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Macchiato mischen statt Maß kippen

Macchiato mischen statt Maß kippen

Endlich sind die Semesterferien da, aber was fängt man mit der freien Zeit eigentlich an? In unserem Semesterferien Special erzählt jede Woche ein Ottfried-Redakteur, wozu er die Zeit zwischen den Semestern genutzt hat. Dieses Mal: lustige Begegnungen, guter Kaffee mit Schuss und ein Gratis-Training für die eigene Toleranzgrenze und Stressresistenz – das Münchner Oktoberfest mal als Arbeit statt als Vergnügen. Um auf der Wiesn Geld zu verdienen, muss man nicht unbedingt zehn Krüge gleichzeitig schleppen können.

Sommersemesterferien. Münchner Oktoberfest, Tag 16. Ich stelle eine Tasse mit Riesenrad-Aufdruck in den Kaffeevollautomaten und drücke auf den Cappuccino-Knopf. Erstmal meine eigenen Koffein-Reserven aufladen, bevor ich den letzten von insgesamt 16 Tagen die Wiesn-Besucher mit überteuerten Heißgetränken versorge. Wie, auf der Wiesn gibt’s auch Kaffee? Ja, wenn man die Bierzelte verlässt, bevor man von der Security verjagt oder von den Freunden zum sogenannten Kotzhügel befördert wird, bekommt man auch was ohne Hopfen, dafür mit viel Koffein – und Kalorien gleich dazu. Als die erste Ladung Auszogne (große runde Teiglappen mit einer Kuhle in der Mitte und ganz viel Zucker on top) frisch aus dem Ofen kommt, mache ich aus Versehen ein Stück kaputt – ausgemustert, kleines Frühstück für die Crew am Kaffeestand. Die nächsten Stunden kosten Nerven: Touristen erklären, warum sie pro Tasse zwei Euro Pfand zahlen müssen. Einer Gruppe von fünf Italienern fünf Espressi servieren, obwohl sie „cinque caffè“ bestellen. Und am besten den gesamten Lageplan auswendig können, um herumirrende Leute zum Teufelsrad, zur besten Bratwurst-Bude oder zur nächsten U-Bahn-Haltestelle lotsen zu können. Untermalt wird das ganze Spektakel von ziemlich disharmonischer Hintergrundmusik, die von drei verschiedenen Fahrgeschäften aus drei verschiedenen Richtungen zu uns dröhnen.
Nach der Mittagspause mit Pommes für nur einen Euro – Nachbarschaftsvorteil – kommen zwei Mädchen, die trotz kiloweise Kleister im Gesicht offensichtlich nicht älter als 15 Jahre sind, an den Stand und bestellen nervös zwei Espressi mit Grappa. Als ich sie nach ihren Ausweisen frage, schauen sie mich erschrocken an und entscheiden sich nach ein paar erfolglosen Ausreden für zwei heiße Schokoladen. Fast ebenso wertvoll sind die Momente, in denen die Kundschaft ausbleibt und wir halb belustigt, halb mitleidig die torkelnden Menschen um den Kaffeestand beobachten. Bis diese Menschen zu uns kommen und erst nach Bier fragen, dann nach Schnaps. „Gibt’s nur gemischt mit Kaffee.“ Einen Muffin nehmen sie meistens trotzdem mit – als Ausnüchterungssnack. Andere erzählen uns ihre Lebensgeschichte oder packen schlechte Anmachsprüche aus. Naja, immerhin lässt ein wenig Flirten die Trinkgeldkasse klingeln. Auszuhalten ist das dank dem einen oder anderen heimlichen Amaretto-Kakao hinter der Theke. Und mit der Aussicht, nach den zwei Wochen so viel verdient zu haben wie sonst in einem ganzen Monat.

Für viele meiner Kollegen am Stand ist die Arbeit auf Volksfesten Alltag, das Oktoberfest eines von vielen Zeitarbeitsgeschäften. Trotz gutem Kaffee und den unbezahlbaren Blicken der Mädchen ohne Ausweis kann ich mir Schöneres vorstellen. In meinem Bauch machen sich Zukunftsängste breit. Und mit ihnen eine kleine Prise Ehrgeiz für das nächste Semester.

Bildnachweis: Designed by Freepik

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