Alle Wege führen nach Rom
Nicht für jeden ist das Studium der beste Weg zum Erfolg. Viele erwägen Alternativen.
Voller Euphorie startet man als frischgebackener „Ersti“ in sein Studium, erwartet viel – und wird enttäuscht. Nicht jedem geht es so, doch für manchen stellt sich irgendwann die Frage, ob es noch Sinn macht, das Studium fortzuführen. Frau Körber-Hübschmann von der Zentralen Studienberatung beantwortet diese mit „Ja, aber nicht um jeden Preis.“ So bereitet ihrer Meinung nach das Studium gut auf den späteren Beruf vor und erhöht die Chance auf einen Arbeitsplatz. Es hänge dennoch vom Charakter jedes Einzelnen ab, ob eine Hochschulausbildung der beste Weg ist.
Flucht aus der Theorie
Für Judith, 22, war sie es nicht. Sie hörte nach dem vierten Semester in Bamberg auf Gymnasiallehramt zu studieren. Der Klausurenwahn am Ende des Semesters und das daraus resultierende „Bulimielernen“, die Inkonsequenz und Verplantheit mancher Dozenten brachten sie dazu ihre Pläne aufzugeben. Mit ihren Fächern Englisch und Geschichte war sie zufrieden, nur mit den Erziehungswissenschaften konnte sie sich nie anfreunden. „Mir war’s zu theoretisch, weil ich weiß, dass es in der Praxis anders aussieht und so nicht umsetzbar ist.“ Das, was in Vorlesungen besprochen wurde, sei zu weit von der Realität entfernt, die Beispiele zu idealisiert. In der wirklichen Welt laufe es nie so ab. Es gebe keine idealen Kinder oder Jugendlichen, keine idealen Rahmenbedingungen. Judith hatte nicht das Gefühl, dass die Erziehungswissenschaften sie auf ihre Zukunft als Lehrer gut vorbereiten würden. Jahrelang hat sie als Babysitter gearbeitet und findet, dass ihr diese Jahre viel mehr vermittelt haben als jede Schulpädagogikvorlesung.
Seit der zwölften Klasse arbeitet Judith im Gastronomiebereich und wird dort auch bald eine Ausbildung anfangen. Die Arbeit, die zunächst nur dem Geldverdienen dienen sollte, brachte ihr im Laufe ihres Studiums mehr Erfüllung als die Uni. Als sie dann beschloss, das Studium abzubrechen, freute sich ihr Chef. Und dann kam bald die Zusage zur Ausbildung als Hotelfachfrau. So verlief der Wechsel für sie quasi reibungslos. Doch Judith ist sicher: „Ein Jahr gammeln geht nicht. Da fällt man in ein Loch.“ Wer keine Alternativpläne hat, sollte also genau abwägen, ob der Abbruch des Studiums wirklich eine Verbesserung der eigenen Situation mit sich bringen kann.
Mit Leidenschaft zum Erfolg
Weniger Gedanken über seine Zukunft nach dem Studienabbruch musste sich Armin Maus machen. Im Gegenteil: Ihm hätte das Studium bei seinem Erfolg zunächst eher im Weg gestanden. Die Zwangspause, die ihm der Zivildienst auferlegte, empfand er als sehr lehrreich. Als er danach die Gelegenheit zu einem Volontariat bei einer Zeitung bekam, zögerte er nicht lang. Mit dem Gedanken „Weiterstudieren kann ich danach immer noch“ brach er sein Studium der Politologie und Geschichte ab. Dies war der Beginn einer Karriere, die als Beispiel für einen erfolgreichen Werdegang ohne abgeschlossenes Studium gelten kann. Fünf Jahre lang war er Chefredakteur des Fränkischen Tag. Heute füllt er diese Position bei der Braunschweiger Zeitung aus. Ob eine ähnliche Laufbahn heute noch ohne Weiteres machbar wäre, bezweifelt er jedoch selbst: „Die Akademisierung unseres Berufes ist inzwischen weiter fortgeschritten. Wer heute kein Studium vorweisen kann, braucht viel praktische Erfahrung und großes Talent, um sich durchzusetzen. Aber es ist möglich.“ Seinen eigenen Erfolg führt er darauf zurück, dass er auf seinen Traumberuf zustrebte und daher stets mit Leidenschaft arbeitete.
Ideen vergolden
Beiden ist gemein, dass auf das Studium eine Ausbildung folgte, auch wenn sich die Motivation zum Abbruch unterscheidet. Motivation und Alternativplan zugleich kann jedoch auch eine Geschäftsidee sein. Deren Umsetzung lässt sich zeitlich oft nicht mit einem Studium vereinen. Um in diesem Fall die Entscheidung zu erleichtern, startete der Unternehmer Peter Thiel 2011 einen jährlichen Wettbewerb. Die 20 besten Ideen für eine Unternehmensgründung, die die Welt verbessern kann, prämiert er mit 100 000 Dollar. Voraussetzung: Alle Gewinner müssen ihr Studium abbrechen, um sich voll auf die Umsetzung ihrer Idee konzentrieren zu können. Das mag zunächst merkwürdig klingen, doch Peter Thiel ist nicht irgendein Reicher, der sich mit seinem Geld einen Spaß erlaubt. Er ebnete schon Mark Zuckerberg nach dessen Studienabbruch den Weg, indem er ihn mit einer halben Million Dollar förderte.
Kreativ in die Selbstständigkeit
Für den Germanistik-Studenten Markus Klein (26 Jahre, 8. Semester) muss das Verfolgen eines guten Einfalls nicht mit dem Abbruch des Studiums einhergehen. Er möchte zusammen mit Freunden ein Kulturcafé eröffnen. Die Idee kam ihm schon vor langer Zeit. Als er in einem Buchladen jobbte, fiel ihm auf, dass es an der Beratung mangelte. Oft wurden nur die Bestseller empfohlen. Markus würde in seinem Buchladen gern kompetentere Beratung anbieten. Außerdem sollte nach Ladenschluss die Möglichkeit geboten werden, Kulturveranstaltungen wie Lesungen oder Poetry Slams abzuhalten. Die Idee hat er gemeinsam mit einem Freund um ein Musikcafé erweitert. Der Business Plan ist bereits fertig, Investoren sind gefunden, nur Räumlichkeiten sind in der Bamberger Innenstadt nicht leicht zu bekommen. So studiert Markus weiter, ohne dabei sein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren.
Tote Menschen und Bäume
Hermann Reich, 21, studiert Geschichte, Geographie und Denkmalpflege im 4. Semester und ist auf seinem Weg schon einen Schritt weiter. Er hat am ersten Januar sein eigenes Gewerbe angemeldet. Aus seinem großen Interesse für Geschichte und seine Vorfahren ergab sich die Idee, ein Unternehmen zu gründen, das sich mit Genealogie, der Ahnenforschung beschäftigt. Heute ist diese nur noch einer von drei Teilbereichen des Unternehmens. Wenn jemand seine Vorfahren finden möchte, ist er bei Hermann genau richtig. Ein zweiter Teil ist die Erbforschung. Stirbt jemand, der kein Testament hinterlassen hat, tritt die gesetzliche Erbfolge in Kraft. Meistens wissen aber die Verwandten gar nicht, dass sie erben. Wenn durch Hermann ein Erbe erlangt wird, kann er bis zu 30 Prozent davon einfordern. Der dritte Teil seines Unternehmens beschäftigt sich mit Heraldik, der Wappenkunst. So verdient er Geld damit, alte Familienwappen zu finden oder zuzuordnen und neue einzuführen. Sein Studium hat ihm sehr bei seiner jetzigen Tätigkeit geholfen. Er hat im Rahmen seines Geschichtsstudiums Seminare zu Heraldik, Generationenkonzepte und Adelsforschung belegt. Dieses Semester belegt er, etwas fachfremd, ein Seminar zur slawischen Namenskunde. Er könnte sich auch vorstellen, noch einen Master in Geschichte zu machen, aber nur mittels Teilzeitstudium. Das Studium ist bereits jetzt in seinem Leben in den Hintergrund getreten. Aber er hat vor, es im nächsten Sommersemester abzuschließen und sich dann voll und ganz seinem Gewerbe zu widmen. Nebenbei züchtet Hermann als Hobby seltene Goldeichen. Als er im letzten Sommersemester ein Seminar zur Gartendenkmalpflege belegte, entdeckte er bei einer Exkursion im Hain eine Goldeiche. Nach Recherchen stellte er fest, dass es in Deutschland nur sechs dieser seltenen Bäume gibt. Also sammelte er ein paar Eicheln ein und simulierte im Eisfach einen Winter. Leider sind die Eicheln alle erfroren. Aber die Eiche im Hain überlebte. Daraufhin buddelte er ein paar Keimlinge aus und züchtet jetzt bei sich im Wohnzimmer 40 bis 50 Eichen. Dabei ging es ihm nicht ums Geld, sondern eher um die Pflanzen. „Sie waren schön und da wollt ich mehr davon haben.“ In 10 bis 20 Jahren kann man diese Eichen möglicherweise für circa 1000 Euro pro Baum verkaufen.
Ein Drittel Abbrecher?
Doch während Hermann und Markus ihr Studium weiterführen, obwohl ihnen alternative Wege offen stehen, bricht eine nicht unerhebliche Zahl an Studierenden ihr Studium ab. Genaue Zahlen lassen sich aus Datenschutzgründen weder für Bamberg noch für ganz Deutschland ermitteln. 2008 kamen laut OECD auf 100 Studienanfänger in Deutschland 33 Abbrecher. Die HIS berechnet immerhin 21. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Häufige Gründe für den Abbruch sind einer von der HIS veröffentlichten Statistik, die auf der Befragung von 2500 Studierenden basierte, zufolge Leistungs- und Motivationsprobleme sowie eine berufliche Neuorientierung.
Zudem wurde festgestellt, dass Studierende in Bachelorstudiengängen ihr Studium wesentlich früher abbrechen als die Vertreter traditioneller Studiengänge. Als Ursache wird angeführt, dass durch die Klausuren nach jedem Semester sowohl die Motivation der Studierenden als auch ihre Leistungsfähigkeit stets auf den Prüfstand gestellt wird. Weniger häufig werden von Bachelor-Studierenden hingegen finanzielle Gründe für die Aufgabe genannt. Dies steht jedoch auch im Zusammenhang mit dem durchschnittlich früheren Abbruch.Eben jene Finanzierungsprobleme begründen wohl auch, warum die Abbrecherquote in den USA sogar bei 54% liegt. Judith ist also nicht die Einzige, die das Studium nicht als besten Weg sieht und auf andere Weise den Erfolg sucht.