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Tackeln und tackeln lassen: Rugby im Unisport

Tackeln und tackeln lassen: Rugby im Unisport

Rennen, hinfallen, wehtun. Harte Kerle in Leggins. Aggressionen ab- und blaue Flecken aufbauen. Wir haben den Superbowl gesehen. Wir sind vorbereitet. Oder? Zu dritt haben wir Rugby im Unisport ausprobiert und dabei gelernt, dass man ihn nicht mit Football verwechseln und sich erst recht keine Streifen ins Gesicht malen sollte.
Titelbild: Jonas Meder

Als wir an einem heißen Dienstagabend im Volkspark ankommen, sind wir bereits von der Anfahrt mit dem Auto verschwitzt. Auf dem Spielfeld tummeln sich etwa 40 Rugbyspieler und -spielerinnen, wir sind mit der schieren Anzahl überfordert. Sind wir hier bei IKEA? Überall sieht man nur Schränke. Sie stehen sich gegenüber und sind bereit für eine Aufwärmpartie.

Julia. Eine kurze Einführung: zwei Teams, ein eierförmiger Ball und jede Menge „Touch“, um den Gegner abzuwehren.

Touch ist das Synonym für „Ich berühre dich an der Hüfte und das bedeutet im übertragenen Sinne, dass ich dich gerade umgerempelt habe, was ich aber aus Zeit- und Verletzungsgründen nur hypothetisch tue“.  Ich gehe auf die eine Seite, Anna und Karla bleiben auf der anderen. Meine Teammitglieder versuchen mir inmitten von schnellen Schritten, hektischen Blicken und einem leichten Geruch von Angstschweiß zu erklären, was zu tun ist. Gar nicht so einfach. Später wird eine Spielerin sagen: „Ich bin inzwischen seit einem halben Jahr dabei und verstehe immer noch nicht alle Regeln.“

Plötzlich fange ich den Ball. Die Wand aus gegnerischen Spielern stürmt auf mich zu. Ich renne los. Die denken, ich habe einen Plan, aber ich habe nur Angst. Ich renne weiter. An den Spielern vorbei, die mir lautstark hinterherrufen. Ich fühle mich gut, ich habe ein Tor gemacht – oder wenigstens einen Punkt? Dann verstehe ich, was all die Menschen schreien: „Du bist im Aus!“ – Und das seit ungefähr 300 Metern.

Julia (links im Bild) versucht, das Ei zu verteidigen. Foto: Jonas Meder

Nach dem gemeinsamen Spiel bilden Männer und Frauen eine jeweils eigene Gruppe. Wir wärmen uns auf: Nach Krafttraining am Boden springen wir nacheinander auf, rennen los und schlagen Haken. Bei der Begrüßung wirkte die durchtrainierte Trainerin im pinken Shirt sehr freundlich. Jetzt machen wir Liegestütze. Nach dem ersten fühle ich mich fitnesstechnisch am Ende, bei dem dritten schreit sie: „Ganz runter!“. Als nächstes bilden wir Zweiergruppen. Anna liegt am Boden, ich darüber. Ich halte sie fest, während sie sich unter mir hervorkämpfen muss. „Ich bin ja nicht so schwer und auch recht klein“, denke ich und wende meine ganze Kraft auf.

 

Anna. Das soll nur eine Übung sein, Julia! Das Ziel ist nicht, den Partner bis zum K. o. am Boden zu halten. Glaube ich zumindest.

Als ich mich endlich von Julias Gewicht freikämpfen kann, fühle ich mich ein bisschen wie damals mit zehn, mit Grasflecken an den Knien und keiner Angst vor zu viel Körperkontakt. Warum machen Menschen das in meinem Alter nicht mehr?

Bei Wurfübungen lernen wir, den Ball zu fangen, ohne sofort vom Gegenspieler umgemäht zu werden. Dann geht es rund. Beziehungsweise eierförmig. Wir spielen unsere erste Partie: fünf gegen fünf, nur Mädels und nur „Touch“.

Das Spiel geht los: Jedes Team bildet eine geschlossene Linie und steht sich gegenüber: „Defense“. Den Feind nicht durchlassen! Das angreifende Team bildet ein V. Sie rennen in dieser Formation nach vorn, spielen sich den Ball von der Spitze aus immer weiter nach außen hin zu. Als bereits vollwertiges Mitglied des Teams rufe ich jedes Mal laut „Hier!“, um zu signalisieren, dass ich bereit bin, den Ball hinter meinen Teammitgliedern aufzufangen. Der darf nämlich nur nach hinten weitergegeben werden.

Der Feind schläft nicht. Immer wieder werden wir „getoucht“, bevor wir den Ball an der gegnerischen Mannschaft vorbei bis zur Linie am hinteren Spielfeldrand befördern können. Das wiederum wäre ein Punkt, genannt „Try“, für uns. Beim Touch allerdings muss der Ball kurz abgelegt werden, bis er vom nächsten Teammitglied weitergespielt wird. Irgendwie passiert mir das überdurchschnittlich oft.

 

Karla. Und schon wieder muss Anna den Ball ablegen. Ich laufe hin und schnappe mir das Ei. Nach 20 Minuten Spiel sind wir trotz (oder gerade wegen) unserer Tollpatschigkeit außer Atem und gehen über zur wirklich relevanten Übung.

Der Zahnschutz wird ausgepackt. Die Mädels um mich herum sehen damit schlagartig einschüchternder aus. Ich habe leider keinen, stelle mich aber brav mit zum Tackeln an. Vor mir rennt Julia etwas zaghaft auf das gelbe Polster zu und lässt sich waagerecht hineinfallen. Ich tue es ihr nach und schiebe gebückt, unter viel Schultereinsatz, die Spielerin hinter dem Polster ein paar Meter über den Rasen. Das war einfach. Richtig scheine ich es trotzdem nicht gemacht zu haben. Tiefer runter, Rücken gerade, auf die Arme achten!

Danach dürfen wir uns gegenseitig attackieren. „Einfach tackeln und tackeln lassen!“, ruft die Trainerin motiviert. Ich beobachte respektvoll, wie eine nach der anderen zu Boden geht – mal fliegend, mal plumpsend. So wie Anna, als ich an ihr lerne, wie man tackelt. Ausfallschritt nach vorne, Arme an die Kniekehlen des Gegners, und ganz wichtig: „cheek to cheek“. Also Wange an Arschbacke. Okay. Mein bisheriges Verständnis von persönlichem Abstand werfe ich über Bord. Nachdem auch ich ein paar Mal zu Boden gegangen bin, muss ich mir eingestehen: Was ich bisher als grobes Umrempeln wahrgenommen habe, ist eigentlich eine durchdachte Strategie, mit der sich im Idealfall beide Beteiligten nicht wehtun.

Fazit. Ausdauer, geschicktes Werfen und Fangen sowie taktisch den Ball am Gegner vorbei ins Ziel befördern – das Essenzielle haben wir schnell gelernt. Die Umsetzung erweist sich als schwieriger. Die Spielerinnen integrieren uns dennoch von Anfang an in jeden Spielzug undwerfen uns neben Bällen auch Lob zu. Am Ende meinen sie herzlich, dass wir gerne wiederkommen dürfen.
Karla (links) ist noch voller Motivation während Julia (links liegend) und Anna (rechts liegend) sich erstmal ausruhen. Foto: Jonas Meder
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