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GruselSchreck: Mozarts letztes Gespräch.Teil 1

GruselSchreck: Mozarts letztes Gespräch.Teil 1

OTTFRIED-Redakteur Alexander Hogrefe schreibt auch gerne Kurzgeschichten. Als literarischen Pausensnack in der Prüfungszeit gibt es heute den erste Teil seiner Reihe GruselSchreck auf ottfried.de.

Mit beiläufiger Neugier blickte Gevin in den Spiegel, der ihn – vom Boden bis zur Decke – um einen ganzen Meter überragte. Da war er, allein und einsam auf dem leerem Gleis des Berliner Hauptbahnhofs.Die stumme und verdreckte Digitaluhr zeigte in anmaßender Genauigkeit die Uhrzeit an. Es war 23:30 Uhr und der letzte Zug war vor fünf Minuten abgefahren, zusammen mit den Gästen, die diesen Ort vor der endgültigen Einsamkeit bewahrt hatten. Jetzt waren auch sie weg und Gevin war geblieben.
Der Mann mit seiner Frau und den zwei Kindern, dazu ein Penner in verwahrloster Kleidung und ein Mann in den Siebzigern waren alle gewesen, die das Gleis vor dem Nebel der Abgeschiedenheit bewahrt hatten. Obgleich sie nicht direkt kommuniziert hatten, war ihre bloße Anwesenheit ausreichend gewesen, um nicht gänzlich als letzter Mensch in dieser tristen Sphäre zu enden. Nun waren sie gegangen und Gevin war tatsächlich der letzte Mensch – der Robinson Crusoe des Bahnhofs.
Gelangweilt blieb Gevin vor seinem Spiegelbild stehen. Sein Ich im Spiegel und sein Körper waren die letzten und einzigen, die miteinander hätten sprechen können. Nur wusste Gevin nicht, worüber er mit sich selbst sprechen sollte und wenn er ehrlich war, war ihm das auch nicht geheuer. Vielleicht sah jemand zu und hielt ihn für bescheuert? Es war nicht angenehm jemanden zu sehen, der mit einem Spiegel sprach.
Genauso gewöhnungsbedürftig, wie alleine auf Gleis Vier des Berliner Hauptbahnhofs zu stehen und auf den nächsten Zug Richtung Hamburg zu warten, der um Mitternacht erscheinen sollte. In den Spiegel starrend, betrachtete Gevin die Sitze hinter sich, die wie in einem Stadion aus billigem Plastik gebaut und zu Reihen arrangiert waren. Seine Augen suchten nach Details, über die er nachdenken konnte. Ein unscheinbares Spiel, das der Langeweile den Kampf ansagte.
Dort zum Beispiel, erste Reihe links befand sich eine leere Colaflasche. Sie stand aufrecht und schien wie ein Finger auf den nächsten Fund zu deuten, der sich auf dem Sitz dahinter befand: eine verwaiste Schale Pommes in Currysauce. Von dem einst gefüllten Behältnis, waren nur eine Handvoll gelbe Stangen übrig geblieben. Sie suhlten sich in der verschmierten Pampe und erweckten das Bild einer Horde Schweine, die sich im Schlamm wälzten.
Interessant, dachte Gevin, die Stirn in Falten gelegt, die Hände hinter dem Rücken gefaltet. Dort schien eine Person gesessen zu haben, die eine Cola getrunken und Pommes in Curry gegessen hatte.
Gute Arbeit, Watson. Und das ganz ohne Sherlock – was bist du doch für ein Schlauer.
Moment mal Watson, die Pommes hätten doch auch dem Sitznachbarn gehören können, oder?
Egal, dachte er.
Gevin schwenkte um und richtete seine Konzentration wieder auf sich selbst. Es war immer eine Freude, sich selbst im Spiegel zu sehen. Wie ein automatisierter Roboter war man ständig auf der Suche nach etwas neuem, frischem, das man kritisieren konnte. Die Perfektion war fehl am Platz, da sich der Makel immer wieder aufs neue offenbarte.
Ob es die braunen Haare waren, die wild auf seinem Kopf verteilt lagen, oder die Jacke, die geöffnet das schwarze T-Shirt entblößte, oder die Jeans, die durch den Gürtel zu stark gestrafft wurde – irgendetwas fand sich immer. Grübelnd wischte Gevin ein Haar von seiner Stirn – es störte an dieser Stelle. Gevin war 20, aber wirkte, der Eitelkeit nach zu urteilen, jünger.
Zumindest fühlte er sich jünger, was sich in seinem Narzissmus, seiner übertriebenen Faulheit (merklich bei Hausarbeiten) und seinem beachtenswerten Wechsel von Beziehungspartnern ausdrückte. Seine letzte Freundin, Natascha, hatte erst vor einer Woche Schluss gemacht und ihn mit den Worten »Armleuchte und Idiot!«, die Tür vor der Nase zugeknallt. Es war eine schmerzhafte Erfahrung und eine von vielen gewesen, die er durch den besten Therapeuten überhaupt ertragen hatte: die Zeit.
Ein leichter Wind kam auf und fegte einige Zeitungen auf, die willkürlich auf dem Boden herumlagen. Sie blähten sich, schwirrten durch die Luft und landeten wieder, als wären sie nie gestört worden. Eine Lampe, unterhalb der Digitaluhr und oberhalb einer geschlossenen Klapptür, bibberte zittrig als wäre ihr kalt. Gevin musterte die Lampe und das Schlackern des Lichts spiegelte sich in seinen Augen wieder. Wenn er sich konzentrierte, konnte er das Licht hören, wie es flackerte und rauschte, als würde er den Kopf an eine brennende Kerze halten, ohne sich zu verbrennen. Dieser Lichteffekt war nicht hilfreich um diese Zeit. Zwar war Gevin nicht abergläubisch und das Gespenst aus dem Schrank hatte er schon mit fünf aus seinen Träumen verbannt, aber dieses störende Gefühl von Unbehagen, das ihn ereilte, sobald er in das Licht sah, wurde er nicht ganz los. Er taxierte wieder den Spiegel und sah das Gleis im reflektierendem Glas.
Dort war ein Sprung im Glas. Gevin erkannte ihn gleich. Ein langer Riss, der Striemen bildete und sich wie ein Ast durch das Material streckte. Ein paar Kaugummis, die ihren Geschmack verloren hatten, befanden sich in der Nähe und vermittelten den Eindruck expandierender Fäulnis. Etwas daneben bemerkte Gevin seine Tasche, die als grauer Fleck aus dem Schwarz der Sitze herausstach. Sie wirkte wie eine verwaiste Colaflasche.
Eigentlich ein leichtes Ziel für einen Dieb, dachte Gevin. Ein Paar schnelle Beine, der Wille zur Tat und das Ganze würde reibungslos funktionieren. Die Klapptür zum sicheren Ausgang befand sich drei Meter von der Tasche entfernt.
Jedoch, überlegte Gevin, musste für einen Diebstahl ein Dieb zugegen sein. Und so wie er das Feld überblickte, war das nicht der Fall. Er war der Einzige hier.
Ein erneuter Blick auf die Uhr: 23:35 Uhr. Die Zeit verging im Schneckentempo und gab den notwendigen Ansporn für ein angestautes Stöhnen, das Gevins Brust entlastete. Er drehte sich um und überblickte die Szenerie. Es hatte sich nichts getan. Die Sitze waren Sitze, die Pommes waren Pommes und er war noch immer alleine. Aus dem Tunnel, der wie das finstere Maul eines Ungeheuers in seine Richtung stierte und den Verlauf der Schienen markierte, war das Blinken eines roten Lichts wahrzunehmen.
S O S, S O S. Achtung, ein Notfall, 20 Jähriger auf dem Bahnhof von Langeweile und Müdigkeit bedroht, bitte um dringende Hilfe – danke.
Es würde niemand kommen. Gevin war sich sicher. Niemand außer dem Zugführer und der hatte genauso wenig Lust den Zug zu fahren, wie er, auf ihn zu warten. Ein weiteres Stöhnen, diesmal angefordert. Gevin bedeckte seine Stirn mit einer Hand und schloss die Augen. Ruhe und Geduld waren Empfindungen, die zwar vorhanden waren, aber sich momentan nicht äußerten, da sie zu schwach waren. Mit einem Finger fuhr er die Furchen nach, die seine Stirn bedeckten. Es würde keinen Sinn ergeben, nach diesen Empfindungen zu wühlen, dachte er, schließlich waren sie versteckt und würden sich dann zeigen, wenn sie es wollten.
Er löste die Hand und seine Augen aus der Starre. Gevin empfand das Verlangen, sich wieder dem Spiegel zuzuwenden und er machte auf dem Absatz kehrt. Da war er wieder, der Spiegel. Er hatte sich nicht verändert, genauso wenig wie der Raum. Unbewusst fixierte Gevin einen Punkt, der sich im Spiegelglas hervortat: das Ende einer Sitzlehne. Er wusste selbst nicht, wieso er gerade dieses Objekt ausgewählt hatte, aber jetzt, da sich seine Augen entschieden hatten, rebellierte er nicht. Er verharrte in dieser Position, ruhig, gefasst, die Augen auf das Ziel gerichtet. Obwohl die Uhr über dem Licht keinen Laut von sich gab, hatte Gevin das Gefühl, als würde er die vorbeirauschenden Sekunden fühlen, als wären sie ihm körperlich nahe.
Er löste sich aus seiner Verspannung.
Die Sekunden würden sich nicht beschleunigen. Das war nur ein Wunsch. Alles folgte seinem gewöhnlichen Verlauf wie ein Blick auf die Uhr verriet (23:37 Uhr). Das Licht blinzelte in der Ferne. Gevin wendete sich wieder dem Spiegel zu.
Er erschrak. Seine Pupillen, die gerade noch auf die Lehne konzentriert gewesen waren, erweiterten sich schlagartig. Ein Keuchen entfuhr seiner Kehle. Ein dumpfes, zischelndes Geräusch. Seine Atemfrequenz nahm unvermittelt zu, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Wie die Spinne ihr Netz hatte Gevin den Spiegel unter seiner Kontrolle. Er sah jeden Winkel, jede Ecke, jedes Detail. Wenn sich unten etwas rührte, dann bemerkte er das. Wenn oben etwas brach, dann sah er es kommen. Wenn plötzlich eine Gestalt in den Reihen saß und die Beine verschränkt hatte, dann entging ihm das nicht. Der war vorhin noch nicht da gewesen, dachte Gevin. Da war er sich sicher. Die Beine waren unter einer braunen Hose versteckt, darüber klaffte eine Zeitung, die zwei Hände aufgeschlagen hielten.
Nein, der Mann war vorhin nicht da gewesen und irgendwelche Geräusche – die Laute von Schritten, Türen, Regungen – hatte es auch nicht gegeben.

Zeichnung:
Zeichnung: Pauline Lehner

Gevin drehte sich herum. Der Mann war wirklich da. Es war keine Eingebung, keine Halluzination. Der Körper war anwesend, wie er selbst, und in natürlicher Position verankert. Gevin unterdrückte ein Schlucken. Irgendwas stimmte nicht. Die natürliche Aura des Mannes wurde von etwas fremdem gestört, etwas, das den Schein der Normalität durchbrach und durchkreuzte. Der Mann machte keine Anstalten sich zu rühren. Die Beine bewegten sich nicht, die Finger ähnelten Stöcken eines Baum, die selbst der Wind nicht zu bewegen vermochte. Nur die Zeitung, ein gräuliches Stück Papier, blätterte nachgiebig im heißeren Luftstrom, der durch das Gleis wehte.
Vielleicht sollte er ihn ansprechen, dachte Gevin aber die Idee ertrankt mit einem lapidaren Laut in der Angst. Gevin drehte sich zum Spiegel zurück. Das Glas gab ihm eine gewisse Sicherheit und erlaubte ihm einen Ausblick nach hinten. Gevin musterte die Schuhe des Mannes. Die Spitzen waren abgelaufen und abgenutzt. Langsam, als würde Gevin einen fahrenden Aufzug betrachten, glitt er an der Gestalt hinauf, prüfte die Beine, die Knie, die Finger, die Zeitung – BEI GOTT.
Gevin wankte zurück.

Fortsetzung folgt auf ottfried.de

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