Ein Gastbeitrag von Fabian Christopher Franz 


Fabian Christopher Franz

Fabian Christopher Franz

Es ist ein Eindruck, der einer Tatsache so ähnlich ist, dass man beginnt, ihn für die Wahrheit zu halten.
Dieser Anschein besagt, dass die jungen Menschen, die jeden Tag in der Universitätsbibliothek sitzen, nicht daran arbeiten, sich Wissen anzueignen, um es als Mittel zur Verwirklichung ihres eigenen Potenzials und ihrer Träume zu nutzen. Sie besuchen die Bibliothek als eine Masse von Menschen, in der keiner den anderen kennt und daran auch kein Interesse hat, in der jeder Einzelne sich, einsam und von seinem Umfeld abgeschnitten, nur darum schert, einen freien Tisch vorzufinden und versucht, sein eigenes Schicksal unter Kontrolle zu behalten.
Es liegt still und unausgesprochen, aber in seiner Präsenz doch überdeutlich, in der Luft, dass der Zweck des Lernens ein anderer geworden ist. Das Studium der Wissenschaften an diesem Ort dient nicht mehr der wahrhaftigen Lehre, der Entdeckung, der Verwirklichung von Potenzial und Möglichkeiten, sondern schlicht der Flucht. Der Flucht vor dem Schatten einer Zukunft der Aussichtslosigkeit und der schlichten Bekämpfung eines Feindes, der um der Erhaltung der eigenen Integrität sowie der bloßen Existenzberechtigung, so sehr sie einem nur noch durch Konventionen bescheinigt wird, um jeden Preis vernichtet werden muss. Dass dabei das Produktive, das Positive, das Erschaffen und Mehren, das Wachstum auf der Strecke bleibt und zwangsläufig in den Hintergrund gerät, in dem sich dieser wichtige, gar essentielle Aspekt schon außerhalb des Spielfeldes wähnen muss, spielt kaum mehr eine Rolle angesichts der Notwendigkeit, dem absoluten Negativen, dem Untergang und Zerfall zu entgehen. Man verbleibt am Ende auf einer neutralen Position, der Null, die nur durch weitere Eigeninitiative ins Positive verschoben werden kann, die dennoch weiterhin niemals die Möglichkeiten ausschöpft, die durch eine produktive, Freiraum lassende und wahrlich fördernde Studiensystematisierung hätten realisiert werden können.

Dieser Ort ist zu einer leidlichen Durchgangsstation der informationellen Uniformierung des Individuums verkommen, anstatt ein Ort wahrhaftiger Weiterentwicklungsmöglichkeiten für Mensch und Welt zu sein.
An diesem Ort findet keine innere Einkehr mehr statt, nein. Dazu hat der Einzelne nicht die Zeit, wenn er Leistungen zu erbringen hat, die bei erfolgreicher Absolvierung mit dem Hinzufügen bloßer Zahlen auf dem Papier quittiert und hinterher nicht weiter thematisiert werden und auf welche, so ziemlich bald wieder, die nächste derartige Fremderwartung folgt. Der moderne deutsche Student soll aufnehmen und wiedergeben, nicht aufnehmen, verarbeiten, womöglich verändern, verbessern, erneuern, erschaffen und dann wiedergeben oder das Wiedergeben vielleicht auch unterlassen. Obgleich der Unterlass der Wiedergabe womöglich ohnehin einerlei ist, wenn der einzelne Student angesichts der Geldzahlungen, die die Universität für jeden neu immatrikulierten Studenten erhält, ohnehin auf einfaches Vieh reduziert wird, das großzügigerweise noch darum kämpfen darf, als Zucht- statt als Schlachtvieh enden zu dürfen.

Ich muss mir den Vorwurf, selbst zu dieser, ihren Widerwillen selten aussprechenden, gerasterten Masse zu gehören, ebenso gefallen lassen, das steht außer Frage. Doch habe ich Vorstellungen, von denen ich hoffe, dass das ihrer praktischen Umsetzung behilflich sein wird, was ich von diesem Orte zu meinem Nutzen mitnehmen zu können glaube. Eine weitere Hoffnung meinerseits ist, dass unter all den Menschen, die ich hier fast jeden Tag sehe, mehr dieser hier behandelten Sache bewusster und reflektierter gegenüber stehen, als ich bislang angenommen habe.