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Vom Klassenzimmer in den Hörsaal


Alle reden vom doppelten Abiturjahrgang, aber keiner schaut wirklich hin: Was sind das für Menschen, die nach ihrem Abitur weder Selbstfindungstrips noch Party machen und direkt ins Studium einsteigen? Warum Benedikt Grosch sich nach bestandenem Abitur keine Pause gönnt und direkt in das Studentenleben einsteigt.

Es regnet in Strömen, als ich Benedikt treffe. Wir suchen nach einem trockenen Plätzchen und entscheiden uns für ein nahe gelegenes Cafe. Ich möchte über etwas ganz Bestimmtes mit dem 21 jährigen Studenten mit der grauen Schiebermütze und der schwarzen Brille sprechen. Es ist gar nicht lange her, da hat der Ingolstädter noch die Schulbank gedrückt und sein Abiturzeugnis entgegen genommen, nämlich erst im April diesen Jahres. Nur ein paar Wochen später studiert er im 1. Semester Geschichte und Archäologie an der Universität Bamberg. Warum er direkt mit dem Studium begonnen und nicht, wie viele seiner Altersgenossen, erst mal Urlaub gemacht, gejobbt oder gefaulenzt hat. Und warum er die Doppelbelastung mit der Wohnungssuche neben dem Abitur in Kauf genommen hat.

Er erzählt mir, dass er einer der Wenigen seines Abiturjahrgangs ist, die nach dem Abitur direkt mit einem Studium angefangen haben und die Mehrzahl seiner Freunde und Schulkollegen entweder ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, arbeiten oder erst mal gar nichts tun. Er sei deswegen schon für verrückt erklärt worden, weil er sich keine freie Zeit gegönnt hat.  Ihn persönlich habe das nicht gestört, ihn hatte schon die viele Freizeit während des Abiturs gelangweilt. Er brauche Routine und einen geregelten Tagesablauf. Schon lange hatte der ehemalige Schulsprecher von einem Geschichtsstudium geträumt und seine Chance so früh wie möglich genutzt. ,,Es hat etwas mit Selbstverwirklichung  zu tun.“, erzählt er mir lächelnd. Und mit einem Ultimatum, dass ihm sein Vater stellte. Entweder Benedikt beginnt sofort mit dem Studium oder er muss es sich selbst finanzieren. Ist das der eigentliche Grund für sein Studium nach dem Abi? Er schüttelt den Kopf. Nicht nur, erklärt er mir, aber nach zwei Ehrenrunden in der Oberstufe wollte er endlich rein in die Uni und sein Traumfach studieren. Immerhin hat er Großes vor.

Der Ingolstädter mit der ruhigen Art hegt einen nicht alltäglichen beruflichen Traum: Er möchte Museumsdirektor in London werden. In welchem genau, das weiß er noch nicht. Außerdem komme er aus einer Akademikerfamilie und das habe ihn ebenfalls in seiner Entscheidung sofort zu studieren beeinflusst. Und obwohl die Entscheidung ohne Konflikte gefallen ist, hat auch Benedikt über Alternativen nachgedacht. Der Katastrophendienst hätte ihn gereizt, ,,um in Ernstfällen zu helfen und einfach aus dem Menschlichen heraus“, wie er mir erklärt. Aber auch wenn er sich schließlich dagegen entschieden hat, war dem 21 Jährigen eines klar: Nämlich dass er seine Heimatstadt verlassen würde. ,,Ich wollte über den Tellerrand schauen und  den Abstand zu meinen Eltern, um meine Selbstständigkeit zu testen, meine eigenen Erfahrungen zu sammeln und auch zum ersten Mal alleine zu wohnen.“

Und inwiefern hat das Gymnasium zu seinem direkten Studium beigetragen?  ,,Die Schule hat in der Kollegstufe einen allgemeinen Überblick über die Möglichkeiten nach dem Abi gegeben, aber das Hauptaugenmerk doch auf das Studieren gelegt. Wahrscheinlich hat mich das schon beeinflusst.“, überlegt er laut. Wobei seiner Meinung nach auch nicht alles, was ihnen als Schüler erzählt wurde, stimmt: Von dem prophezeiten Stress und der wenigen Freizeit habe er noch nicht viel gespürt. Er sehe dem Studium auch eher gelassen entgegen und lasse alles auf sich zukommen. Aber aller Anfang ist schwer und auch er habe Startschwierigkeiten gehabt. Die Umstellung von Schule auf Uni war erst mal ungewohnt und der Stundenplan hatte Probleme bereitet, aber mit Hilfe der Erstsemestereinführungstage und hilfsbereiter Mitbewohner habe er die anfänglichen Hürden überwunden, wie er mir lächelnd verrät. Ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn er nicht so einfach ein Zimmer gefunden hätte, will ich noch wissen. Jeden Tag von Ingolstadt nach Bamberg zu pendeln wäre keine Option gewesen, sagt der Geschichtsstudent kopfschüttelnd, aber es hätte noch eine Notlösung gegeben: bei einem Freund in Bayreuth unterkommen und von dort aus jeden Tag mit dem Auto zur Uni zu fahren. Aber zum Glück sei er ja im Verbindungshaus der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg untergekommen. Seine Entscheidung nach Bamberg zu kommen und das Klassenzimmer gegen den Hörsaal zu tauschen, habe er bis jetzt nicht bereut. ,,Und die meisten meiner Schulfreunde haben ihre Meinung inzwischen auch geändert. Denen ist nämlich mittlerweile langweilig geworden.“

 

 





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