Spiel gegen die Abseitsfalle
Mehrere Dutzend Asylbewerber warten in Forchheim auf eine Zukunft. Die Vergangenheit aus Chaos und Gewalt wollen sie hinter sich lassen. Ein studentisches Projekt hilft ihnen, im neuen Leben zurechtzukommen. Neben den Klassikern Deutschunterricht oder Altkleiderspenden verwenden die Studierenden einfache Mittel: Fußball, Musik, Zuhören.
Volltreffer! Der Ball ist drin! Halil jubelt. Er hat wieder ein Tor geschossen, nicht das erste an diesem Nachmittag, und es wird auch nicht das letzte bleiben. Halil ist einer der besten auf dem Platz, was, zugegeben, auch daran liegt, dass die Hälfte der anderen Mannschaft kaum älter ist als zehn Jahre. Es liegt aber auch daran, dass der 14-Jährige gut spielen kann. Sehr gut sogar. Fußball ist der Mittelpunkt seines Lebens. Wenn er spricht, dann meist über Fußball, wenn er spielt, will er gewinnen. Er freut sich über jedes Tor und jeden gelungenen Trick. Er hat Spaß, jene Emotion, die der Junge aus Armenien bisher nicht allzu oft in seinem Leben empfunden hat.
Halil und die anderen Kinder und Jugendlichen, die in der kleinen Sporthalle spielen, wohnen im Asylbewerberheim in Forchheim. Man kann nur erahnen, wie viel Leid sie zusammen mit ihren Eltern durchgestanden haben. Nun hoffen sie auf ein besseres Leben in Deutschland. Mehr als hoffen können sie nicht. Die Zeit bis zur Bewilligung des Asylantrags ist lang, die Angst, abgeschoben zu werden und in Gewalt und Anarchie zurückkehren zu müssen, macht sie noch länger. Da tut eine Abwechslung gut, eine Abwechslung wie sie Filiz, Clara, Janos und andere Mitglieder des Projektes „Freund statt Fremd“ bringen. Die Studenten aus Bamberg und Erlangen veranstalten jede Woche Sporttraining und Gitarrenunterricht, verteilen Altkleider oder helfen den Menschen im Heim bei täglichen Problemen. „Die Leute warten teilweise schon seit Jahren auf die Bewilligung ihres Antrags. Als ich zum ersten Mal vor Ort war, war die Stimmung bei Manchen ganz unten“ beschreibt Filiz ihre Erfahrung. Sie kannte damals auch das Asylbewerberheim in Bamberg und wusste, dass die Stimmung dort optimistischer war, weil es dort Freizeitangebote von Ehrenamtlichen bereits gab. Das war der Startschuss für das Projekt in Forchheim.
Fußballspielen am Samstagnachmittag ist ein Teil davon. Auch an diesem Samstag. 14 Uhr, es ist soweit. Aber keiner da! Als Janos und Clara durch das Heim gehen und die Kids zusammentrommeln, sieht es lange Zeit so aus, als ob niemand zu Hause ist oder schlichtweg Keiner Interesse hat, rauszugehen. Die Türen sind zu. Es ist ein dreistöckiges Gebäude, das an einen sozialistischen Block erinnert. Irgendwo spielt Musik, westlicher Hip Hop, der vor nicht allzu langer Zeit in den Charts war. Sonst Ruhe. Ein schmales Treppenhaus führt nach oben, auf jeder Etage sind links und rechts Holztüren, deren Schlossriegel im Schaft rattern, wenn man klopft. Nach und nach öffnen sich die Pforten, die Leute kriegen mit, dass die Studierenden da sind. Hinter jeder Tür verbirgt sich ein kleiner Flur. Dann weitere Türen, die zu Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsbad und ein paar Zimmern führen, in denen die Asylbewerber wohnen, teilweise zu viert oder mit der ganzen Familie in einem Zimmer.
Nach ein paar Minuten ist die Friedhofsruhe vorbei. Einer nach dem anderen kommen sie raus, die Älteren etwas ruhiger, die Jüngeren ausgelassener. Halil gehört zu den Ruhigeren, zumindest neben dem Platz. Betritt er die Halle, ist er aber ein anderer Mensch. Die Ruhe verschwindet. Was dann kommt, ist nicht nur Spaß, sondern auch Professionalität: Er treibt die Bildung der Mannschaften an, will möglichst schnell loslegen, dirigiert seine Mitspieler. Ein klassischer Mittelfeldspieler, der an Michael Ballack erinnert. Auch seine Mitspieler explodieren förmlich, wenn sie die Halle betreten. Kreischend, lachend, tobend tollen sie durch den Raum. Wie auch nicht, nach einer Woche auf engstem Raum im Heim?
Jedoch kennt auch hier die Freude ihre Grenzen. Ruslan und Said, zwei kleine Jungs aus Tschetschenien, sind auf dem Platz genauso ruhig, wie sie auf dem Weg dorthin waren. Sie lachen nicht, sprechen nicht. Als seine Mannschaft aussetzt, folgt Said, der jüngere von den beiden, gebannt dem Spiel der Anderen. Er sitzt auf einer Bank, zieht vor Anspannung die Beine an, verdreht sie zur Seite, haut mit der Faust auf sein Knie, als das Tor partout nicht fallen will. Doch er lässt nie eine Emotion verbal nach außen. „Sie sind traumatisiert“, sagt Filiz über die beiden Brüder. Es ist offensichtlich.
Und es ist verständlich. Denn was es bedeutet, sich in einer Situation zu befinden, in der man auf Asyl angewiesen ist, lässt sich am Vater von Ruslan und Said ablesen. Wagit ist ein Mann von mittlerer Statur, 37 Jahre alt, schwarze Haare, ein verschmitztes Lächeln, ein freundlicher Blick, der oft nach unten geht, ein kräftiger Händedruck. Seitdem eine Granate neben ihm explodiert ist, ist Wagit taub, ein Splitter steckt immer noch in seinem Kopf, das Trommelfell ist hinüber. Eine Operation ist möglich, kostet aber viel Geld. Die Studierenden sind dabei Ideen zu sammeln, wie man es auftreiben könnte.
So zynisch es klingen mag: Wenn es nur das wäre, wären seine Erinnerungen an die alte Heimat vielleicht gar nicht so schlimm. Als Laila, seine Frau und die Mutter der Kinder, in die Küche geht, um Kaffee zu machen und Wagit mit einem vorsichtigen Blick durch die Tür sich davon überzeugt hat, dass niemand zuschaut, zieht er kurz auf der rechten Seite das Hosenbein hoch. Der ganze Oberschenkel ist übersät mit haselnussgroßen Kratern. Das war die erste Erfahrung mit dem Krieg, die er als 19-Jähriger im Ersten Tschetschenienkrieg gemacht hat. 36 Splitter von der Ferse bis zum Kopf. Als die Wunden damals einigermaßen verheilt waren, verließ er Grosny, die Stadt, in der er als Automechaniker gearbeitet hatte und suchte Zuflucht bei Verwandten auf einem Dorf. Das Dorf wurde umstellt. Eine Säuberung. Ironie des Schicksals: Es war ausgerechnet ein Geschoss, das ihm das Leben rettete. Wagit versteckte sich mit Schwester, Bruder und Vater im Keller. Kurz bevor die Mörder kamen, donnerte eine Panzergeschoss ins Dach und ließ das Haus zusammenstürzen. Die Eindringlinge dachten, alle wären tot, und suchten gar nicht erst nach ihnen. Die Familie harrte unentdeckt im Keller aus. Die Nachbarn wurden hinausgezerrt und getötet.
Es sind Dutzende solcher Geschichten, die Wagit erzählt, meist nach unten blickend, mit einer Intonation, die absurde Belustigung vortäuscht, um die schiere Trauer zu verbergen. Da er seit Jahren nicht mehr hören kann, klingt sein Russisch gebrochen, seine Stimme verzerrt, unförmig, wie der skurril-schreckliche Verlauf seines Lebens. So erzählt er von dem Mann, dessen zertrümmerte Beine er mit zwei Stöcken und einem Seil schienen wollte und der vor seinen Augen verblutete. Oder von dem siebenjährigen Jungen, der in seinem Armen an einem Lungenschuss starb, den Wagit mit einem Verband noch zu retten versuchte. „Wenn du die Alten sterben siehst, kannst du das vielleicht noch verarbeiten. Aber ein Kind vergisst du nie“, sagt Wagit. „Er hat durch das Loch in der Brust geatmet. Er hat mich die ganze Zeit angesehen, als ob er hoffte, dass ich ihm helfen kann. Aber er hat nicht geweint.“ Der Junge starb nach einer Stunde.
Während Wagit erzählt, geht Laila, seine Frau und Mutter von Ruslan und Said, immer wieder raus aus dem Zimmer. Ob sie nur nach den Kindern schauen oder das Leid nicht nochmal in ihren Kopf lassen will, ist nicht klar. Sie ist ein so starker Mensch, dass sie es sich nicht anmerken lassen würde, wenn es das Letztere wäre.
„Wir werden deine ganze Brut vernichten“
„Was sie im Gefängnis mit ihm gemacht haben, darüber spricht er nicht“, sagt sie irgendwann, als sie im Zimmer ist und deutet auf ihren tauben Mann, als er gerade wegschaut. „Und darüber, was sie mit mir gemacht haben, sprechen wir auch nicht“, sagt sie und wendet auch ihren Blick ab. Langes Schweigen. Wagit, der Taube, der nicht mitbekommen hat, was Laila gerade gesagt, bricht es schließlich. Er erzählt doch von dem Gefängnis. Laila geht raus. Wagit erzählt, wie ihm Stromklemmen an die Finger geknipst, die Füße ins Wasser gestellt und Stromschläge verpasst wurden. Wie ihm eine Gasmaske aufgesetzt und die Luftzufuhr gekappt wurde. Wie man ihm mit einer Plastikflasche auf den ohnehin schon verletzten Kopf schlug. Warum? Um die eigene Haut zu retten. „Es wurden viele Verbrechen begangen und man brauchte Sündenböcke. Also schnappten sie sich Leute und bearbeiteten sie so lange, bis sie alles zugaben“, erzählt Wagit. Irgendwann gab er auch vor, etwas getan zu haben, einfach nur, damit das Ganze aufhört. Es folgten über zwei Jahre im Gefängnis und – schließlich – der Asylantrag und die Ausreise nach Deutschland vor einigen Monaten. Dennoch, Wagit macht keinem Volk aus dem ethnischen Schmelztiegel im Süden Russlands einen Vorwurf. „Der Krieg fragt dich nicht, wer du bist, oder was du für eine Nationalität hast. Krieg ist Krieg.“ Er bete nur zu Gott, dass seine Kinder nicht das erleben müssten, was er erlebt hat. „Wir werden deine ganze Brut vernichten“, haben Bewaffnete mal zu Laila gesagt. Sippenstrafe. Wenn sie den Mann nicht finden, nehmen sie den Rest. „Wir werden keinen am Leben lassen. Wenn dein Junge zur Schule geht, was glaubst du, wie leicht wir ihn mit dem Auto erwischen?“
Es ist diese Geschichte, die man kennen muss, wenn man Said sieht, wie er auf der Bank sitzt, die Beine anwinkelt, dem Geschehen folgt, aber unfähig ist, emotional zu reagieren. Und es ist diese Geschichte, die zeigt, wie nötig die Arbeit von Filiz und den anderen ist. Was die Kinder und ihre Eltern erlebt haben, kann niemand mehr ungeschehen machen. Man kann aber der Geschichte einen Riegel vorschieben und einen Neuanfang machen. Etwa mit Deutschunterricht, den Clara und Janos der tschetschenischen Familie geben. Denn wenn der Vater nichts hört und die Mutter mehrere Kinder versorgen muss, ist es schwer für Said, Ruslan und ihre Geschwister, Deutsch zu lernen.
„Wie sollen die denn da einen Anschluss finden?“, fragt Filiz. Die Asylpolitik mache es den Leuten auch nicht gerade leicht. Wenn man von der Gesellschaft abgeschottet werde, kaum Unterstützung erhalte und nur sehr schwer eine Arbeitsgenehmigung, ist Integration keine leichte Sache. Deutschkurse würden von sozialen Vereinen und Freiwilligen getragen werden und nicht von der Regierung. Die staatliche Seite zeigt sich dieser Tatsache bewusst. Man begrüße es „wenn sich neben den Wohlfahrtsverbänden auch ehrenamtlich Tätige engagieren und sich um die Bewohner der Gemeinschaftsunterkünfte kümmern“, so die Pressestelle des Regierungsbezirks Oberfranken, der der Träger des Heims ist. Das Argument, von staatlicher Seite könne auch mehr kommen, weist man zurück. „Der Freistaat Bayern unterstützt die Arbeit der Wohlfahrtsverbände in der Asylsozialberatung bayernweit mit jährlich knapp 1,5 Millionen Euro“, heißt es aus dem Regierungsbezirk. Derzeit würden auch Verhandlungen über eine Erhöhung dieser Fördermittel laufen.
Offenkundig ist dieses Geld aber nicht in der Lage, das Gefühl, sich im Abseits zu befinden, zu nehmen, wie die Erfahrung von Filiz zeigt. Umso wichtiger seien die kleinen Dinge: Deutschunterricht, Gitarrenstunden und Fußball, die von Studenten organisiert werden. Vielleicht trägt es dazu bei, die Kluft zwischen Halil, dem Mittelfeldchef, und Said, dem stillen Zuschauer, ein wenig zu schließen. Vielleicht können beide auch neben dem Platz einen Riegel vor ihre Vergangenheit schieben.
(Namen von der Redaktion geändert)
Fotos: Katharina Ortmanns









Eugen Maier
4. Dezember 2011
Artikel




2 Kommentare zu “Spiel gegen die Abseitsfalle”
Hallo Julia,
entschuldige die späte Antwort. Die Gruppe heißt “Freund statt fremd”. Du kannst Kontakt aufnehmen unter freundstattfremd@googlemail.com.
Hallo Eugen!
Dein Bericht war sowie tragisch und bewegend…Kannst du mir sagen, wie man an diese Organisation der Studenten in Kontakt treten kann? Bzw. wie heißt diese? Ich würd mich gern engagieren.
Vielen Dank und liebe Grüße