OTTFRIED-Redakteur Alexander Hogrefe schreibt auch gerne Kurzgeschichten. Als literarischen Pausensnack in der Prüfungszeit gibt es heute den zweiten Teil seiner Reihe GruselSchreck auf ottfried.de. Der erste Teil kann hier nachgelesen werden.

Adrenalin pumpte in seinen Kopf und der Schweiß füllte seine Stirn mit feuchten Tropfen. Hatte der Mann gegrinst?
Ja?
Nein?
Der Mann hatte seine Haltung nicht verändert.
Die Zeitung war aufgeschlagen und die Beine in überkreuzter Stellung vereint.
Das Gesicht war nicht zu sehen – im Spiegel war nichts zu erkennen.
Einbildung, Fantasie, ein schlechter Scherz?
Gevin wischte sich den Schweiß fort und drehte sich herum.
Der Mann saß nicht mehr auf seinem Platz, sondern weiter vorne, in der ersten Sitzreihe, keine fünf Meter entfernt.
Er hatte keine Zeitung in den Händen, seine Finger lagen sanft auf den Schenkeln. Der Mann grinste nicht. Es war nicht möglich, da der Unterkiefer fehlte.
Die Zunge war verschwunden, die Unterlippe auch und die Zähne. Blut tropfte von den Hautresten herunter und färbte das braune Jackett in dunkles Schwarz. Die Augen waren ausdruckslos und kalt – starrend, ohne Ziel, als würden sie in die Ferne blicken und nur dorthin. Die Haare waren auf der linken Seite zum Scheitel gekämmt. Rechts fehlten sie. Dort mangelte ein Stück des Kopfes, als wäre es heraus gerissen.
Der Harvey-Two-Face-Look entblößte ein halbes Gehirn, das von Blut getränkt war.
Gevin hielt den Atem an, das Herz rutschte ihm in die Hose, sein Mund klappte auf.
Er gab einen kurzen, dafür lauten Schrei von sich und wendete auf der Stelle. Seine Hände zitterten. Er spürte wie seine Knie bebten. Im Spiegel war das Bild anders: Der Mann hatte die Lesehaltung nicht verlassen. Er hatte sich nicht bewegt und die Schweigsamkeit, die ihn umhüllte, hatte ihren Kreis nicht durchbrochen.
Was passierte hier?, fuhr es Gevin durch den Kopf.
Ein Schauer baute sich an seinem Nacken auf und glitt seinen Rücken hinunter. Am liebsten hätte er seine Tasche genommen und wäre gegangen, aber das konnte er nicht, da der Zug bald einfahren würde.
Was also sollte er tun?
Das Spiegelbild des Mannes war normalisiert. Sein Antlitz war hinter der Zeitung verborgen.
Sollte er den Mann ansprechen? Sich von der Wahrheit überzeugen?
Ja, dachte er und zögerte. War er wirklich so müde, dass er am Tor des Wahnsinns klopfte?
Dem Eintritt hinter den Vorhang, wo Rationalität fehlte und das heißere Echo einer Stimme flüsterte: »Du bist verrückt, du bist verrückt…«
Gevin wusste es nicht und jeder Augenblick, der verstrich, fühlte sich an, als würde sein Verstand schwinden, wie als würde ein Rohr in seinem Kopf stecken und sein Gehirn absaugen.
Er schloss die Augen. Den Spiegel konnte er spüren, als würde er sagen: »Hallo, ich bin noch da.«
Gevin wollte reagieren, aber die Angst vor dem Unbekannten ließ ihn Stocken. Er traute sich nicht. Was hatte er gesehen? Den Schrecken? War der Mann noch da oder nicht?
Vielleicht?
Vielleicht auch nicht?
Gevin öffnete die Augen und starrte zu seinen Füßen.
Kälte packte seinen Hals und umschlang seinen Rumpf. Der blitzartige Dolch der Furcht bohrte sich mit Präzision in seinen Rücken. Tiefer, immer tiefer, Wirbel für Wirbel.
Gevin sah seine Schuhe.
Sie waren da.
Und der Mann?
Der Mann war auch da. Nur saß er nicht mehr.
Stattdessen war er nahe herangekommen. Gevin konnte es sehen.
Seine Schuhe waren nicht alleine. Sie waren in Gesellschaft eines weiteren Paars.
Die Schuhe des Fremden waren mit Bändeln gebunden und standen unvermittelt hinter ihm.
Die braune Hose schmiegte sich leicht an das Schuhwerk an.
Die Zeitung war verschwunden. Der Mann war so dicht, dass Gevin seinen Atem spüren müsste – ein Luftzug, der kontinuierliche Atem des Lebens. Ein Funke Vitalität. Aber da war nichts.
Instinktiv biss Gevin die Zähne aufeinander und fuhr herum.
Der Mann saß in der ersten Reihe und las Zeitung. Er blätterte herum.
Gevin sah zurück in den Spiegel.
Jetzt stand der Mann wieder hinter ihm. Die Schuhe dicht an seinen Schuhen. Der rechte Fuß bewegte sich leicht. Er klopfte nachdrücklich auf den nackten Stein.
Als wäre er ungeduldig, schoss es Gevin durch den Kopf. Seine Augen waren ein wenig glasig, als würde er durch Wasser starren. Das war die Angst. Sie forderte ihren Tribut.
Gevin war polarisiert, gespalten. Sein Verstand war in einen verzwickten Kampf zwischen Realität und Fantasie verwickelt, Wahrheit und Lüge.
Die Hände der Person waren an ihren Körper gepresst und bewegten sich nicht.
Sie gruben Furchen in das Jackett und ließen Falten entstehen. Die Knöpfe waren geschlossen.
Gevin fuhr höher und höher, am Körper des Mannes entlang.
Er bibberte leicht. Panische Angst infiltrierte sein Gewissen.
Bevor er den Kopf des Fremden erreichte, schloss er die Augen.
Was jetzt geschah passierte ungesteuert von Instinkten und Sinnen, die ihm zuriefen, er solle es lassen, er solle seine Tasche nehmen und verschwinden.
Die Neugier hatte die Kontrolle übernommen und es war mehr als das. Mehr als Kuriosität, es war eine Art Zwang, die ihn drangsalierte weiter zu machen, fortzufahren und nicht aufzuhören.
Gevin fröstelte, als eine Brise über das Gleis zog und seine Ohren streifte. Auf den Schienen hinterließ der Wind ein Flüstern, das sogleich versiegte.
Gevin spürte sein Herz, das in seiner Brust hämmerte, als wolle es ausbrechen.
Er machte die Augen auf.
Die Gestalt des Mannes war kaum wiederzuerkennen.
Es war nicht mehr erschreckend, vielmehr gewöhnlich. Umgänglich. Ein konventioneller Mensch.
Er lächelte. Dann veränderte er sich.
Das Gesicht wurde oval und länglich und verlor sämtliche Haare, die sich aus der Haut lösten und wie Flocken zu Boden fielen. Die Haut wurde weißlich und wässrig und verströmte ein reflektierendes Leuchten.
Die Augen waren Schlitze, gefüllt mit Schwärze.
Anstelle eines Mundes prangte dort ein aufgerissenes Loch. Etwas, das nicht zum Rest passte. Die zahnlose Mulde war gekräuselt wie ein Strudel und verlief in ein düsteres Nichts, das schimmerte, wie fluoreszierende Sterne.
So stand er da, mit weit aufgerissenem Maul, als würde er Gevin einsaugen wollen.
Gevin wollte ausweichen und landete stattdessen im Spiegel, der ein lautes Klappern von sich gab; die Risse an den Ecken verlängerten sich. Glas wallte.
Gevin knallte mit dem Kopf voran in den Spiegel. Sterne tanzten vor seinen Augen. Sein Bewusstsein schwärzte sich und er verlor den Halt. Taumelnd sauste er hinunter und prallte auf seinen Hintern.

»Einen wunderschönen guten Abend, Gevin.«
Gevin fuhr aus der Starre hoch, die ihn für wenige Sekunden in Verschlag genommen hatte.
Er saß auf dem Boden, vor dem Spiegel, den Sitzen zugewandt. Sein Kopf pochte und seine Schläfen fühlten sich an, als wären sie mit einem Bügeleisen erhitzt worden.
Langsam stand er auf und schüttelte den Schmutz ab.
Die sanfte Stimme gehörte dem Fremden, der in der vordersten Reihe saß, die Beine verschränkt, die Zeitung aufgeschlagen.
Seine Worte waren freundlich. Warm und gutherzig, als würde er sie durch Honig zwängen.
Die Zeitung ruckelte.
»H-Hallo?«, entgegnete Gevin schlottrig, seine Stimme war nur bei 80 Prozent. Die Zeitung senkte sich und das Antlitz des Mannes kam zum Vorschein. Er grinste breit von einer zur anderen Wange und löste seine Beinhaltung. Gevin fuhr zurück – wieder spürte er den Spiegel im Nacken und das Scheppern des Glases in den Ohren. Der Mann erhob sich und schritt auf ihn zu.
»W-Wer sind sie?«, fragte Gevin nervös. Die Züge des Mannes wirkten normal. Der Scheitel war perfekt, die weißen Zähne, die kleine Nase und die schmalen Augen besaßen etwas Akzeptables.
Jedoch wurde Gevin das Gefühl nicht los, dass diese Person mehr war, als sie zu sein schien.
Der Mann trat auf Gevin zu und reichte ihm die Hand.
Eine Begrüßung bevor er mich auffrisst?, dachte Gevin und erwiderte den Blick des Mannes.
»Wie unhöflich, wollen wir uns nicht begrüßen?«, fragte er so präzise und plötzlich, dass Gevin erstarrte. Das Grinsen des Fremden wich einer betonten Ruhe. Die Geste war auffordernd und klar, der Mann erwartete, dass Gevin einschlug.
Gevin zögerte, behielt die Hand aber in positionierter Stellung. »Wer sind sie?«, fragte er wieder, ohne den Blick abzuwenden. Das Zittern seiner Beine konnte er verbergen, das hektische Blinzeln seiner Lieder nicht. Der Mann schnappte nach Gevins Hand und verhakte sie in seiner. Der Effekt war überraschend und unerwartet. Gevin gab ein kurzes »HICKS« von sich, als er nach vorne gerissen und unverhofft auf die Beine gezogen wurde.
»Mein Name ist Papageno und du bist Gevin.«, sagte der Mann.
Gevin nickte stumm. Papageno löste den Griff und Gevin schüttelte seine pochende Hand, wie ein Handtuch.
»Papageno?« Gevin wollte eigentlich nichts sagen, aber der Name kam ihm so ulkig vor, dass ihm der Gedanke entglitten war.
Papageno stellte sich in aufrechter Haltung auf und inspizierte die gegenüberliegende Wand, auf der anderen Seite der Schienen. Dann setzte er zwei Schritte nach vorne, als würde er den Abstand zu einer Entfernung bestimmen.
»Meine Mutter hat ihn mir gegeben, ein Erbe ihrer Verwandtschaft männlicherseits.« Noch ein Schritt. Er befand sich jetzt einen Meter vor der gelben Linie, die als Markierung diente und die Fahrgäste hinwies Distanz zu wahren.
Interessant, dachte Gevin. Er hatte den Großteil seiner Angst verloren. Ein letzter Rest war geblieben, ein schmächtiger Funken, kaum mehr, als latentes Unbehagen oder filigrane Nervosität.
Die Bilder von vorhin, als er den Mann im Spiegel gesehen hatte, diffundierten in seinen Verstand. Sie waren grausam gewesen und verfehlten ihre Wirkung nicht: Gevin vertraute dem Mann nicht.
Dabei fiel ihm ein, dass er diesen seltsamen Namen kannte. Von Mozart, aus der Zauberflöte.
»Gefällt er dir?«, fragte der Mann, er hatte die Linie hinter sich gelassen. Vor ihm ging es einen Meter in die Tiefe. Unten befanden sich Gesteinsbrocken, die die Schienen umgaben.
Gevin reckte den Hals. »Hm?«
»Der Name, gefällt er dir?«
»Oh, ja… natürlich.«, log Gevin.
»Das freut mich.«, sagte Papageno und die Dankbarkeit in seiner Stimme war eindringlich.
Er stand direkt am Abgrund, so dicht, dass ein kleiner Stups ausreichen würde um zu stürzen. Seine Fußballen ragten um die Hälfte hinunter. Die Arme hatte er am Körper, den Kopf gesenkt, als würde er etwas zwischen den Steinen suchen.
»Ich habe das Gefühl, als wäre der Name nicht weit verbreitet. Zumindest sehe ich, dass du leicht… zerstreut bist?«
»Etwas verwirrt vielleicht?« , wandelte Gevin ab.
»Ja, du bringst es auf den Punkt.« Papageno warf sich nach vorne. Gevin kläffte erschrocken und presste sich die Hände vor den Mund.
Papageno glitt durch die Luft, fiel aber nicht. Er stand jetzt diagonal, wobei seine Versen mit dem Stein verbunden waren. Sein Oberkörper balancierte in Schräglage und er hätte eigentlich stürzen müssen, wie ein nasser Sack – tat es aber nicht. Gevin beobachtete das Schauspiel mit Interesse und Argwohn. Es hatte etwas von einer Zirkusattraktion, dachte er, nur dass die Schnüre fehlten, die Papageno gehalten hätten.
»Wie?« Gevin rieb sich die Augen um sicherzugehen, dass er keiner Fantasterei auflag. Der Mann flog tatsächlich. Er schwebte. Aber wie war das möglich?
Mit einem Mal verwandelte sich Gevins Interesse in skeptische Sorge und er wich zurück.
Diese Person, dieses Wesen schien kein Mensch zu sein.
Es war etwas anderes.
»Weißt du…«, begann Papageno, das eine Bein angewinkelt, die Arme kreisend. »Dass während des Krieges dieser Ort ein herausragendes Versteck war?«
Krieg? Von welchem Krieg sprach er, dachte Gevin. Der letzte war vor über siebzig Jahren.
»Das war ein Durcheinander. Überall dieser Krach und die Bomben. Die Luft stank nach Gift und die Trümmer waren unbeschreiblich.«
Gevin rümpfte die Nase. »M-Moment mal!«, fuhr er dazwischen, die Arme erhoben. »Von welchem Krieg sprechen Sie bitte?«
Papageno machte auf dem Absatz kehrt und tauschte – in der Schräglage – den Rücken mit seiner Brust. Ein Lächeln schmückte sein unbescholtenes Gesicht. Er war jetzt direkt Gevin zugewandt.
»Vom zweiten Weltkrieg natürlich, Hitlers Angriff auf die Russen und die deutsche Kapitulation, kennst du das nicht?« Seine Augen musterten Gevin durchdringend, als würde er auf eine Antwort insistieren.
Gevin hielt kurz inne. »Doch schon, aber sie reden, als hätten sie es erlebt.«
»Das habe ich auch.« Der Ton war herrisch, als würde Papageno keinen Widerspruch dulden.
Er schwang sich zurück, in den geraden Stand und schritt auf Gevin zu. »So wahr ich hier stehe und mit dir rede, ich war da von Anfang bis Ende.«
Er griff nach den Knöpfen, die sein Jackett hielten und öffnete sie der Reihe nach.
»Aber?« Gevin wich zurück. Was immer Papageno vorhatte, es war ihm nicht geheuer.
Dieser Mann schien nicht natürlich zu sein.
Papageno schlug sein Jackett zurück und entblößte seine Unterwäsche. »Ich war da, als der Kampf unsere Haustüren erreichte und ich bekam die Wucht der Vernichtung zu spüren.«
Gevin konnte nicht verhindern, dass sich seine Augen weiteten. Verstört, angewidert und indigniert sah er auf ein großes Loch, das den Körper des Mannes gradlinig durchbohrte. Es war so breit, dass Gevin die hintere Mauerseite erkennen konnte, wie ein Fernglas.
Ihm wurde schlecht. Seine Lippen trockneten.
Was immer sich dort befunden hatte: Leber, Niere, Darm… war verschwunden und durch gähnende Leere ersetzt worden. Der Wunsch sich zu Übergeben wurde übermächtig.
Er eilte auf die nächste Sitzreihe zu, lehnte sich vor und gab dem Begehren seines Magens grünes Licht.

Fortsetzung folgt auf ottfried.de