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Für gefangene Seelen sorgen PDF
von Jana Wolf; Gesprochen von Jakob Schulz | Donnerstag, 4. Februar 2010

Gefängnis-Seelsorger Hans Lyer in seinem "Kreuzgang-Atelier". Foto: Jana WolfDrogenhändler, Mörder, Sexualstraftäter – Das sind die Klienten von Hans Lyer. Er ist Seelsorger in einem Jugendknast in der Nähe von Bamberg.

Lyer versucht, den jungen Verbrechern neue Perspektiven zu öffnen und sie auf den Geschmack des Lebens zu bringen.

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Ruhig und besonnen steht Hans Lyer neben dem Altar der ehemaligen Klosterkapelle. Er hat seine Augen leicht zugekniffen, wenn er spricht. Ganz so, als gingen ihm ständig schwere Gedanken durch den Kopf. Auf seiner markanten Nase trägt er eine schwarz umrahmte Brille. Eine gesunde Autorität strahlt er aus. Und doch ist da
etwas Jungenhaftes, fast Spitzbübisches in seinem wachen Ausdruck.

Lyers Blick wandert durch den kleinen Kapellraum. Entlang der dicken Steinwände sind bunt bemalte Kreuze aufgestellt. Dann deutet er aus dem Fenster, über den großen Innenhof hinüber zu einem schweren Betonbau: "Dort drüben ist jede Zelle, jedes Gitter ein Mensch."

Das zum Gefängni umfunktionierte Kloster in Ebrach. Foto: Jana WolfSeit 15 Jahren ist Hans Lyer katholischer Seelsorger in einem Jugendgefängnis für Langstrafen. Junge Männer im Alter von 17 bis 23 Jahren sitzen hier bis zu zehn Jahren ein. Die Haftanstalt ist im ehemaligen Zisterzienserkloster von Ebrach untergebracht. Ein kleiner Ort mitten im Steigerwald, etwa 35 Kilometer westlich von Bamberg. Außer dem Kloster gibt es dort nichts. Ein Ort, der nur Gefängnis ist. Doch von außen lässt sich noch nicht erahnen, dass sich in den herrschaftlichen Klostergemäuern aus dem frühen 12. Jahrhundert tatsächlich ein Knast befindet.

Gewaltvolle Szenen

,Kreuzgang-Atelier’ nennt Lyer seinen Arbeitsraum, den er sich innerhalb der dicken Gefängnismauern eingerichtet hat. Ein heller langer Raum voll mit Bildern, Fotos und kleinen Skulpturen. An den Wänden lehnen große Bildtafeln, die in düsteren Farben gewaltvolle Szenen darstellen. Ein langhaariger Kerl wendet sich einer stillenden Mutter mit entblößter Brust zu. Im Hintergrund auf Pfl öcken aufgespießte Babys und fratzenhafte Gesichter. Daneben ein junger Mann verloren in einer unwirklichen Landschaft. Um ihn herum schweben
übergroße Heroinspritzen gefüllt mit giftig-bunten Substanzen. Die Drogen haben ihn auf einen gefährlichen Trip gejagt.

Die Kunst spielt eine wichtige Rolle in Lyers Seelsorge. Vor etwa zehn Jahren hat er das Projekt „Kunst und Knast” ins Leben gerufen, in dessen Rahmen auch die bedrückenden Gemälde entstanden sind. Der
Künstler Manfred Scharpf hat sie gemalt, nachdem er Lyer bei dessen Arbeit im Gefängnis begleitet hat. Eine künstlerische Interpretation, und doch entstammen die Szenen den echten Geschichten, von denen die Gefangenen erzählen. Im Laufe der Jahre sind viele solcher Projekte mit den Gefangenen entstanden. "Wenn sie malen, dann verstellen sie sich nicht. In den Bildern geben sie oft viel mehr von sich preis als im Gespräch", erzählt Lyer aus seiner Erfahrung.

Verbrechen und Gewalt sind immer gegenwärtig in Lyers Arbeit. Er setzt sich täglich mit jungen Menschen auseinander, die einen großen Teil ihrer Jugend hinter Gittern verbringen. Fast alle kommen aus sozial schwachen Verhältnissen. Alkoholabhängige Eltern und Gewalt in der Familie, das haben die Inhaftierten reihenweise erlebt. Die meisten kamen mit Drogen in Kontakt, Diebstahl, schwerer Körperverletzung – das sind die harmloseren Fälle.

Daneben gibt es aber auch Mörder und Sexualstraftäter. Lyers Aufgabe ist es, mit den Gefangenen persönlich in Kontakt zu treten und sie seelisch zu betreuen. Doch wie schafft er es, ein vertrauensvolles Verhältnis mit so schweren Gewalttätern aufzubauen?

Ein bisschen Leben schmecken

Kaffetrinken mit den "Klienten". Foto: Jana WolfEinzeln oder in Gruppen holt Lyer seine "Klienten" (so nennt er die Gefangenenauch) zu sich in sein Atelier und setztsich mit ihnen an den großen Tisch in der Mitte des Raumes. Sie zünden Kerzen an, und wenn Lyer in der richtigen Stimmung ist, schaltet er die Stereoanlage ein und Mozart klingt durch die hohen Gewölbe.

"Wie geht es dir eigentlich wirklich?" Diese Frage müsse in jeder Begegnung in irgendeiner Form vorkommen, erzählt der Seelsorger. Er will erfahren, was sie erlebt haben, was in ihnen vorgeht und welche Vorstellung sie vom eigenen Leben haben. Bei Hans – die Gefangenen dürfen ihren Seelsorger duzen – gibt es immer einen
echten Espresso aus der großen Kaffeemaschine. "Ich will sie auf den Geschmack des Lebens bringen", sagt Lyer mit einem Schmunzeln.

Doch Lyer erspart den Gefangenen nichts. Immer wieder kommt er auf den Grund zu sprechen, weswegen sie hier sind. "Die Schuld, die bleibt." Auch nach abgesessener Strafe lasse sich die Tat nicht rückgängig machen, erzählt der Seelsorger mit seinem ruhigen, aber scharfen Blick. Und dennoch gäbe es die Möglichkeit, im Leben noch etwas Gutes zu tun. Er versucht den jungen Männern neue Perspektiven aufzuzeigen, indem er ihnen von Hilfsprojekten in der dritten Welt erzählt.

Seine Klienten zeigen großes Interesse, wenn er sie für ehrenamtliches Engagement begeistern will. Immer wieder entdeckt Lyer ein großes Bedürfnis der Gefangen, das eigene Leben zu ändern. Und doch sprechen die Zahlen eine andere Sprache: 70 bis 80 Prozent werden
rückfällig.

Würdevoller Umgang mit Tätern

Lyer hat in Bamberg und Tübingen Theologie studiert und sich im Anschluss an sein Studium zum katholischen Priester ausbilden lassen. Er lebt den christlichen Glauben in seiner Arbeit, indem er auch denjenigen, die die unmenschlichsten Taten begangen haben, würdevoll begegnet. Deshalb liest Lyer in den meisten Fällen die Akten der Gefangenen nicht, in denen deren soziales Umfeld, das Verbrechen, der Tathergang und das Urteil festgehalten sind. Er will ihnen und sich selbst die Möglichkeit geben, unvoreingenommen miteinander in Kontakt zu treten, und sie nicht nur als Täter behandeln.

Mit bedächtigem, aufrechtem Gang und beobachtendem Blick geht Lyer durch die hallenden Gänge des Gefängnisses. Hier und da kommt ein Gefanger aus einer Zelle, manche gehen mechanisch auf und ab, andere sind lässig an die kalten Wände gelehnt. Alle 300 Insassen sind einheitlich in blau-grauen Gefängnisanzügen gekleidet.

Vorsichtig nähert sich ein junger Kerl dem Seelsorger, hält aber einen gewissen Sicherheitsabstand. Er hat große Augen, einen gespannten, suchenden Blick – irgendetwas geht in ihm vor. "Hey Hans, hast du kurz Zeit zu reden?" Und wenn er Glück hat, nimmt Lyer ihn mit in sein Kreuzgang- Atelier auf eine Tasse Kaffee.

 

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Zuletzt geändert: Freitag, 7. Mai 2010
 
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