von Matthias Schönhofer | Donnerstag, 6. November 2008
Unter anderem die Aktivierung traditioneller Nichtwähler und die Stimmen von Minderheiten haben die Wahl für Obama entschieden.
Doch wie wurden diese Schichten erreicht? Ein Leitfaden für alle, die Präsident werden wollen.
Leichter Nieselregen fällt an diesem Wahldienstag in der Kleinstadt Hazleton in Pennsylvania. Ich bin hierher gekommen, um mit anderen Freiwilligen in den finalen Stunden vor Schließung der Wahllokale auch noch die letzten Stubenhocker für Obama zu mobilisieren. Vor einer halben Stunde wurden mir im örtlichen Wahlkampfbüro blaue Türhänger, lange Namenslisten und ein markierter Ortsplan überreicht. „Door-to-door-Canvassing“ nennt sich diese Wahlkampfmethode, und stellt so etwas wie die demokratische Geheimwaffe in den besonders umkämpften „Battleground-States“ dar. Eine Mikroaufnahme aus dem amerikanischen Wahlkampf. Einsatz in Freeland
Gearbeitet wird in Zweierteams, ich bin mit Mike aus New York unterwegs. Unser erster „Turf“, wie die Einsatzgebiete genannt werden, umfasst etwa 20 Straßen und 85 Personen in dem kleinen Vorort Freeland. Ganz oben auf der Liste steht Birchstreet, und ich klingle hoffnungsfroh an der ersten Tür.
Wie in etwa der Hälfte aller folgenden Fälle ist gerade niemand zu Hause, und ich hinterlasse einen „doorhanger“, der nicht nur als Wahlerinnerung dient, sondern auch Adresse und Öffnungszeiten der jeweils zutreffenden Wahllokale enthält. Treffe ich auf alte oder gehbehinderte Bewohner, darf ich einen kostenlosen Fahrdienst anbieten, der zentral vom Büro organisiert und ebenfalls von Freiwilligen mit ihren Privatwagen betrieben wird. Es ist weit mehr als abstrakte Wählermotivation, die hier betrieben wird. Die Stimmen sollen sprichwörtlich „eingesammelt“ werden, Stück für Stück. Hochpotentielle Wähler
Eins wird schnell klar: Wir klingeln nicht wahllos an jeder Tür. Mike, der schon gestern unterwegs war, erklärt mir die Herkunft der ominösen Namenslisten. Auf der Basis der Wählerregistrierungen in Hazleton wurden in monatelanger Arbeit durch Interviews, Anrufe und ständigen Kontakt diejenigen ausfindig gemacht, die am wahrscheinlichsten für Obama stimmen würden.
Ausschließlich diese (hoch-)potentiellen Wähler werden heute kontaktiert, und um die Effizienz noch weiter zu steigern, wurden die Adressen nach geraden und ungeraden Hausnummern auf zwei Listen aufgeteilt. Ständiges Straßenwechseln würde jetzt zu viel Zeit kosten. In besonders abgelegenen Gebieten kommen die „Phonebanker“ zum Einsatz, die von der Zentrale aus Telefondienst machen. Alles andere gehören uns „Canvassern“. Change, von langer Hand geplant
Während der Fahrt zu unserem zweiten Turf, Whitehaven, klärt sich der Himmel und färbt sich unpassenderweise republikanisch-rot. Im ganzen Land bewegen sich zu diesem Zeitpunkt noch Freiwillige wie Mike und ich durch ihre Turfs, in den westlichen Staaten noch lange über unseren Feierabend hinaus.
Wie viele volunteers die Kampagne letztlich getragen haben, steht noch nicht fest, aber es müssen Hunderttausende sein. In Hazleton allein sind es 30, neben den fünf Hauptamtlichen. Wer soviel Verantwortung tragen will, muss ein Obama-Camp besucht haben, in dem ihm das nötige Know-how der Organisation eines Wahlkampfbüros vermittelt wird. Nur durch diesen organisierten Wissenstransfer konnte überhaupt eine so hohe Dichte autonomer und doch im Gleichtakt handelnder Wahlkampfbüros erreicht werden, wie mir Mike erklärt. Allein in Pennsylvania gibt es 83 davon. Es ist schon dunkel, als wir nach fünf Stunden Canvassing wieder in unserem Büro an der West Broad Street 44 ankommen. Yes, we did it!
Müde und angespannte Gesichter erwarten uns hinter den Schreibtischen. Jeremy, der mich mittags 10 Minuten im Canvassing instruiert hat, steht jetzt etwas verloren in der Ecke, Lindsay stolpert zweimal über denselben Stuhl. Erst jetzt, als die Wahlkampfmaschine vor meinen Augen langsam zum Stehen kommt, werden mir deren Ausmaße und die organisatorische Leistung dahinter deutlich bewusst.
Canvassing ist nur die letzte Konsequenz monatelanger, detaillierter Planungen, in denen lokale Analysen und Recherchearbeiten so aufbereitet werden, dass sie zum richtigen Zeitpunkt durch eine breite Masse an Freiwilligen in 10 Minuten verstanden und mit sehr hoher Effizienz umgesetzt werden konnten. Fraglich, ob das System auch bei uns eine Chance hätte. Die Belohnung
Um elf Uhr abends ist es endlich soweit: McCain und Obama telefonieren, 52% der Amerikaner liegen sich in den Armen, und unsere Feier steigt im Top-Shelf. Verschiedene frittierte Teigtaschen mit verdächtig duftenden Füllungen werden angeboten, dazu schlichtes Eiswasser aus Pitchern.
Wären nicht alle vor dem Fernseher versammelt, es würde vielleicht auch jemandem auffallen, dass das Buffet dem historischen Moment nicht ganz gerecht wird. Aber es ist vermutlich das Einzige, was in den letzten Wochen nicht perfekt geplant wurde. Zuletzt geändert: Montag, 8. Dezember 2008 |