Sie sind antriebslos, verschwenderisch und verwöhnt; gierig, egozentrisch und naiv. Sie scheuen Verantwortung, Veränderung und Risiko. Sie verbringen nach dem Abitur ein Jahr in Australien, natürlich Work&Travel (oder eher: Travel & Papa zahlt), aber wohnen mit Mitte zwanzig immer noch zuhause. Nach den unterhaltsamen bis maßlos übertriebenen Horrorgeschichten über Helikoptereltern hatten die Panoramaspalten großer Zeitungen wie WELT und SPIEGEL im letzten Jahr ein neues Lieblingsthema: die Generation Y, oder, wie das Hamburger Abendblatt einmal vorschlug: die Generation M. „M“ für Mikrowelle, Mobilfunk, „Mami, mach mal“.
In jeder Wohlstandsgesellschaft tritt ein Phänomen auf, zuverlässig wie eine mathematische Gleichung: Je besser es dem Durchschnittsbürger geht, desto lieber regt er sich auf – siehe AfD, Brexit und Trump. Auf der Pegida marschieren neben Abgehängten und Neo-Nazis beunruhigend viele Demonstranten, die der gesellschaftlichen Mitte zugeschrieben werden können: Mittelschicht, mittelalt, mittelbesorgter Bürger. Und wer sich selbst zu schade dafür ist, ein Wutbürger zu sein, der wendet sich unverfänglicheren Themen zu wie der „Generation Y“. Um nicht zu wirken wie die Dorfoma, die mangels sinnvoller Beschäftigung über die Jugend von heute klagt, unterlegt man dabei die eigenen Aussagen mit ein paar Erkenntnissen der Generationsforschung, beruft sich vielleicht auf einen Soziologieprofessor und erweckt allgemein den Anschein wissenschaftlicher Objektivität.
Den Großteil dieser Leute stellen Journalisten und Forscher, die altersmäßig unter die als „Baby Boomers“ klassifizierte Generation fallen. Der Begriff wurde um 1970 von der Washington Post geprägt und bezieht sich auf den explosivartigen Anstieg der Geburtenrate in den Fünfzigern. Man kann sagen, dass sie es von allen Generationen, die es je gab, am besten hatten: Während um sie herum die Welt neu aufgebaut wurde und die Eltern noch mit der eigenen Schuld haderten, rebellierten sie in den Sechzigern, stellten die Hippie-Bewegung in den Siebzigern, bereisten als erste Generation die Welt und stürzten die Mauer. Dann wurden sie verbeamtet und schafften sich ein Haus, ein Auto und ein bis drei Kinder an.
Merken Sie was? Der Unsinn im vorigen Absatz zeugt von genau der pauschalen Verallgemeinerung, die zahllose Medien bis hin zu den renommiertesten Zeitungen Deutschlands unter dem Deckmantel soziologischer Erkenntnisse verbreiten. Das Einzige, was Generationen voneinander unterscheidet, sind ihre Lebensumstände und die jeweilige Anpassung daran. Natürlich hing man im vorigen Jahrhundert nicht am Smartphone, statt sich zu unterhalten, man hatte ja keins. Und vielleicht waren Studenten früher tatsächlich politisch aktiver, abenteuerlustiger und generell selbstbewusster als ihre Nachkommen. Aber Alltag, Karriere und die Welt im Allgemeinen sind seither um einiges komplizierter, fordernder und teurer geworden. Von den Babyboomern verlangte niemand einen von Arbeitserfahrung, sozialem Engagement, Topnoten und Fremdsprachenkenntnissen überquellenden Lebenslauf, um sich für ein Praktikum zu bewerben. Sie wuchsen nicht während der Finanzkrise auf und im Studium bekamen sie von niemandem zu hören, dass neunzig Prozent aller Studiengänge keine Zukunft hätten. Einer Immobilienstudie von ZDF heute zufolge sind die Wohnpreise in Großstädten alleine im Jahr 2015 um 9,4% gestiegen, Tendenz seit gut zehn Jahren steigend, aber wenn über Studenten geschimpft wird, die immer noch zuhause wohnen, fällt diese Anmerkung selten.
Tatsache ist, dass viele Menschen vor Veränderung zurückschrecken, und wenn sie sehen, dass die „Jugend von heute“ sich anders an die Welt anpasst, als sie es getan haben, schrillen bei ihnen die Alarmglocken. Dabei ist es nicht der Mensch, der sich verändert hat, sondern die Welt. Die Generation Y wird ihren Weg finden, trotz all der Artikel über ihre Nutzlosigkeit. Sie mag zu beschäftigt mit Praktika und Spitzennoten sein, um auf der Straße zu demonstrieren. Sie mag von Heliktopereltern großgezogen worden sein und manchmal denken, sie sei cool, wenn sie mit Starbucks-Kaffee in der einen und dem iPhone 5 in der anderen Hand zur Uni läuft. Aber durch die ständige Kritik an ihr weiß sie vielleicht auch, dass kluge Menschen sich und andere genauso wenig über ihre Generation definieren wie über Herkunft oder Religion. Sie weiß, dass der Großteil der älteren Bevölkerung aus toleranten und freundlichen Menschen besteht. Die anderen schreien nur lauter.