von Kira-Katharina Brück | Donnerstag, 1. November 2007
Leider muss es so drastisch gesagt werden: Unser Leben besteht aus zu vielen Baustellen.
Studium, Bewerbungen, Nebenjob, Praktika, Familienleben, Sport, Freunde. Freude? Eine Bestandsaufnahme.
In den letzten Monaten beginnt kaum ein Gespräch mit: "Boah, letztens habe ich so ein gutes Buch gelesen." Ganz klar, wir lesen nämlich keine guten Bücher mehr. Schließlich hängen wir schon den ganzen Tag über Texten für die Uni. Mein persönliches Unwort des Jahres ist STRESS. Wer bereits im belanglosesten Smalltalk nicht wenigstens drei Mal STRESS untergebracht hat, kann unmöglich modern, hip, en vogue sein. Ist Müßiggang wirklich so uncool?Das wäre so, als würde man in Berlin mit der digitalen Bohème im Café sitzen und noch nicht mal eine Band kennen, die niemandem sonst ein Begriff ist. "Naja, die spielen halt im Underground." Glückwunsch, nun gehörst Du dazu. Namedropping als Aufnahmekriterium. Bei uns zuhause im Mainstream genügt da schon ein bisschen Stress. Ein Allheilmittel, denn ohne Stress ginge auch deine Daseinberechtigung in dieser Gesellschaft flöten. Wie, Du bist Müßiggänger, oder was?! Wer was reißen will, studiert in Windeseile, engagiert sich am besten gleich in der studentischen Unternehmensberatung und geht danach steil ins große Business. Ausreichend Schlaf? Fehlanzeige. Stattdessen mit Blackberry in Gate 28 auf den Flieger nach London warten. Businesskasper haben schließlich nie Zeit, den Blick und die Gedanken schweifen zu lassen. Lebenszeit ist ArbeitszeitLebenszeit ist Arbeitszeit. Und weil wir alle mal groß werden wollen und die Banker in London so schicke Anzüge und Augenringe tragen, proben wir die Sache mit dem Stress schon mal im Studium. Und mal ehrlich, es hört sich doch auch viel geiler an, nach den Semesterferien von Dauerstress zu sprechen, als achselzuckend zuzugeben, dass man bei Papa eigentlich nur den Rasen gemäht hat, um dann eine einzige Hausarbeit geschrieben zu haben. Wie öde ist dein Leben denn? Im Gegensatz dazu hatten alle anderen nämlich richtig Stress. Ich würde sogar soweit gehen: Sie mussten sich beide Beine ausreißen, um überhaupt hin und wieder einen Freund zu sehen. Wie jetzt, Freunde? Äh, interessierte Bekannte. "Sie hatten Stress, also waren Sie."Gut, dass man nach all dem Stress im Studium direkt Stress im Berufsleben hat. Somit kommt man nicht zum Nachdenken und auch nicht auf dumme Gedanken. Am Ende würde man seine Lebensweise in Frage stellen. Pfui Teufel. So, aber jetzt zum nächsten Meeting, Genossen. Ich muss da noch zum Brainstorming in die Küche und ne PowerPoint-Präsi mit meinem WG-CEO durchsprechen. Jetzt wird delivered, damit nachher alle Drafts auch wirklich performen. Ansonsten kannst du dir die Slides und die Sheets natürlich außerhalb der Range in dein Popöchen pasten.
Auf unseren Grabsteinen wird stehen: "Sie hatten Stress, also waren Sie." Scheiße, ist das alles fancy hier! 1. Hammer! Andrea, Registered Kira, toller Artikel! Du hast das ausgesprochen, was ich mir so oft denke... Zuletzt geändert: Mittwoch, 7. November 2007 |