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Lies Mich: Herland

Lies Mich: Herland

Drei Männer entdecken ein Land voller Frauen. Zwei Gesellschaften prallen aufeinander. Und die unsere wirkt von der anderen Seite aus betrachtet ziemlich absurd.
Foto: Kristina Kobl

„This Land is Ourland, That Land is Herland.“ Ein Klassiker, der in Vergessenheit geraten ist, zumindest dann, wenn man sich nicht in feministischen Kreisen bewegt oder in einem Seminar der Bamberger Amerikanistik darauf stößt. Auch mehr als 100 Jahre nach der Veröffentlichung ist „Herland“ noch eine geniale Utopie. Die amerikanische Feministin Charlotte Perkins Gilman schickt drei männliche Forscher im Jahr 1915 auf eine Reise. Eine Expedition in eine unentdeckte Zivilisation. Ein Land aus Frauen: Herland.

Die drei repräsentieren verschiedene männliche Stereotypen: Terry, der prahlende Macho; Jeff, der Gentleman, der Frauen idealisiert; und Ich-Erzähler Van, der Diplomatische – alle teilen sie die Meinung, dass das weibliche Geschlecht dem männlichen unterlegen ist. Doch die Frauen, auf die sie in Herland treffen, sind stark, furchtlos, intelligent, und wissen sich zu wehren. So sperren sie die Männer kurzum ein, nachdem sie in ihr Land eingedrungen sind. Nach einem misslungenen Fluchtversuch freunden sich die Männer mit drei der Frauen an. Sie lernen ihre Sprache und die Geschichte ihres Landes, das seit 2000 Jahren ohne Männer existiert.

Die Frauen leben in Herland wie eine große Familie, teilen all ihren Besitz, ziehen alle Kinder (ergo: Töchter) gemeinsam groß. Sie pflanzen sich durch Parthenogenese fort, welche die Urmutter des Stammes allen Nachkommen vererbte. Frieden und Liebe stehen über allem. Kriminalität, Gewalt und Konkurrenzdenken sind den Bewohnerinnen fremd. So lernen die Männer eine neue Kultur und ein völlig neues Frauenbild kennen. Wo Frauen das ganze Volk sind, können sie nicht auf ihre Weiblichkeit reduziert werden.

When we say WOMEN, we think FEMALE – the sex“

Die Frauen aus Herland wollen trotz der anfänglichen Skepsis alles über die Männer wissen; über die große weite Welt außerhalb ihres Landes, über die Frauen und die Kultur in Amerika. Außerdem fragen sie sich, wie es möglich ist, dass Mann und Frau sich lieben. Dass Männer mehr sind als nur Väter. Dass Frauen nicht arbeiten dürfen. Auf 150 Buchseiten fragen sie sich gegenseitig über ihre Welten aus – ein Vergleich der Extreme. Während der Leser die Reflexion durch Van erlebt, verliebt sich Jeff Hals über Kopf, und Terry versucht seine Macht auszunutzen (die er in Herland aber gar nicht wirklich innehat). Er kann Herland noch immer nichts abgewinnen, bis auf die Schönheit der Frauen. Für Van und Jeff hingegen ist das Land regelrecht zum Paradies geworden. Dabei handelt es sich gar nicht um eine zu Ende entwickelte Utopie. Die Idee der Herlanderinnen ist vielmehr, dass sich jede Generation über die letzte hinaus entwickelt.

…and the word MAN meant to them only MALE – the sex“

Obwohl sich von 1915 bis heute viel geändert hat und Frauen heutzutage nicht nur in Herland, sondern auch in Amerika arbeiten dürfen, findet sich einiges auch in der heutigen Gesellschaft wieder. Insofern ist das Buch eine Anregung, die eigene Lebensweise gründlich zu hinterfragen. Natürlich ist im männerlosen Herland auch nicht alles perfekt. Doch Charlotte Perkins Gilman macht auf alltägliche Ungerechtigkeiten und Absurditäten aufmerksam. Ihre Utopie ist also gerade heute, nach mehr als 100 Jahren, eine wahre Bereicherung.

Kleiner Spoiler: Mit dem Ausflug der Männer nach Herland ist die Geschichte nicht zu Ende. Charlotte Perkins Gilman schrieb noch im selben Jahr die Fortsetzung: With Her in Ourland…

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