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GruselSchreck: Mozarts letztes Gespräch.Teil 4

GruselSchreck: Mozarts letztes Gespräch.Teil 4

OTTFRIED-Redakteur Alexander Hogrefe schreibt auch gerne Kurzgeschichten. Als literarisches Schmankerl in den Semesterferien gibt es heute den vierten Teil seiner Reihe GruselSchreck auf ottfried.de. Der erste Teil kann hier nachgelesen werden, der zweite Teil hier und der dritte Teil hier.
Zeichnung: Pauline Lehner

Gevin sah das Gesicht eines fremden Mannes.
Es war ein Obdachloser, der sich hinter den Decken versteckt hatte. Er schien um die Fünfzig, war in dunkle Kleider gehüllt – Lumpen, die lädiert aussahen und die er wohl in irgendwelchen Tonnen gefunden hatte. Er hatte einen Bart. Brotkrümel glitzerten aus den Bartsträhnen. Seine Wangen waren verschmiert, das Haar unter einer Kappe verborgen und die Zähne gelblich.
Er stank nach Käse.
»Bist du nen Cop?«, fragte er. Seine Augen zuckten in den Höhlen.
Gevin schüttelte den Kopf.
»Was suchste dann hier?«
Gevin brauchte eine Weile bis er den Mut gefunden hatte zu antworten. Die Erleichterung, ein Gesicht zu sehen, das nichts mit Papagenos zu tun hatte, war gewaltig.
»Ich bin auf der Flucht … vor einem Mann«, sagte er schließlich.
»Is der nen Cop?«
Wieder ein Kopfschütteln.
»Dann kannste bleiben, möchte keine Probleme hier und schon gar nich mit der Polente.« Er zeigte auf eine Decke. Gevin setzte sich und zwar so, dass er einen direkten Blick auf die Tür hatte. Der Penner musterte ihn schweigsam.
»Wie alt bis de?«, fragte er rostig.
»Zwanzig.«
»`N bisschen jung um hier rum zu tollen, nich? Muss nich antworten, bin nur neugierig.« Der Penner griff in seine Jackentasche und holte ein Bonbon, das er begierig entpackte.
»Auch einen?«, fragte er freundlich. Gevin schüttelte den Kopf. Der Penner zuckte die Achseln und ließ den Bonbon zwischen den Lippen verschwinden.
»Ich … ich werde von einem Mann verfolgt«, begann Gevin – eine innere Unruhe unterbrach ihn. Seine Glieder zitterten, als hätte er in eine Strombuchse gegriffen.
Der Penner besah ihn nachdrücklich. »Dann sach ihm, dass de nich willst.«, sagte er knapp.
Gevin kniff die Augen zusammen. »Hä?« Dann verstand er. Er schüttelte den Kopf und lächelte leicht. »Nein, nicht so ein Mann, ein anderer.« Seine Gesichtszüge froren ein, als er sich an den Spiegel erinnerte.
»`N anderer?«, fragte der Penner, griff hinter sich und beförderte eine angefangene Flasche Whiskey in das strahlende Mondlicht. »Wer`n dann, is der wie du?«
Nein, dachte Gevin, er ist wie keiner von uns.
»Nein.« Er zögerte. »Er ist nicht von dieser We-«
Gevin schloss die Augen und segelte ein Stück zurück, den Kopf gerade, den Nacken gestreckt.
Er hatte die Augen geöffnet und die Lippen gespalten.
Der Penner balancierte die Flasche zwischen den Fingern. »Ruhig Blut.«, sagte er und hob die Flasche. »Des is alles, was ich hab.« Er kontrollierte den Whiskeystand mit einem prüfenden Blick. »Is nich billig.« Dann nahm er einen Schluck.
»Da.« Er reichte Gevin die Flasche. »Dann fühlst de dich besser.«
Gevin griff zögerlich nach dem Getränk.
Der Schock, der ihn eingeholt hatte, verschwand für einen Moment. Er rückte in den Hintergrund. Seine Gefühle beruhigten sich. Das drohende Kribbeln in seinen Beinen verblieb jedoch.
Mit einem Ärmel wischte er über den Verschluss der Flasche.
»Aber nich alles.«, mahnte der Penner bevor Gevin ansetzte. Gevin nahm einen Schluck, verzog angewidert das Gesicht und reichte die Flasche zurück.
»Bist nix gewöhnt, hä?«, flunkerte der Penner lächelnd. »Un … dieser Mann.«, fragte er. »I-is der gefährlich?«
Gevins Augen loderten. »E-er will mich t-töten.«
Der Penner ließ die Flasche sinken und nickte betrübt. Trauer dominierte in seinen Augen.
»Töten? Und wie?«
»Durch einen Zug.«, raunte Gevin. Eine Träne löste sich aus seinem Auge und kullerte die linke Wange hinunter. Er wischte sie weg und starrte in das Zwielicht, das den Raum füllte. Schatten definierten die Wände und Holzverkleidungen. Wenn sie waberten, wirkten sie wie spielende Kinder oder knarzende Baumwipfel in einer leichten Brise des Windes.
»Enen Zug?«, wiederholte der Penner verdutzt.
Gevin erhob sich, die Fragerei des Obdachlosen ging ihm auf die Nerven.
»Ja, durch einen Zug!«, bejahte Gevin. Das Licht, das durch das nächste Fenster einfiel, war hell und gewährte freie Sicht auf den Mond, der fluoreszierend am Horizont leuchtete.
Der Penner nahm einen Schluck.
»Muss ja nich gleich ausrasten.«, sagte er heiser. Gevin überlegte, was er machen sollte. Er konnte die Nacht kaum hier oben verbringen. Nach unten konnte er ebenfalls nicht, da dort Papageno auf ihn wartete.

Zeichnung: Pauline Lehner

Und was war mit dem Zug?
Ein Rauschen. Es begann plötzlich und brachte die Holzwände zum Zittern. Das Klirren von rotierendem Metall – die Schienen. Ein Zug näherte sich und donnerte durch den unteren Tunnel.
Verdammt, dachte Gevin. Er musste diesen Zug erreichen. Womöglich auf einem anderen Weg.
Ohne zu überlegen fuhr er herum und musterte den Penner abschätzig. Ein Schweißtropfen bildete sich auf seiner Stirn und segelte zu seinem Kinn.
Der Obdachlose erwiderte den Blick mit einem Grinsen.
»Sicher, dass de nich noch was willst?«, fragte er und reichte Gevin die Flasche.
»Wir müssen hier weg!«, rief Gevin aufgeregt und zeigte auf den Durchgang.
Gevin war überzeugt, dass er den Penner nicht alleine hier lassen konnte. Er fürchtete, dass Papageno dann womöglich ihn abgreifen und drangsalieren würde.
Das Spiel war nicht zu Ende, dachte Gevin. Und der Schrecken würde schweigen, sobald das Opfer erbracht war. Er zog die Stirn kraus. Das hatte er aus einem Buch oder Film, dachte er.
Sie mussten gemeinsam fliehen, davon war Gevin überzeugt.
»Wir?«
»Wenn dir dein Leben lieb ist!«
Der Penner überlegte nicht lange und sprang auf. Dabei salutierte er. »Jawohl Sir … auf das Leben.« Er nahm einen Schluck und begann seine Decken zusammenzulegen.
»Komm!«, mahnte Gevin und packte ihn am Arm. »Dafür haben wir keine Zeit.«
Der Penner fuhr erschrocken zusammen, fügte sich jedoch. Sie durchquerten den Raum und blieben vor dem schmalen Durchgang stehen.
Mittlerweile war das Geräusch laut und durchdringend geworden. Es dröhnte mit der Wucht eines laufenden Bohrers durch das Gemäuer.
Die Holzfassaden vibrierten in einer lakonischen Erregung und Staubwölkchen segelten durch die Planken. Eine Wolke kam neben dem Penner hinunter und brachte ihn zum Niesen.
Als Gevin ihn verdrossen anstarrte, tätschelte er die Whiskeyflasche, die er wie einen Säugling im Arm hielt und sagte: »Ruhisch Klenes, janz ruhisch, Niesen is böse.«
Sie stellten sich hintereinander vor den Durchgang. Der Obdachlose direkt hinter Gevin und sondierten die Lage.
Links befand sich der Abgrund und rechts die getrübte Dunkelheit des Ganges.
Sie würden nach rechts gehen, dachte Gevin, es war die einzige Option. Dann die Stufen hinunter, das Treppenhaus entlang und vermutlich in einen der Seitengänge um sich weiter vorzutasten. Dies war ihre einzige Chance.
Er gab dem Penner ein Zeichen.
Vorsichtig, als wäre der Boden aus Papier, setzte Gevin den ersten Schritt. Das Holz knarrte und Staubwolken lösten sich von der Decke.
Der Penner folgte ihm, theatralisch vorsichtig, als wären sie in einem Film. Er zog die Knie an und hielt die Arme seitlich gestreckt.
Keinen halben Meter waren sie gegangen, als Gevin stehen blieb. Etwas stimmte nicht. Obwohl nichts in der Düsternis auszumachen war, war etwas nicht in Ordnung.
Ein Windzug heulte auf – ein ganz schön starker.
Gevin verzog die Augen zu Schlitzen. Der Obdachlose auch.
Sie standen nebeneinander und starrten in die Dunkelheit.
Plötzlich ließ der Penner seine Flasche fallen. Sie fiel hinunter und zerbarst mit einem hallenden Laut.
Gevin wirbelte herum, sah die Trümmer und den bestürzten Obdachlosen, der eine Miene des Schreckens und der Fassungslosigkeit aufgesetzt hatte.
Ein Schmatzen. Es kam von vorne.
Gevin drehte sich um.
Keine zehn Schritte entfernt, war der Mann.
Er saß auf einem Stuhl, die Beine überkreuzt. Mit anmutigen Bewegungen legte er die Zeitung beiseite und zauberte eine Packung Pommes hervor. Gevin erstarrte. Das Gesicht des Mannes war gehäutet und seine linke Seite fehlte völlig. Das rechte Auge war gespannt, als würde es jeden Augenblick aus der Halterung kullern. Das halbe Grinsen war zahnlos und düster.
Um besser sehen zu können, drehte Pagageno den Kopf nach links, sodass sein funktionierendes Auge in mittiger Lage verweilte.
Gevin wollte schreien, aber der Penner kam ihm zuvor. Er öffnete den Mund und kreischte krampfhaft, sodass die Laute des eintreffenden Zuges in den Hintergrund gerieten.
Gevin stimmte mit ein. Dann setzte sich der Stuhl in Bewegung.
Grinsend raste Papageno Gevin und dem Penner entgegen.
»PUH!«
Gevin segelte nach hinten und riss den Penner mit. Sie stürzten zu Boden, rollten über den Grund und fielen in die Tiefe.
An der Schwelle in den Abgrund blieb Papageno stehen und winkte ihnen nach. Der rechte Arm fehlte, die linke Hand war fleischlos und knochig, wie die eines verwesenden Kadavers.
Gevin schwang die Arme und versuchte Halt zu finden.
Sein Ausdruck war Entsetzen, Grauen und Bestürzung.
Er spürte Panik, die gegen seine Schläfen hämmerte – in ihm explodierte. Sein Bewusstsein schwand und löste sich auf. Er wollte schreien, aber er konnte nicht. Er wollte nicht sterben, aber würde es tun.
Er wollte in einem Traum sein, aber er war es nicht.

Das Ende kam mit dem Zug, der sowohl Gevin und den Penner erfasste und ihre leblosen Körper gegen die Wände des Tunnels schleuderte.

Dies geschah gegen 0:04 Uhr

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