„Emotionen freisetzen”
Der Student Jakob Scharf (25) ist zweiter Vorsitzender des Bamberger Kurzfilmtage e.V. Er kommt ursprünglich aus Schwerin, wo er früh Erfahrungen mit dem dortigen Filmkunstfest gemacht hat. In Bamberg studiert er seit 2006 im Magister Kunstgeschichte mit der Spezialisierung Bauforschung und Geschichte. Wir haben ihn zu der Arbeit hinter den Kulissen des Festivals befragt und wollten wissen, was uns dieses Jahr erwartet.
Ottfried: Gerade eben bin ich von der Kettenbrücke in die Obere Königsstraße gebogen und dabei stach mir euer Transparent ins Auge, welches nun auch schon seit Anfang Januar aushängt! Wie ist das Gefühl auf der Zielgeraden zu wissen, dass ab Montag die Arbeit endlich Früchte trägt?
Jakob Scharf: Es ist natürlich immer wieder ein tolles Gefühl. Man arbeitet ein ganzes Jahr darauf hin und dann will man es schon auch auskosten.
Wie hat man sich das vorzustellen? Sitzt du dann bei den Veranstaltungen, lehnst dich zurück und kannst es einfach genießen?
Also grundsätzlich ist es immer wieder ein schönes Gefühl. Insbesondere dann wenn man es schafft mit dem was man dort erschaffen hat, Emotionen freizusetzen. Selbst wenn es jemanden gibt der wutschnaubend herauskommt und sich über die Filme aufregt, ist das noch besser als wenn gar nichts kommt. Am Schönsten ist es selbstverständlich, wenn wir es schaffen, dass die Mehrzahl sich freut! Dazu muss ich aber sagen, dass wir trotzdem noch jede Menge zu tun haben. Alleine die Vorstellung am Dienstag im alten UFA Kino muss noch komplett vorbereitet werden, das heißt Bestuhlung und Technik müssen noch aufgebaut werden.
Da du auch immer in der Mehrzahl sprichst, ist das Team bestimmt nicht gerade klein. Wie viele Leute sind denn ungefähr an der ganzen Organisation und Planung beteiligt?
Das ist sehr schwer zu sagen. Einige der Leute befinden sich auch nicht mehr unmittelbar in Bamberg, sondern sind bereits wieder mit Praktika oder ähnlichen Dingen beschäftigt. Andererseits ist es schon so, dass die Meisten zumindest versuchen zur Festivalwoche in Bamberg zu sein. Insgesamt zählt das Team glaube ich über 30 Leute. Das sind schon viele und deshalb bringt sich jeder so ein wie er kann und will. Zu den Teamtreffen kommen immer so ca. 10 – 15 Leute, die aber auch immer variieren! Durch die hohe Fluktuation, zum Beispiel wenn Studierende Bamberg verlassen, können wir nie genug Unterstützung bekommen.
Ist das Team bereits so eingeplant, dass jeder auch für das Festival einen klar definierten Aufgabenbereich hat?
Wir haben gleich zu Beginn der Vorbereitungen Arbeitskreise gebildet und jetzt versuchen wir jedem ungefähr die gleichen Möglichkeiten zu bieten an den Veranstaltungen so teilzunehmen, dass er davon auch etwas für sich mitnehmen kann. Manchmal bist du dann der erste der um 16 Uhr kommt und die Pforten öffnet und der Letzte der das Licht ausknipst. Solange man mit Leib und Seele dabei ist, macht einem das aber nichts aus.
Das heißt also ihr habt die Möglichkeit euch die Filme auch anzuschauen?
Im Prinzip schon. Außer du bist so eingeteilt, dass du an der Kasse sitzt, dann wird das immer ein bisschen schwierig. Man muss aber dazu sagen, dass niemand die ganze Woche an der Kasse sitzen muss und wir das Gros der Filme auch schon durch die Sichtungen kennen.
Wie kommt ihr eigentlich zu den Filmen, die gesichtet werden und wann fangt ihr damit an?
Also eigentlich sind wir im Frühjahr immer am faulsten (lacht) und danach geht es so richtig los. Bei den Sichtungen fahren wir zwei verschiedene Schienen. Zum Einen gibt es die Einsendungen, dort endet die Frist am 1.Oktober. Den Mammutteil stellen Filmhochschulen, aber auch unabhängige Produktionsfirmen sind mit dabei. Und dann gibt es noch die Methode selbst zu Festivals zu fahren, um sich einen Überblick zu verschaffen und so auch ein wenig über das hinaus zu schauen was eingesendet wird.
Unter welchen Gesichtspunkten werden die Filme dann ausgewählt?
Die Filmemacher müssen ihren Film bei der Einreichung über unser Onlineformular bereits einer der Kategorien Spielfilm, Animations- und Experimentalfilm, Dokumentarfilm oder Kinderfilm zuordnen. Spielfilme sichten wir gemeinsam, für die anderen Kategorien setzen wir uns in kleineren, spezialisierten Gruppen zusammen. Wir geben jedem Film eine Note und eine Exceltabelle errechnet daraus den Durchschnittswert. Dann vertrauen wir allerdings nicht immer der reinen Mathematik, schauen nochmal eine Minute in die Filme rein und treffen daraufhin eine Entscheidung.
Das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie schafft ihr es euch so zu organisieren, dass die Gruppen auch in dem Maße wie sie gebraucht werden, zusammenkommen?
Um die Masse an Einsendungen zu bewältigen, ziehen wir uns immer ein komplettes Wochenende zurück. Da geht es dann ins Fichtelgebirge, wo ein Mitglied des Teams ein Haus zur Verfügung hat. Dort heißt es dann Filme gucken, Filme gucken und … Filme gucken. Wir bauen drei verschiedene Leinwände auf und beschäftigen uns kaum mit etwas anderem.
Und wie lange bleibt dann Zeit bis das Konzept stehen muss?
Die stressigsten Monate sind eigentlich wirklich Oktober und November. Dort bleiben uns dann knapp zwei Monate bis wir Ende November/Anfang Dezember das Programmheft in den Druck geben.
Wie ist es dir dann überhaupt möglich, das alles mit dem Studium zu vereinbaren?
Naja man darf das alles auch nicht überschätzen. Ich bin jetzt keiner von diesen Hochgeschwindigkeitsstudenten (lacht). Als Magister kann ich das Tempo schon ein wenig selbst bestimmen, dass scheint bei mir einfacher als bei den Bachelorkollegen, die durchweg am hin und her rennen sind.
Was wäre dann also spontan dein Tipp an jemanden der das Festival vielleicht noch gar nicht kennt? Ohne das jetzt als Wettbewerbsverzerrung aufzufassen!
(lacht) Also zum Wettbewerb darf ich jetzt nichts sagen. Aber ich finde den Dienstag sehr spannend. Da werden wir Bambergs ältesten erhaltenen Kinosaal im ehemaligen UFA Kino wiederbeleben. Martin Lorber wird da sein, der sich eingehend mit der Bamberger Kinogeschichte beschäftigt hat. Außerdem fand dort am 07. Juni 1991 die erste Filmaufführung der ersten Bamberger Kurzfilmtage statt.
Für die Studierenden aus den ersten Semestern und auch andere Laien des Filmfestivals fände ich es ganz gut, wenn du vielleicht in drei Sätzen kurz sagen könntest, wie die Programmübersicht und damit auch der Wettbewerb aufzufassen ist.
Wir versuchen immer Wettbewerbsblöcke zu erstellen, die jeweils ca. 100 Minuten umfassen. Dabei sind bei einigen Blöcken etwas längere Filme ( 20 – 30 Minuten ) und bei anderen dafür eine höhere Anzahl an Filmen dabei. Dieser Block läuft dann als Programm an den jeweiligen Tagen um die Uhrzeiten, die im Heft beschrieben werden.
Zusätzlich gibt es auch noch Filme, die unabhängig vom Wettbewerb aufgeführt werden. Letztes Jahr war das glaub ich so etwas wie die Dokumentation über die Bamberger Bierkultur. Was hat das Festival dieses Jahr in dem Bereich anzubieten?
Genau. Das sind dann die sogenannten Specials. Dieses Jahr haben wir unter anderem „Augenblicke“. Dies entsteht in Zusammenarbeit mit der Medienzentrale Oberfranken und dort werden zwölf etwas kürzere Filme gezeigt. Das ist eine Kooperation, bei der wir mit der Filmauswahl gar nichts zu tun haben. Diese tourt danach als Rolle durch ganz Deutschland.
Außerdem haben wir uns entschieden dieses Jahr in Zusammenarbeit mit der offenen Behindertenarbeit (OBA) Bamberg das Programm „Aus anderer Sicht“ zu zeigen, das Menschen mit Behinderung thematisiert. Im Lichtspiel können wir dieses Special für Sehbehinderte sogar mit Audiodeskription anbieten, die live eingesprochen wird.
Wie sieht es denn mit dem Kontakt zu den Filmemachern aus? Gibt es da auch für die Rezipienten eine Möglichkeit sich mit den Produzenten bzw. Regisseuren auseinanderzusetzen?
Unser persönlicher Charme lebt natürlich auch in gewisser Weise von der räumlichen Begrenztheit. Nicht wie bei anderen Festivals, wo die Aufführungen in riesigen Cinestarsälen abgehalten werden, veranstalten wir den Großteil in den beiden Programmkinos Odeon und Lichtspiel. Dadurch entsteht ja bereits eine sehr familiäre Atmosphäre. Außerdem gibt es den Festivalclub. Dieser ist letztendlich ein Forum für alle. Für uns selbstverständlich der Hauptanlaufpunkt um sich mit den Machern der Filme auszutauschen, aber durch seine Öffentlichkeit auch eine Plattform für Jedermann, um an die Teams heranzutreten.
Zum Thema Kontaktpflege passen auch eure fortwährenden ausländischen Verknüpfungen, beispielsweise hattet ihr schon mal ein brasilianisches Special dabei. Was wird uns dieses Jahr erwarten?
Unser Sonderprogramm ist immer eine gute Gelegenheit, damit wir uns überlegen können welches Thema gut zum diesjährigen Festival passt. Dieses Jahr haben wir uns für Südtirol entschieden. Der Titel lautet „Fokus Südtirol“ und umfasst längere Dokumentarfilme, die einige Überraschungen für die Zuschauer bereithalten werden.
Ab dem 09. Februar wird die Berlinale ihre Pforten für das Publikum öffnen. Wie sieht es mit dir aus, wirst du dir als Belohnung eine zweiwöchige Reise nach Berlin gönnen, um vielleicht schon mal Augen und Ohren für die nächsten Festspiele in Bamberg zu spitzen?
Bei der Berlinale ist das so, dass wir als Festivalveranstalter zwei Karten für eine Akkreditierung anmelden können. Allerdings bietet sie eine eher geringe Auswahl an Kurzfilmen im Vergleich zu dem enormen Rest der Vorstellungen. Ich werde mir dieses Jahr mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Festival anschauen, aber das wird mit großer Sicherheit nicht die Berlinale sein.
Vielen Dank für das Gespräch.