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Theater mit Steinen und Tränengas


Eine Barriere aus Stahl und Beton manifestiert die Teilung zwischen dem Westjordanland und Israel. Jede Woche demonstrieren Hunderte gegen diese Ungerechtigkeit, ohne Hoffnung ihre Situation zu verändern.

Die Tränengasschwaden verflüchtigen sich langsam in den ansonsten wolkenlosen blauen Himmel. Demonstranten mit rot geschwollenen Augen sitzen vor dem kleinen Supermarkt, eine Getränkedose in der Hand. Schwitzende Journalisten werfen ihre Gasmasken an den Straßenrand. Jeden Freitag spielen sich in dem kleinen Dorf Bil´in, zwölf Kilometer westlich von Ramallah im Westjordanland gelegen, die gleichen Szenen ab. Nach einer kurzen Protestansprache werden Fahnen geschwenkt, Reifen entzündet, irgendwann fliegen Steine. Israelischen Soldaten antworten sofort mit Tränengas, später mit Gummigeschossen und scharfer Munition.

Grund der Demonstrationen ist der sogenannte „Sperrzaun“, wie ihn israelische Offizielle nennen, oder die „Mauer der Rassentrennung“, wie sie zumeist im Arabischen betitelt wird. Sie trennt seit 2003 das Westjordanland von israelischem Gebiet, schneidet dabei aber tief in palästinensisches Land und orientiert sich nur teilweise an der „grünen Linie“, welche 1949 zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten festgelegt wurde. In Bil´in verloren die Bauern 60 Prozent ihres Bodens, für viele bedeutete es der Verlust ihrer Lebensgrundlage.

Seitdem ist das 1700-Einwohner-Dorf ein Symbol für den Widerstand gegen die Barriere geworden. Als illegal stufte sie der Internationale Gerichtshof in einem Gutachten ein, selbst der israelische Gerichtshof forderte Korrekturen des Verlaufs. Ein Dokumentarfilm begleitete Aktivisten bei ihren Aktionen, das Medienecho und die Zahl der ausländischen Teilnehmer ist um ein Vielfaches höher als in anderen Dörfern. Doch auch dort hat die Sperranlage zahlreichen Menschen ihre Bewegungsfreiheit, vielen die Möglichkeit, sich und ihre Familie zu versorgen genommen.

Seit dem Ende der zweiten Intifada nimmt die Zahl von Studierenden und Praktikanten aus Deutschland in den plästinensischen Gebieten wieder stetig zu. Leuchtturmprojekte, wie das Cinema Jenin, das Goethe-Institut, parteinahe Stiftungen oder lokale Nichtregierungsorganisationen bieten das Gefühl, in einem komplizierten Konflikt eine konstruktive Rolle spielen zu können. Doch genauso, wie sich in der alltäglichen Arbeit schnell Ernüchterung einstellt, weil es in dieser Region keine schnellen Erfolge gibt, hinterlässt auch die Demonstration einen schalen Beigeschmack und Ratlosigkeit.

Die israelischen Soldaten sind 20 Jahre alt. Wie die Steinewerfer, auf die sie schießen. Die Woche nach dem 9. November wird als Anti-Apartheid-Wall-Woche begangen – in Anlehnung an den deutschen Mauerfall 1989. Doch wer die Demonstrationen und die gezielten Provokationen aus nächster Nähe verfolgt, stellt eines fest: Es ist ein Spiel, Steine und Tränengaskanister sind Teil eines einstudierten Stücks. Die israelischen Soldaten zeigen Härte, die Palästinenser demonstrieren ihre Unnachgiebigkeit. Die Israelis wollen die Notwendigkeit ihrer Anlage beweisen, die Demonstranten die sofort einsetzende Gewalt der übermächtigen Soldaten. Protest als PR-Aktion? Oder ein wichtiges Symbol gegen die Unterdrückung?

Dawood Hamoudi ist einer der Mitorganisatoren der Kampagne StopTheWall, einer Basisbewegung gegen die israelischen Baubemühungen. Einige seiner Mitstreiter sitzen wegen ihrer Aktivitäten im Gefängnis, doch aufgeben kommt für ihn nicht in Frage: „Ohne Alternative“, findet er die wöchentlichen Proteste, sie seien das Zeichen, dass die Bevölkerung immer noch unter der israelischen Besatzung leidet und sie bekämpfe. Viel Hoffnung auf Veränderung liegt nicht in seiner Stimme. Viele Ausländer treibt ohnehin das Adrenalin nach Bil´in, das Gefühl, wenn die Tränengaskanister nur einige Meter entfernt zu Boden fallen, plötzlich im Olivenhain israelische Soldaten auftauchen und ihre Gewehre in den Anschlag bringen.

Im Supermarkt, nur wenige hundert Meter entfernt, sitzen drei Jugendliche unter der dröhnenden Klimaanlage. Was sie von den Ausländern halten, die jeden Freitag in ihr Dorf kommen? Sie lachen. Ob es nützlich sei? „Es ist besser, dass überhaupt jemand kommt“, sagt einer. Doch das Gefühl bleibt, nicht Teil der Lösung sein zu können, weil man das Problem überhaupt nicht durchdringt. Denn auch auf der anderen Seite stehen keine Maschinen. Die israelischen Soldaten sind etwa 20 Jahre alt, genau wie die Steinewerfer, auf die sie schießen. Sie erhalten ihre Befehle von denen, welche die Erfolge der Sperranlage rühmen. Um mehr als 90 Prozent seien die Terroranschläge seit dem Bau zurückgegangen. In den israelischen Städten braucht niemand mehr ein mulmiges Gefühl haben, wenn er in einen Bus steigt.

Illegale Landnahme oder Schutzversuch, Provokation oder berechtigter Protest. Widersprüche, denen jeder Student oder Praktikant in den palästinensischen Gebieten ausgesetzt ist. Widersprüche, die sich letztlich nur politisch auflösen lassen. Doch bei allem Interesse vor Ort, zu wenige tragen die Ungerechtigkeit des Konfliktes nach Hause. Im Gegensatz zu Australien, England, oder Österreich konnte StopTheWall für Deutschland keine einzige Solidaritätsveranstaltung im November ankündigen.





  • 5 Kommentare zu “Theater mit Steinen und Tränengas”

    1. Monsieur Encadré schrieb vor 522 Tage

      Diese Bericht ist einfach nur zum kotzen scheiße!
      Entschuldigt mir bitte dieses Vokabular, aber etwas anderes fällt mir dazu nicht ein, um dieses Pamphlet richtig zu beschreiben.

      Um diesen Artikel nach zu urteilen, kann es sich ja bei dem Autor nur um einen deutschen Pazifisten handeln, der von “Besatzung” schreibt, ohne sich überhaupt darüber im klaren zu sein, warum z.B. die “Mauer der Rassentrennung” überhaupt erbaut wird. Oder warum den ganzen Tag Soldat_innen der IDF die Sperrzonen bewachen.
      Völlig zu Recht werden diese Mauern gebaut und völlig zu Recht überwacht. Wen irgendwelche Intifada-Kids oder was auch immer Steine auf Soldat_innen schmeißen braucht nicht so zu tun als wäre es verwunderlich, wenn mit Tränengas und anderen Mittel sich verteidigt wird. Und falls dann doch ein “unschuldiger” Palästinenser erschossen werden sollte ist Paliwood nicht weit um dieses Szenario ausführlichst zu dokumentieren. Aus jedem Blickwinkel und alle fotografieren das selbe Szenario. Diese Bilder erreichen dann bedauernswerter Weiße die westlichen Medien und mal wieder wird mit dem Finger auf das böse Israel gezeigt, ein Staat der ja eh nur verlängerter Arm der USA im nahen Osten ist oder was auch immer da noch alles hinein interpretiert wird. Ein Fressnapf für die Antisemit_innen und Antizionist_innen sowohl Links als auch Rechts, und natürlich für andere Pazifist_innen.

      Bevor ich es vergesse:
      Kein einziges Wörtchen verliert hier der Autor darüber, wie die Hamas und andere verachtenswerte Organisation anrichten. Tägliche Raketenangriffe auf Israel. Und da wundert es einen, warum Sperrzonen errichtet werden. Seit Jahren -und auch vor der Shoah- waren Jüd_innen dem Terror von Islamist_innen und anderen Judenhassenden Mobs ausgesetzt. Ich möchte zum Beispiel auf das Massaker von Hebron im Jahre 1929 aufmerksam machen, oder deutsche Täter ihre Karriere in Armeen der Muftis und anderem Gesindel fortsetzten um den Jüd_innen den Gar auszumachen.

        Johannes A. Hartmann
      • Johannes Hartmann schrieb vor 521 Tage

        Ich denke, der ganze Konflikt ist so komplex, dass es nicht Anspruch einer Reportage sein kann, seine gesamte Vorgeschichte zurück bis zur britischen Mandatszeit darzustellen, die man ohnehin kennen sollte und wenn nicht, an anderer Stelle nachlesen kann. Hier geht es nur um die Demonstrationen gegen die Mauer in Bil´in und das ist nun mal nur ein kleiner Ausschnitt des Konflikts. Die Raketenangriffe (gegen die die Mauer eh nichts nützt) und die Hamas werden hier nicht erwähnt, weil es eben nicht um den Gaza-Streifen geht, sondern um ein Kuhkaff in der Westbank. Der Autor erwähnt sehr wohl, warum auf israelischer Seite die Mauer als notwendig angesehen wird: “Um mehr als 90 Prozent seien die Terroranschläge seit dem Bau zurückgegangen” – und das böse Wort “Besatzung” findet hier nur in indirekter Rede Erwähnung. Auch wenn der Text aus palästinensischer Perspektive geschrieben ist, kann man dem Autor zu Gute halten, dass er bei der Schilderung des Medienrummels um die rituell anmutenden Demos eine gewisse Distanz durchblicken lässt.

      • Mario Nebl
      • Mario Nebl schrieb vor 521 Tage

        1.: Vielen, vielen Dank für dein Statement Johannes. Wäre das Bewertungssystem schon integriert, würdest du von mir sofort einen „Daumen hoch“ bekommen.

        2.: Zu den Hintergründen des Nahost-Konflikts hat ein ehemaliger OTTfried-Mitarbeiter ein sehr informatives Video erstellt: http://vimeo.com/1381614. Wer sich allgemein informieren will ist gut beraten es anzusehen.

        3. Letztlich, und das zeigt sich auch in den Kommentaren zu diesem Artikel, ist die Frage nach der Bewertung des Nahost-Konflikts eine politische und wird hier nicht gelöst werden. Schon gar nicht von einer Reportage, die einfach den Gesetzen ihrer Darstellungsform unterliegt und Sachverhalte nicht wie eine wissenschaftliche Arbeit darstellen KANN. Ganz abgesehen davon, dass ein solcher Text im Netz niemals zu Ende gelesen wird.

        4. Einen journalistischen Text aus der eigenen persönlichen Verfasstheit heraus zu bewerten und sich nicht auf (in indirekter Rede dargebotene!) Argumente einzulassen scheint mir durchaus als eine Engstirnigkeit fassbar zu sein, die einen großen Teil der derzeitigen Misere in Nah-Ost ausmacht.

    2. nikita schrieb vor 523 Tage

      “Die Woche nach dem 9. November wird als Anti-Apartheid-Wall-Woche begangen – in Anlehnung an den deutschen Mauerfall 1989.”

      LOL

      wie wärs noch mit der reichsprogromm nach? da wurden auch steine auf juden geworfen.

    3. JojoK
    4. JojoK schrieb vor 526 Tage

      Interessanter Text. Aber wieso fühlt ihr euch auf einmal für Palästina zuständig?

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