Niemand ist schuld und keiner will bauen
Bei der Stadtratssitzung zur Wohnungsnot schieben sich Stadt und Studentenwerk gegenseitig den schwarzen Peter zu. Ein Streit, der auf dem Rücken der Studierenden ausgetragen wird.
Schon letztes Jahr standen viele Erstsemester in Bamberg ohne Wohnung da. In diesem Wintersemester hat sich ihre Situation dramatisch verschlimmert. Um den Studierenden Loyalität zu signalisieren, setzte Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) die Wohnsituation als ersten Punkt auf die Tagesordnung der Stadtratssitzung am Mittwoch. Geladen waren dazu nicht nur Unipräsident Godehard Ruppert und Vizepräsident für Lehre Sebastian Kempgen, sondern auch der Geschäftsführer des Studentenwerk Würzburg, Michael Ullrich und die beiden Studentenvertreter Jonas Klinner und Sören Baum. Fachschaftenratsprecher Sören Baum zeigte sich hinterher enttäuscht von der Sitzung: Zu einer „konstruktiven Diskussion“ sei es nicht gekommen.
„Wir können mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden sein“, sagte der Vorsitzende des studentischen Konvents, Jonas Klinner, bei seiner Rede in der Stadtratssitzung. Einige Studierende würden sogar aus München pendeln, andere wohnten auf dem Zeltplatz. Wie groß die Dunkelziffer an wohnungslosen Studierenden sei, wisse niemand. Doch allein innerhalb der letzten Woche habe es 50 Anfragen bei der Studentenkanzlei und dem von Studierenden auf die Beine gestellten Projekt „Bamberg Will Wohnen“ gegeben.
Die Aktion „Containerdorf am Pestheim” ist vorerst vom Studentenwerk abgeblasen. Starke warf dem Studentenwerk Lethargie vor: „Es liegt an Ihnen, zu handeln“, forderte er von Geschäftsführer Ullrich. Dieser fühlte sich in die Enge getrieben. Pläne zur kurzfristigen Entlastung der Situation konnte er nicht vorweisen. Die Lösung in Form eines Containerdorfs auf dem Parkdeck am Wohnheim Pestalozzistraße sei aus Kostengründen nicht realisierbar. Ullrich rechnete vor: Bei 40 Containerplätzen würde das Studentenwerk wegen der hohen Bau- und Pachtkosten einen Verlust von 788 000 Euro innerhalb von zehn Jahren machen. Starke sprach von einem „Vertrauensbruch“. Man habe dem Studentenwerk den Bauantrag für die Container genehmigt und auf eine gemeinsame Lösung vertraut. Dennoch bot er Ullrich an, noch am Donnerstag wieder Gespräche aufzunehmen, damit die Container nicht Utopie bleiben.
Derzeit kommen auf 12 300 Studierende 1 310 vom Studentenwerk geförderte Wohnplätze. Noch im Wintersemester 2010/11 lag laut einer Stellungnahme des Studentenwerks die Wohnheimquote in Bamberg über dem Durchschnitt der bayerischen Hochschulstädte. Auch sei 2008 in Pressemeldungen von Uni und Stadt immer wieder von großen Projekten für Studierende von verschiedenen Privatinvestoren berichtet worden. Deshalb sind laut Ullrich von der Obersten Baubehörde des Landes Bayern keine Zuschüsse zum Wohnungsbau bewilligt worden. Erst seit einem halben Jahr bekommt das Studentenwerk wieder mehr Geld. Genauso lange wird über die Container an der Pestalozzistraße nachgedacht. Jetzt stellt sich heraus: verlorene Zeit.
Ullrich warf mit Zahlen um sich, letztlich um zu signalisieren: Das Studentenwerk hat nicht genug Geld für Bamberg. „2020 werden die Studentenzahlen wieder zurückgehen“, sagte er nach der Sitzung im Gespräch mit den Studentenvertretern. Will das Studentenwerk, das allein für den Bau geförderter Wohnplätze für Studierende zuständig ist, vor der Studierendenflut weiter die Augen zu verschließen, hätte dies fatale Folgen. Immerhin wird derzeit der Bau eines Wohnheims mit 100 Plätzen an der Memmelsdorfer Straße geprüft. Fertig ist das Gebäude frühestens zum Sommersemester 2014. Weitere kurzfristige Zwischenlösungen wie die Unterbringung von Studierenden im Postgebäude an der Memmelsdorfer Straße sind wegen Brandschutzvorschriften nicht realisierbar.
OB Starke schreibt einen Beschwerdebrief an Wissenschaftsminister Heubisch Oberbürgermeister Starke versuchte den Eindruck zu vermitteln, er gebe sein Bestes. Bei einem runden-Tisch-Gespräch mit Studierenden am Dienstag versprach er, sich für eine Ausweitung des Busnetzes ins Umland stark zu machen. Dazu werde er eine Bedarfsermittlung mit Hilfe der Uni-Leitung durchführen. Gleichzeitig ließ er durchklingen, er hoffe auf eine Reduzierung der Studierenden durch freiwillige Exmatrikulationen, „Rausprüfen” und die Einführung von NCs. Seit 2006 gibt es im Rathaus eine Arbeitsgruppe, die Kooperationen mit der Universität anleiern soll. Im Jahr 2009 wurde erstmals über die Wohnungsnot gesprochen; der doppelte Abiturjahrgang ist seit sechs Jahren bekannt. Jetzt versucht Starke hektisch wieder gutzumachen, was während der letzten Jahre verschlafen wurde: So schrieb er letzte Woche an Hotels und Ferienwohnungen in Bamberg und Umland mit der Forderung, kostengünstige Zimmer für Studierende zur Verfügung zu stellen. Außerdem setzt sich der Oberbürgermeister für ein zinsgünstiges Darlehen an potentielle Vermieter von Studierenden-WGs ein. Eine Kooperation mit der Sparkasse ist angelaufen. Die Vorsitzende der Grün-Alternativen-Liste, Ursula Sowa, sieht dennoch Handlungsbedarf. In der Sitzung am Mittwoch sagte sie: „Der soziale Wohnungsbau wurde von der Stadtbau sträflich vernachlässigt.“ Die Stadt hätte schon im Vorfeld mehr Druck auf den Freistaat ausüben sollen. Oberbürgermeister Starke scheint die Kritik ernst genommen zu haben: Am Donnerstag schrieb er laut Pressestelle der Stadt einen Beschwerdebrief an Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP), in dem er die Vorgehensweise des Studentenwerks kritisierte.
Universitätspräsident Godehard Ruppert wusch derweil seine Hände in Unschuld: „Wir können die Wohnsituation nur zur Kenntnis nehmen, uns sind die Hände gebunden“, sagte er. Man habe extra geprüft, ob Wohnungsbau der Universität nicht doch möglich sei – erfolglos. Ruppert sprach sich vehement gegen NCs aus und betonte auch: „Ich bin kein Schwarzer-Peter-Spieler.“ Im Anschluss an die Sitzung sagte Ruppert gegenüber Ottfried: „Eine Lösung hätte schon vor einigen Jahren angegangen werden sollen.“ Das Studentenwerk werde er nicht in die Mangel nehmen: beim Präsidentengespräch im Sommer sei ihm von den Studierenden vorgeworfen worden, zu viel Druck auszuüben und dadurch die Zusammenarbeit zu behindern. Vizepräsident Kempgen zeigte sich optimistisch. Das Studentenwerk stehe jetzt unter Handlungszwang, so seine Hoffnung.
Die Studentenvertreter gingen mit gemischten Gefühlen aus der Sitzung. „Unsere Argumente sind angekommen. Jetzt muss man die Ergebnisse abwarten“, sagte Jonas Klinner. Er hoffe darauf, dass bald Lösungen im kleinen Rahmen erfolgen. „Ich denke, Herr Starke wird den Druck auf Herrn Ullrich erhöhen.“ Sören Baum brachte Besorgnis zum Ausdruck. Entspannung werde zwar eintreten, aber nur deshalb, weil sich viele Studierende aufgrund der Wohnsituation wieder exmatrikulieren würden. Er sagte: „Über die Jahre wurde so viel verschlafen, dass wir heute vor einem Scherbenhaufen stehen.“
Was wird gemacht?
Wohnungslose Studierende melden sich am besten in der Studentenkanzlei oder bei „Bamberg Will Wohnen“ (E-Mail: bawiwo@gmx.de). Die Privatzimmervermittlung des Studentenwerk Würzburgs hat (stand Mittwoch) noch 18 Zimmer in Bamberg und 78 Zimmer im Umland frei (Tel. 0951 29781 11). Außerdem gibt es 23 Plätze in Notunterkünften des Studentenwerks in der Judenstraße und in der Pestalozzistraße. Nur ein Platz ist derzeit belegt, die Kosten liegen bei 7 Euro pro Nacht. 16 Zimmer hat das Studentenwerk am Oberen Stephansberg angemietet, im Januar 2012 kommen weitere 8 hinzu. Auf der Erba-Insel werden bis zum Sommersemester nochmals 150 Wohneinheiten für Studierende gebaut. Ein weiteres Großprojekt wird erst in einigen Jahren Entlastung schaffen: Auf dem Schäffler-Gelände entstehen derzeit rund 120 neue Wohnungen für Studierende.
Foto: Marcus Schoft