Studierende besetzen die Uni
von Jakob Schulz | Dienstag, 17. November 2009

Die Uni Bamberg ist besetzt. Foto: Jakob SchulzHunderte Bamberger Studierende haben heute einen Hörsaal der Uni Bamberg besetzt. Studierendenvertreter distanzierten sich von der Besetzung. Die Bamberger Hochschulleitung und die Polizei tolerieren die Aktion.

In Arbeitsgruppen wollen die Besetzer nun konkrete Positionen erarbeiten.

 

"Wir wollen bleiben, bis wir rausgeworfen werden, oder bis unsere Forderungen erfüllt werden", lautet ein Beschluss des Plenums. Die Besetzung des Hörsaals U7/105 kann also noch lange dauern, da beide Möglichkeiten derzeit nicht sehr wahrscheinlich sind.

Die vorläufige Liste der Forderungen der Besetzer ist lang. Die Studierenden fordern unter anderem mehr studentische Mitbestimmung, eine Entschleuning des Studiums, die Abschaffung der Studiengebühren, ausreichend viele Master-Studienplätze, die Anhebung der Hiwi-Löhne auf 15 Euro pro Stunde und die Rückbesinnung auf die Humboldtsche Idee von Bildung.

Besetzer stimmen über Themen ab

Foto: Jakob SchulzIn den Stunden nach der Besetzung stimmten die Protestierenden ab, welche Themen diskutiert werden sollen und welche Arbeitsgruppen dafür gegründet werden. Derzeit existieren acht Arbeitskreise, die sich mit Infrastruktur, Öffentlichkeitsarbeit, Schule, Bologna, Räumung, Demokratie, Studiengebühren und der Lehrsituation der Archäologen beschäftigen.

Der Sprecher der protestierenden Studierenden, Benjamin Kießling, rechtfertigt die Besetzung des Hörsaals. "Im Prinzip besetzen wir zwar einen Hörsaal, aber wir schaffen damit endlich ein Forum für alle, zu diskutieren, Meinungen auszutauschen und vor allem zu informieren, damit wir endlich einmal mündig werden."

Bereitschaft zu Gesprächen

Die Polizei und die Bamberger Hochschulleitung tolerieren die Aktion. "Es wurde uns zwar nichts angekündigt, jedoch tolerieren wir die Geschehnisse, solange alles friedlich abläuft", so Professor Sebastian Kempgen, Vizepräsident für Lehre und Studium. Er kündigte die Bereitschaft der Hochschulleitung an, mit den Studierenden gemeinsam über ihre Forderungen zu sprechen.

Die Bamberger Studierendenvertreter haben sich von der Hörsaalbesetzung entschieden distanziert. Zwar erfolgte die Besetzung des Saals im Anschluss an eine Vollversammlung der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften (GuK). Der Fachschaftssprecher der GuK und Vorsitzende des Fachschaftenrates, Hagen Schmidt, sieht die Besetzung von Hörsälen aber kritisch. Der richtige Adressat der Proteste sei nicht in erster Linie die Uni Bamberg, sondern der Freistaat Bayern, das Wissenschaftsministerium und die Bayerische Staatregierung.

Arbeit auf anderer Ebene

"Das sind Leute, an die wir uns wenden sollten und die jetzt etwas verändern könnten", so der Fachschaftssprecher. Insofern sei es nicht angemessen, dass nun Dozenten und Kommilitonen durch die Blockade eines Hörsaals benachteiligt werden. "Die Fachschaftsarbeit gründet sich auf die Gremienarbeit. Wir als Studierendenvertretung können definitiv nicht hinter der Hörsaalbesetzung stehen, da wir versuchen, unsere Forderungen auf anderer Ebene einzufordern."

Schmidt hält es für wichtiger, in den Hochschulgremien das studentische Votum zu nutzen, sich mit Problemen zu befassen, diese vorzustellen und auf diese Weise eine Lösung zu suchen. "Der Dialog mit der Unileitung und den Lehrenden ist unsere Alltagsarbeit und dafür sind wir gewählt worden." Nichtsdestotrotz verstehen und unterstützen die Studierendenvertreter viele der Forderungen der Besetzer, können sie in dieser Form jedoch nicht mittragen.

Von den Bamberger Studierenden wird die Aktion unterschiedlich bewertet. Viele sympathisieren mit den Besetzern, andere finden die Kritik an den Zuständen berechtigt, halten die Form des Protests allerdings für unangemessen.

Mehr studentischer Einfluss auf Unipolitik

Foto: Jakob SchulzMartin Angenenndt protestiert heute nicht mit. "Ich bin nur aus Neugier hier", sagt der 22-Jährige. Gleich muss er in eine Vorlesung, in der nicht fehlen darf. "Verpasse ich diese Veranstaltung, muss ich mein Semester wiederholen." Sonst würde er wohl auch protestieren. Der Germanistikstudent findet, dass Studierende viel mehr Einfluss auf die Hochschulpolitik nehmen sollten. "Der Protest ist wichtig, um ein Zeichen zu setzen", meint er.

"Wir sind zum Protestieren hergekommen", sagt Nina Wiemers. Die Bamberger Studentin der Psychologie sitzt mit ihrer Kommilitonin Anja Ruschkowski im Hörsaal U7/105 der Uni Bamberg. Hauptsächlich stören sich die beiden 20-Jährigen am Bachelor/Master-System. "In Psychologie sind Master-Studiengänge nicht für alle Bachelor-Studierenden garantiert", berichtet Wiemers. Um Psychotherapeut zu werden, brauche man allerdings einen Master.

Für Bildung soll man nicht bezahlen müssen

Wer keinen Master-Studienplatz bekommt, hat schlechtere Berufschancen, ergänzt Anja Ruschkowski. Die Studentin denkt außerdem, dass Studiengebühren viele junge Menschen vom Studieren abhalten. Trotz Bafög seien 500 Euro Semestergebühren eine Menge Geld. "Bildung ist eine Ressource für Deutschland, man sollte dafür nicht bezahlen müssen", findet die 20-Jährige.

Christina Roppelt steht vor dem besetzten Hörsaal und wirkt ratlos. Eigentlich hat die 19-Jährige hier nun ein Seminar. Thema soll heute die Vorbereitung für eine Klausur in der nächsten Woche sein. Doch für sie und ihre Kommilitonen ist kein Durchkommen. Richtig findet sie die Studentenproteste aber auch trotz der Unannehmlichkeiten: "Wenn die Proteste etwas bringen, bin ich bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen." Ihr Seminar findet dann aber doch statt: ihre Dozentin hat in der Bibliothek einen Raum gefunden.

 

Die Hörsaalbesetzer in U7/105 berichten regelmäßig im Internet auf Twitter, in einem Blog, und auf Facebook. Auch Ottfried wird euch weiter auf dem Laufenden halten.

 

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Zuletzt geändert: Freitag, 20. November 2009
 
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