Die Fliege zieht Kreise über den verwelkten Überresten einer Zimmerpflanze. Für den Rezeptionisten ist wohl gerade eine Welt zusammengebrochen; das gibt zumindest sein Seufzer zu verstehen. Wortlos legt er einen Zettel mit dem Passwort auf Tisch. Nur wenig später schließlich beweist der Mann mit einer Wegbeschreibung aus drei vollständigen Sätzen, dass er der englischen Sprache mächtig ist. Willkommen in Warschau!

Warschau. Foto: Jonas Meder
Warschau. Foto: Jonas Meder

Auch wenn fast alle Dienstleister in Polen eine ähnliche Begeisterung für ihren Job an den Tag zu legen scheinen, muss man zur Ehrenrettung unserer Nachbarn erwähnen, dass man nicht von allen Einheimischen behandelt wird, als wäre man ihnen gerade mit einem Panzer über den Zeh gefahren. Dass andere Deutsche genau das vor nicht allzu langer Zeit taten, hinterließ jedoch im ganzen Land Spuren. Warschau besitzt eine kleine, aber schöne Altstadt, die nur einen Haken hat: Nichts hier ist älter als 70 Jahre. Die ursprünglich teilweise im 13. Jahrhundert gebauten Gebäude, das Königsschloss, die Stadtmauern, nichts überlebte den zweiten Weltkrieg. In nur sechs Jahren wurde die Altstadt ab 1949 wieder aufgebaut. Anders das Warschauer Ghetto, von dem kaum noch Überreste zu finden sind.

Auch in Treblinka, das nur über kleine Landstraßen aus jahrzehntelang wettergegerbten Betonplatten, die durch idyllische Dörfer und lichte Birkenwälder führen, zu erreichen ist, sind keine originalen Gebäude mehr zu sehen. Nach der Ermordung von etwa einer Million Menschen in etwas mehr als einem Jahr und einem Aufstand der Gefangenen, bei dem einigen die Flucht gelang, bauten die Nationalsozialisten das Lager Ende 1943 ab. Heute stehen wir auf einer riesigen Lichtung im Wald, auf der eindrucksvoll die Ausmaße der Naziverbrechen vergegenwärtigt werden. 17.000 aufgestellte Felsbrocken bedecken eine unüberschaubare Fläche. Es wäre ein beklemmender Anblick, wenn jeder Stein an ein Todesopfer erinnern würde. Jeder Stein symbolisiert eine Stadt, aus der Menschen zur Tötung hierher gebracht wurden. Das überwältigt. Wir stehen stumm davor. Die Weiterfahrt dient hier der Verarbeitung des Gesehenen. Im angeschlossenen Museum ist die Geschichte des Vernichtungslagers aufbereitet.

Treblinka. Foto: Jonas Meder
Treblinka. Foto: Jonas Meder

Im Gegensatz dazu steht der Umgang mit einer weiteren Nazi-Hinterlassenschaft: Die Wolfsschanze, ehemaliges Führerhauptquartier im Norden Polens, ist heute eine beliebte Touristenattraktion. Doch obwohl für den Zutritt 15 Euro verlangt werden, findet hier keinerlei Aufbereitung statt. Hier liegen einige gigantische Betonklötze im Wald herum, und nichts weist darauf hin, was hinter diesen Mauern vorging. Lediglich eine kleine Tafel erinnert an das Stauffenberg-Attentat am selben Ort. Dafür werden Panzerfahrten offeriert und Mutti kann im Souvenirladen eine silberne Handgranate für sich und einen Totenkopf mit SS-Helm für den Kleinen mitnehmen. Wir ignorieren die Angebote ebenso wie die Verbotsschilder, die hier Beschreibungen oder Erläuterungen ersetzen, und sehen uns einige der Bunker von innen an. Hier, durch acht Meter Stahlbeton von Granatenverkäufern und Busgruppen aus Zwickau getrennt, beeindruckt die Wolfsschanze erstmals ein wenig. Enge Gänge führen zu großen Räumen, die die Nazis aber vor ihrem Rückzug größtenteils sprengten. Im Licht unserer Smartphones strahlen die Wände eine einzigartige Mischung aus Geborgenheit und diffuser Bedrohung aus. Dennoch verlassen wir das Gelände mit einem bitteren Beigeschmack, weil eine geradezu verherrlichende Darstellung der dunklen Vergangenheit und unverschämter Kommerz den geschichtsträchtigen Ort heute prägen.

Geschichte erleben wir auch mitten in Warschau, wo ein Urvater des 3D-Kinos seit 110 Jahren ohne Unterbrechung in Betrieb ist. Das Fotoplastikon ist ein Kaiserpanorama, was im frühen 20. Jahrhundert einen Hype erlebte. Durch Gucklöcher konnte man einst plastische Standbilder begehrenswerter Reiseziele betrachten, während heute Bilder des zerstörten Warschau abgespielt werden. Gegenüber empfiehlt sich eine Fahrt auf den Kulturpalast, der die perfekte Aussicht auf die Stadt bietet. In den Fahrstühlen kann man Damen bei einem der langweiligsten Berufe der Welt beobachten: Abwechselnd drücken sie den obersten und den untersten Knopf des Lifts und legen dazwischen mehr Höhenmeter zurück als Reinhold Messner in seinen besten Tagen. Auch ohne große Höhenunterschiede ist die Masurische Seenplatte eine der schönsten Landschaften auf unserer Reise. Herrliche Landstraßen winden sich um zahllose kleine Seen. Ich halte die Freude am Fahren gerade so weit zurück, dass meinem Beifahrer nicht zu übel wird.

Doch obwohl Polen also einiges zu bieten hat, liegt die litauische Grenze bald hinter uns, denn wir sind erst ganz am Anfang unserer Reise.

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