| Change, please... |
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von Jakob Schulz | Freitag, 12. September 2008 Er hat sich umgehört, was die Menschen in seinem neuen Zuhause Charleston, South Carolina, von der Politik ihres Landes halten. Sarah, eine kleine, kräftige Frau um die 30, hat ihre Bierdose auf dem wackeligen Holztisch abgestellt und reckt die Arme hilflos in die mufflige Kneipenluft. Für einen Moment wird sie zu dem kleinen Mädchen, das entsetzt mit ansehen muss, wie die einzige Kugel Eis aus ihrer Waffel fällt. Wie Millionen anderer Amerikaner hatte sie all ihre Hoffnung auf einen Politikwechsel im Weißen Haus in Washington D.C. gesetzt. 2. November 2004, die Vereinigten Staaten von Amerika wählen ihren Präsidenten. „Am nächsten Morgen laufen die Studenten langsamer als sonst über den Campus“, erinnert sich Sarah. Sie blickt in ungläubige Gesichter, viele der jungen Menschen sind fassungslos. Präsident George W. Bush gewinnt die Wahl mit 50,3 Prozent der Stimmen und bleibt für weitere vier Jahre Präsident der USA. Senator John F. Kerry, Bushs Herausforderer und Hoffnungsgestalt der liberaleren Amerikaner, verliert. Fehler, aus denen man nicht lerntAuch Sam, Mitte 30, schmächtig, rotes Karohemd, fühlte sich damals wie erschlagen. Er fragt sich bis heute, wie die Amerikaner George W. Bush nach einer ersten, umstrittenen Amtsperiode erneut vertrauen konnten. „Es war so, als ob du deinen Autoschlüssel im Wagen einschließt. Dann zahlst du ein Vermögen für den Schlüsseldienst – und dann schließt du den Schlüssel sofort WIEDER ein!“ Sam arbeitet als Lehrer. Er ist kein typischer Gast im Recovery Room, einer unauffälligen Unterschichtkneipe in einem heruntergekommenen Flachbau, außerhalb der putzigen Charlestoner Innenstadt. Hier strahlen die Holzhäuser nicht mehr weiß, dafür pöbeln schwarze Obdachlose Passanten um „change“, Kleingeld, an. „Hast du nicht? Dann Zigaretten.“ Sieben Meter über der Straße donnern im Sekundentakt Autos über die Highwaybrücke. Harte Zeiten
Vor der Tür sitzt Chris auf einer Holzbank. Aus seinen weißen Hemdsärmeln ragen große Tattoos. Der bärtige 25-Jährige nippt an seiner Flasche „Miller“ und redet mit seinem Kumpel Ryan. Vor kurzem hat Chris seine Arbeit als Grafikdesigner für eine Immobilienfirma verloren. „Sorry Chris, ich kann dich mir nicht mehr leisten“, sagte ihm sein Chef vor einigen Wochen. Chris hat einen neuen Job, doch das Thema Immobilienkrise bringt ihn in Rage. Wie Sarah und Sam sehnt auch Chris einen Wechsel in der amerikanischen Politik herbei. „Ich schäme mich vor dem Rest der Welt für die aktuelle amerikanische Regierung und Politik“, sagt er. Als er im Fernsehen sah, wie der demokratische Senator Barack Obama seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten annahm, war er zum ersten Mal stolz darauf, ein Amerikaner zu sein. Nicht jeder will den Wechsel
Diese Verhältnisse spiegeln sich auch in den Klassenräumen wieder. Hört man sich unter den jungen Studenten um, unterstützen die meisten die Republikaner und John McCain. In einem Politikkurs führt ein Dozent eine Umfrage durch: „Wählen eure Eltern republikanisch oder demokratisch?“ „Wählt ihr selbst republikanisch oder demokratisch?“ Sowohl Eltern als auch ihre Kinder unterstützen mehrheitlich die Republikaner. Es sind Umfrageergebnisse wie diese, die Chris wütend machen. „Fast ein Jahrzehnt voller Fehler in der amerikanischen Politik, jetzt ist die Zeit für einen Wechsel“, meint Chris. Auf die Frage, wie er „reich“ definiere, antwortete der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain kürzlich, man sei reich, wenn man über fünf Millionen Dollar jährlich verdient. Sein demokratischer Rivale Barack Obama nannte ein Jahreseinkommen von 250 000 Dollar. Chris hat im letzten Jahr nach Abzug der Steuern rund 30 000 Dollar verdient. „Change“, Wechsel, das ist das Leitmotiv von Barack Obamas Präsidentschaftskampagne. Und wenn Sarah, Sam, Chris und viele andere Arbeiter in der Wahlnacht am 2. November im Recovery Room hinter ihren „Blue Ribbon“-Bierdosen sitzen, dann wird jemand das Fernsehprogramm vom Sportkanal auf CNN oder FoxNews wechseln. Sam und all die anderen werden den Atem anhalten. Und hoffen, dass Amerika seine Autoschlüssel nicht wieder im Wagen einschließt. Denn der nächste Schlüsseldienst kommt erst in vier Jahren.
Weitere Impressionen aus Jakob Schulz' Aufenthalt in Charleston findet ihr hier.
Zuletzt geändert: Sonntag, 19. Oktober 2008 |
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