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Tagebuch eines Langzeit-Singles

Tagebuch eines Langzeit-Singles

Unser Redakteur Alex kann es nicht mehr hören: Ständig meint sein Umfeld, sich in sein Liebesleben einmischen zu müssen. Jetzt platzt ihm der Kragen.
Titelgrafik: Chiara Marasco

„Such dir doch mal wen… Nicht mehr alleine sein…. Zu zweit das Leben genießen…“
Jaja, blabla. Mir hängen die Werbesprüche der Partnervermittlungsprogramme und Datingapps zum Hals raus. Und wenn ihr wie ich aus einer teilweise etwas altmodischeren Familie kommt, dann kennt ihr auch den Klassiker. „Immer noch alleine?“ oder “Langsam wird es Zeit, in deinem Alter war ich schon [hier bitte Beziehungsinformation einfügen].“ Es ist so beliebig und gleichzeitig immer gleich. Ich hab die Schnauze voll. Ich hab keine Lust mehr auf eine Gesellschaft, die mir täglich vor Augen führt wie wenig mein Leben als Single wert ist — und wieviel besser eine Beziehung wäre.
Und das in Zeiten von „Wir schauen mal, was draus wird“, Freundschaft plus und Pseudo-Beziehung ohne die ach so verhassten Bindungen und Pflichten. Irgendwie sind Beziehungen das neue Mode-Accessoire, etwas, das man im Internet zelebriert, #couplegoals. Ich kotze!

Es ist absolut Paradox. Wo sind die Liebesbriefe hin? Wo das gegenseitige Kennenlernen, bevor man fickt? Versteht mich nicht falsch, jeder so, wie er meint. Aber Menschen wie ich, denen es schwerfällt, sich zu binden, die Vertrauen brauchen und die nur Beziehungen eingehen, wenn auch wirklich Gefühle da sind (nicht nur um zu schauen was draus wird), diese Menschen werden belächelt oder bleiben auf der Strecke.
Und das Schlimmste ist: Ich selbst erwische mich auch bei dem Gedanken, dass ich nur glücklich werden kann, wenn ich eine Beziehung habe. Dass mit mir etwas nicht stimmt, weil es ja allen anderen anscheinend so leicht fällt. Dass ich weniger wert bin oder einfach nicht liebenswert …
SCHLUSS DAMIT! Ich habe keine Lust auf eine Medienkultur und soziale Medien, die mir meine eigene Unvollkommenheit in dem Bereich permanent vorhalten. Und ich brauche auch keine Scheißplakate, die mir die Liebe in 11 Minuten versprechen. Absolute Liebesinflation? Oder ist am Ende gar nicht so viel dran an dem ganzen Müll?

Wie vielen geht es wohl wie mir, wie viele fühlen sich schlecht, obwohl es keinen Grund dazu gibt?
Meine Oma meinte immer: „Junge, wenns passiert, passiert es, und wenn es der richtige Mensch ist dann weißt du das, und da solltest du dir Zeit lassen und nichts überstürzen.“ Danke Oma, wie Recht du doch hast. Diesen Satz von dir nehme ich jetzt zum Anlass, alle Apps zu löschen und zu schauen, was passiert. Immer noch besser, als sich permanent unvollkommen und schlecht zu fühlen wegen etwas, was man im Idealfall sowieso nicht beeinflussen kann.

Ich will keine schnelllebige, unkomplizierte Frischhaltefolie. Ich will meinen Deckel! Egal, wieviel Arbeit ich reinstecken muss und wie lange es dauert — es kommt mir trotzdem irgendwie ehrlicher vor. Und echter. Und das macht doch Liebe irgendwie aus.

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