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Sie war jung und brauchte das Geld
von Katharina Müller-Güldemeister; Gesprochen von Jakob Schulz | Mittwoch, 9. Dezember 2009

Grafik: Christoph KlugAn der Theke bedienen, Kleidung sortieren, Modell sitzen. Nebenjobs sind so verschieden wie die Studierenden, die sie ausüben.

Marie* hat schon viele von ihnen ausprobiert, jetzt steht sie für bildende Künstler Modell – und zwar nackt.

 

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Marie liegt auf dem Rücken, ihre Beine sind angewinkelt und übereinander geschlagen. Ihren Kopf hat sie auf ihre verschränkten Arme gebettet, sie schaut zur Seite. Ihr Blick wandert den Fußboden entlang. Die Dielen wurden vor langer Zeit weiß angestrichen. Jetzt schimmert die natürliche Holzfarbe durch. In den Fugen liegt Staub.

Maries Blick fällt auf ein Paar Schienbeine, die in halbhohen Lederstiefeln stecken. Die Schienbeine gehören zu einer Frau in gelben Strumpfhosen, die an einem Tisch mit verstellbarer Tischplatte sitzt. Ihr Stift bewegt sich über ein Blatt Papier. Die Frau sieht abwechselnd auf Marie und auf ihr Blatt – malt, schaut auf Marie, malt. Ihr Mund ist zusammengekniffen. Weitere acht Stifte bewegen sich schnell über festes Zeichenpapier.

"Was mache ich hier eigentlich?"

Marie betrachtet die Zeichnenden, die sich in einem Halbkreis um sie angeordnet haben. Sie atmet ruhig und wird nicht rot bei dem Gedanken, dass wildfremde Menschen gerade die unmittelbaren Konturen samt den intimsten Stellen ihres Körpers abzeichnen.

"Ich habe mich daran gewöhnt, mich nackt malen zu lassen. Beim ersten Mal hat es viel Überwindung gekostet. Ich stand eingehüllt in ein Handtuch vor zehn angezogenen Menschen mit gezücktem Stift und wusste nicht, wie ich mich hinsetzen soll. Ich habe an mir heruntergeschaut und mich gefragt: Was mache ich hier eigentlich?", sagt sie.

"Aber das Gefühl der Unbehaglichkeit ist nach und nach verflogen. Jetzt fühlt es sich fast normal an, nackt in einem Raum voller Fremder zu sitzen. Am Anfang habe ich noch meinen Bauch eingezogen. Mittlerweile habe ich mich an meinen ‚natürlichen Faltenwurf ’ gewöhnt", lacht Marie. "Die Künstler sehen mich als Kunstobjekt und unter diesen Umständen kann ich mich auch so sehen."

Nackt sein zahlt sich aus

Foto: Christoph KlugFür anderthalb Stunden Modellstehen bezahlt ihr die Künstlergemeinschaft 30 Euro. Dafür muss sie bei ihrem festen Nebenjob dreimal so lange arbeiten. Marie arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft und leitet ein zweistündiges Tutorium. Dafür bekommt sie vier Stunden bezahlt, inklusive Vor- und Nachbereitung. "Den Hiwi-Lohn finde ich eine Frechheit. 6,50 Euro für eine Lehrtätigkeit an der Uni! Außerdem reichen die eingeplanten zwei Stunden Vorbereitungszeit niemals aus."

Trotz der schlechten Bezahlung will Marie ihr Tutorium nicht abgeben, um Zeit für einen anderen, lukrativeren Job zu haben. Die Arbeit, die man für das Tutorium aufwende, investiere man 1:1 für sich selbst, sagt sie. Wenn man Lerninhalte häufig erkläre, vergesse man sie auch selbst nicht mehr so schnell.

Souverän aufzutreten lerne man bei der Selbstausbeutung als Tutorin auch. "Anfangs hat es mich total aus dem Konzept gebracht, wenn ich eine Frage nicht beantworten konnte. Diese kleine inhaltliche Inkompetenz hat dazu geführt, dass ich in allem Anderen auch unsicher wurde. Heute gestehe ich mir Wissenslücken besser zu und werde nicht mehr so schnell nervös. Wenn eine Sitzung gut läuft, kriege ich einen richtigen Adrenalinschub."

Von der Bedienung zum Model

Jede Arbeit würde Marie für dieses Geld allerdings nicht mehr machen. Nach vier Semestern hatte sie bereits drei Jobs hinter sich: Kellnern, Lebensmittel auspreisen im Supermarkt und Pullover in Klamottenläden
zusammenlegen. "Es hat mir Spaß gemacht, Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen zu sammeln. Für mich war das wie eine Art Sport." – Ein Sport wie ein Parcours, dessen einzelne Disziplinen sie aber nie lange faszinieren konnten. "Kellnern hat mir am meisten Spaß gemacht. Auch das Trinkgeld motiviert ungemein. Die Gäste sind in der Regel gut gelaunt und meist steigert sich die Stimmung noch mit dem Bierkonsum. Außerdem ist Kellnern seit dem Rauchverbot ja auch nicht mehr so lebensgefährlich", lacht sie.

Die ersten Stunden würden immer sehr schnell vergehen. Nur die Zeit kurz vor Schluss fühle sich an wie ein alter Kaugummi, den man gerne ausspucken würde. Es ist die Zeit, in der alle merken, dass sie schon zu viel getrunken haben, aber noch nicht nach Hause gehen wollen und deshalb ewig an ihrem schalen Bier rumnuckeln. Währenddessen halte man sich mit akribischem Gläserpolieren wach und sehne sich nach seinem warmen, weichen Bett. Blöd sei allerdings, dass man am nächsten Tag so müde ist, dass man bis mittags schlafe, findet Marie.

"Die Jobs im Supermarkt und im Klamottenladen haben mich total genervt – stupide Arbeit, bei der man die ganze Zeit mit Dudelmusik beschallt wird. Ich war abends nur noch froh, dass die Stunden rum waren." Die größte Herausforderung habe darin bestanden, nicht das Handtuch zu werfen, sagt Marie. "Nach irgendeinem
scheißlangen Tag, an dem ich unendlich viele Pullover zusammengelegt und Blusen zurückgehängt hatte, habe ich beschlossen, dass mir meine Zeit zu teuer ist, um mich für ein paar Euro zu langweilen."

Seither macht Marie nur noch Jobs, die ihr gefallen oder wenigstens das schnelle Geld bescheren – am besten natürlich beides. Traumnebenjobs liegen zwar nicht auf der Straße herum, aber es gibt sie, da ist sich Marie sicher. Manchmal müsse man dazu vielleicht ungewöhnliche Wege einschlagen.

"Beim Aktmodeln hat mich natürlich erstmal der Stundenlohn gereizt, aber ich war auch sehr neugierig. Ohne den finanziellen Anreiz hätte ich es wohl nicht ausprobiert – und das wäre wirklich schade gewesen."

*Name von der Redaktion geändert.

 

 

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Zuletzt geändert: Sonntag, 7. Februar 2010
 
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