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Über Fremdverschulden und eingeschläferte Studenten

Über Fremdverschulden und eingeschläferte Studenten

Zukunft. Was bedeutet Zukunft? Ist Zukunft schon die Überlegung, wie wir die kommende Woche gestalten? Oder doch eher, wo wir unseren Master machen und wie wir „später“ arbeiten wollen?
Grafik: Chiara Marasco
Unsere studentische Definition von Zukunft beinhaltet oft das Treffen von lebenswichtigen Entscheidungen. Entscheidungen, die unseren Lebensweg wortwörtlich entscheidend beeinflussen. Wollen wir in Deutschland bleiben oder raus in die große weite Welt? Fühlen wir uns von unserer Heimat so losgelöst, dass wir uns vielleicht einen länger andauernden Sprung über den Atlantik oder Pazifik trauen? Dann wiederum die Frage, inwieweit man sein Leben so gestalten sollte, dass es im Lebenslauf gut rüberkommt und für den späteren Arbeitgeber attraktiv ist? Tatsächlich bekommt man in seinem Umfeld viele solcher Fragen, Zweifel und taktischen Überlegungen mit. Das eigene Leben so zu gestalten, dass es auf einem Stück Papier so für den zukünftigen optionalen Arbeitgeber unwiderstehlich wirkt; dass er gar nicht anders kann, als einen einzustellen. Das finde ich pervers. Viele kommen eher irgendwann an den Punkt, an dem sie merken, dass die eigenen moralischen Wertvorstellung nicht immer – manchmal gar nicht oder selten – mit den gegebenen Umständen übereinstimmen. Aber im Vornhinein schon taktisch die Entscheidungen so zu legen, dass die externe Sicht auf die eigene Persönlichkeit wichtiger ist als die interne persönliche, wo kommen wir denn da hin?
Unsere Generation Y kann sich zwar nicht entscheiden, hat aber schon den Anspruch, die Welt zu verändern. Jungspunde stürmen die Büros von Großkonzernen mit der Überzeugung, es eigentlich schon besser zu wissen, bevor der erste Arbeitstag überhaupt verstrichen ist. Die Realität sieht dann oft anders aus. Aber die Idee, die Welt zu verändern, ist ja eigentlich keine schlechte. Angefangen hat es damit, dass nach dem Abitur alle zu Hauf in Entwicklungsländer rannten, um asiatischen Kindern Englisch beizubringen. Von der Idee her sehr löblich, aber hat das kurzfristige Aufploppen von Industriekindern an ausländischen Schulen wirklich einen nachhaltigen Effekt? Was sollten wir dann tun? Wir sollten uns einmal umschauen im eigenen Alltag und in der eigenen Komfortzone, vielleicht machen wir es uns ein bisschen zu bequem. Fängt man an, auf bestimmte Dinge zu achten, merkt man, dass es überall Lücken gibt, die man füllen kann. Arbeitslücken, moralische Lücken und vor allem Verantwortungslücken. Oft bleiben Dinge ungetan und liegen gelassen, weil sich niemand aufraffen kann. „Ich hab das Gefühl, man wird viel mehr gelebt, als dass man selber lebt“, sagte letztens ein Freund zu mir. Allein der emotionale Ersatz durch das Schauen von Serien spricht ja schon dafür. Veränderung bedeutet Fortschritt und Stagnation bedeutet die Einschläferung der nötigen Dynamik. Denn wer sich fürs krampfhafte Festhalten entscheidet, wird zwangsweise zum Nostalgiker.
Wenn man eines lernt, sobald man in einer Arbeitswelt gelandet ist, in der es um Erfolg und Profit aber keinerlei Moral geht, dann, dass das inhaltsleere Streben ins Unendliche Lästerei, Missgunst und anhaltende Existenzangst mit sich bringt. Das macht das Streben für mich nicht erstrebenswert. Wir könnten uns also die weltverändernde Motivation beibehalten und bei uns selbst anfangen. Man muss nicht in Dritte Welt Länder reisen, um etwas zu verändern und Benachteiligten zu helfen. Und vor allem nicht planen, zweifeln, grübeln. Diese Zukunft, die vielen Leuten Angst macht, sollte keine Last der Entscheidungsquälerei sein, sondern ein weites Feld voller Chancen und Möglichkeiten, die man aus eigenen Stücken in Angriff nehmen kann. Das Schöne dabei ist, dass man selbst der rote Faden im eigenen Leben ist. Denn deine eigene Zukunft fängt bei dir an und nur du kannst entscheiden, wer du sein willst und wo du in deiner eigenen und unserer gemeinsamen Zukunft stehen möchtest.
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