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Au revoir, Unistress!

Au revoir, Unistress!

Eine Alternative zu Hausarbeiten, Deadlines, Referaten und Klausuren.

Du stehst auf, öffnest die bordeauxroten Fensterläden vor den Sprossenfenstern. Barfuß trittst du hinaus auf den Absatz der Natursteintreppe, blickst auf’s Thermometer, 24 Grad. Noch liegt der Innenhof ruhig im Schatten der knorrigen Pinien.

Was wie ein Meditationstext beginnt, war für mich Wirklichkeit – und kann es auch für euch werden, wenn euch die Decke im Hörsaal oder der Bibliothek auf den Kopf zu fallen droht.
Im letzten Jahr habe ich im Rahmen eines ökologischen Freiwilligendienstes ein Jahr auf einem Biobauernhof in Westfrankreich verbracht. Im dortigen maritimen Klima haben mein Freiwilligenkollege und ich einen verregneten Winter und einen strahlenden Sommer erlebt. Wir arbeiteten mit der Familie in allen Bereichen mit: in der hofeigenen Bäckerei genauso wie auf den Getreidefeldern oder der Obstplantage. Wir formten kleine Hefeteigteilchen, pflückten Kirschen oder Äpfel und bemalten Scheunenwände. Wir füllten aber auch drei Tonnen Linsen in 25-Kilo-Säcke ab, beluden Paletten mit Mehlsäcken und Ölfässern und hackten Pflanzlöcher in den kalksteinreichen Boden – bei vier Grad und Nieselregen. Die Tage hatten zwischen sieben und sechzehn Stunden, die Arbeit war oft knochenhart, teils lästig und manchmal zum Kotzen. Und doch waren es die befriedigendsten und ehrlichsten Tätigkeiten, mit denen ich je meine Zeit verbracht habe: nur der Erdboden, meine Hände und die Spitzhacke.Natürlich neigt man bei so etwas zur nachträglichen Romantisierung. Hätte mich damals jemand vollgesülzt, wie ehrlich so eine Arbeit sei, während ich den vierundfünfzigsten Zaunpfosten in die Erde hämmerte und mich zum zwanzigsten Mal am Stacheldraht geschnitten hatte – ich hätte ihn im besten Fall nur ausgelacht. Hofarbeit ist körperliche Arbeit, ist echte Anstrengung. Aber die lernt man zu schätzen, wenn man abends rechtschaffend erschöpft ins Bett fällt und in Armen und Beinen fühlt, was man getan hat.

Aber nicht nur Einsatzstellen in der Landwirtschaft bietet die deutsch-französische Entsendeorganisation in Mainz an. Von Naturkindergärten über Vogelbeobachtungsstationen bis zu Jugendzentren in Paris ist alles dabei. Mit den Freiwilligen aus diesen anderen Arbeitsstellen trafen wir uns vier Mal zu Seminaren: mal in einer Selbstversorgerhütte in den Vogesen, auf einem Gemüsehof in Zentralfrankreich oder in einer alten Mühle im Rheinland. In diesen Wochen kochten wir gemeinsam Ratatouille, wanderten durchs elsässische Gebirge und schauten im Sommer das EM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich. „Teambuilding“ war dort kein leerer Begriff – es war wie Klassenfahrt, nur ohne die Spaßverderber und ohne Grüppchenbildung.

Es gibt viele tolle Möglichkeiten, ein Auslandsjahr zu verbringen. Für mich war das FÖJ die beste: mit der körperlichen Arbeit, den unglaublich herzlichen Mitfreiwilligen und dem – nicht nur im Nachhinein – romantischen französischen Landleben. Für so ein Deutsch-Französisches Ökologisches Jahr kann sich unter www.foej-rlp.de bewerben, wer zu Beginn des Jahres im September noch nicht 26 Jahre alt ist. Ob also nach dem Bachelor oder einfach in zwei Urlaubssemestern – es gibt keine bessere Gelegenheit, den Schreibtisch mal zu verlassen.

Bildnachweis: Designed by Freepik

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