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Geschäftsmodell Ghostwriting

Geschäftsmodell Ghostwriting

Olivia, 21, ist Soziologiestudentin im vierten Semester an der Uni Bamberg und registriert bei einer Online-Ghostwriting-Agentur. Pro Tag bekommt sie zwischen einem und drei potenziellen Aufträgen. Für das Schreiben eines Essays wurden ihr schon 100 Euro, für Hausarbeiten sogar 1500 Euro angeboten. Das Geschäft scheint zu laufen. Doch wie wird man Ghostwriter?
Titelbild: Jonas Meder

Eigentlich suchte Olivia nur nach einem Werkstudentenjob für den Sommer, als sie durch Facebook zufällig eine Anzeige entdeckte, in der „jemand zum Schreiben“ gesucht wurde. Erst auf der Internetseite stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine Ghostwriting-Agentur handelte. In gewisser Weise, so sagt sie, fände sie „es natürlich unfair, dass Leute mit dicken Geldbeuteln sich ihren Abschluss praktisch erkaufen können“; auf der anderen Seite empfinde sie aber eher Mitleid mit Leuten, „die so wenig Spaß an ihrem Studium haben, dass sie es nötig haben, andere für sich arbeiten zu lassen.“ Bestimmte Kriterien musste sie nicht erfüllen, um in die Kartei aufgenommen zu werden. Lediglich nach dem Studienfach und den „üblichen persönlichen Daten“ wurde gefragt, der ganze Anmeldeprozess geschah via E-Mail. Olivia erklärt das so, dass der Kunde, der eine Arbeit anfordert, nicht zahlen müsse, wenn ihm die Arbeit nicht gefalle. Daher seien Arbeitsproben nicht erforderlich. Der Preis für eine Ghostwriting-Arbeit variiere stark „je nach Knappheit der Deadline, der Seitenzahl und dem Budget des Auftraggebers“. Deswegen gibt es bei Olivias Ghostwriting-Agentur lediglich Werkverträge. Das bedeutet, sie bekommt erst dann einen Vertrag, wenn sie einen Auftrag annimmt. Zudem ist dieser Vertrag einzig für die jeweilige Arbeit gültig. Die Bezahlung erfolgt nur, wenn der angenommene „Auftrag gut oder sehr gut erfüllt wurde.“Olivia weiß nicht, für wen sie die jeweilige Arbeit schreibt. „Die Ghostwriting-Agentur versichert ihren Kunden absolute Anonymität und hält diese, soweit ich das mitbekommen habe, immer ein.“ Der Ghostwriter stehe zwar in Kontakt mit dem jeweiligen Auftraggeber, dennoch laufe dieser Kontakt im Rahmen des Vertrags ab, der eine Anonymitätsklausel beinhalte.

Im Gegensatz dazu steht der 24-jährige „Ghostwriting-Aussteiger“ Johannes*. Er studiert im siebten Semester Germanistik und Geschichte. Die erste Ghostwriting-Arbeit schrieb er für einen guten Freund, der selbst dafür schlicht zu wenig Zeit hatte. Er sieht weniger ein moralisches Problem in seiner Tätigkeit: „Ich habe natürlich kurz über die möglichen Konsequenzen nachgedacht, da ich die Chance, dass dies auf mich zurückfallen würde aber als verschwindend gering empfand, habe ich mich recht schnell überzeugen lassen.“ Er würde es wieder machen. Sowohl aus moralischer als auch aus finanzieller Sicht. Dennoch hat er das Ghostwriting aufgegeben, denn zeitlich sei es momentan kaum zu bewältigen – das eigene Studium hat nun einmal Vorrang.

Die Uni Bamberg ist sich des Problems des Plagiierens bewusst, dennoch gäbe es „keineswegs Zahlen, die belastbar wären – von Ghostwriting schon gar nicht“, so Prof. Dr. Markus Behmer, Dekan der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften. Dennoch ist er sich sicher, dass es an der Uni Bamberg nicht anders zugehe als an anderen Unis: „Es gibt eine Grauzone, die wir kaum durschauen, kaum lüften können.“ Die Grenze von Unterstützung zu Ghostwriting sei fließend. Als einzige Chance, um Plagiats- und Ghostwriting-Fällen vorzubeugen, sieht er lediglich gute Betreuungsverhältnisse, die an der Uni Bamberg gegeben seien.

Olivia war als Ghostwriterin bisher zwar nicht aktiv, möchte aber dennoch eine Arbeit für jemand anderen schreiben. Sobald sie genug Zeit findet, um die strammen Deadlines einzuhalten und ihr ein interessantes Thema angeboten wird, über das sie gerne schreiben würde. Dabei gehe es ihr nicht um Geld, denn finanziell gesehen lohne es sich in Relation zum Arbeitsaufwand nicht. Ihr geht es um Weiterbildung, Schreiben und Recherchieren.

*Name geändert

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