Genug von verstaubten Klassikern der deutschen Literatur?
Schon vergessen, was die Stücke Bertolt Brechts thematisieren?
Dann ist es höchste Zeit, mit dem Studententicket einen lauen Frühlingsabend im ETA zu verbringen!
Warum?
Weil du etwas für deine kulturelle Bildung tust und dich bald fragen wirst: Ist das wirklich Brecht?

Das Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ handelt von der Bambergerin Anna Fierling, die als fahrende Händlerin im Dreißigjährigen Krieg allen Widrigkeiten trotzt und daher nicht umsonst den Spitznamen „Mutter Courage“ bekommt: „Ich kann nicht warten, bis der Krieg gefälligst nach Bamberg kommt“. Aus diesem Grund zieht die Mutter Courage mit ihren drei Kindern und ihrem Planwagen dem Krieg entgegen, denn „der Krieg ist nix als die Geschäfte“. Ihren drei Kindern gilt ihre ganze Sorge. Alle Versuche der Mutter Courage, sie aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten, scheitern allerdings, sodass keines den Krieg überlebt. Eilif, der ältere Sohn, wird eingezogen und auch der jüngere Schweizerkas gerät in die Fänge des Militärs. Auch ihre stumme Tochter Kattrin fällt dem Krieg zum Opfer, als sie die Bewohner einer belagerten Stadt warnen möchte und dabei von feindlichen Soldaten erschossen wird. Trotz dieser Verluste zieht die Mutter Courage weiter durch das Land und erfährt weitere Verluste. (vgl. ETA)

Das zentrale Motiv der Handlung ist die Widersprüchlichkeit der Mutter Courage: Einerseits ist sie die strikte und kompromisslose Geschäftsfrau, die aber dadurch liebenswert ist, dass sie all ihre Ressourcen einsetzt, um den Versuch zu unternehmen, ihre Kinder aus dem Krieg herauszuhalten.

Brecht schrieb seine „Mutter Courage“ im schwedischen Exil 1939 und schuf damit eine der prägnantesten Theaterfiguren überhaupt, voll von Überlebenswillen, Humor und Kraft. Im Rahmen seiner Theorie des Epischen Theaters will er eine Abscheu gegenüber dem Krieg vermitteln und vor der kapitalistischen Gesellschaft, die dieser seiner Ansicht nach hervorbringt, warnen.

Foto: Martin Kaufhold

Foto: Martin Kaufhold

An der Inszenierung des ETA unter der Regie von Sebastian Schug fällt vor allem die moderne Gestaltung des Bühnenbilds und der Dialoge auf, sodass man in keinem Moment das Gefühl hat, sich im 17. Jahrhundert zu befinden. Die ständige Präsenz des Planwagens – bzw. hier des Autos – der Anna Fierling erzeugt zum einen eine beständige Komponente, macht aber auch deutlich, worauf das Hauptaugenmerk der Handlung liegt. Auch die Kostüme und anderen Requisiten passen nicht in den Kontext des Dreißigjährigen Krieges. Die Besonderheit des Stücks sind allerdings nicht die Kostüme, sondern das äußerst ansehnliche Make-Up sowie die Mimik der Schauspieler. Das ausdrucksstarke, mitunter etwas übertrieben wirkende Gebärdenspiel ist prägend für das Stück: Trauer, Angst und Verzweiflung werden herausragend dargestellt und erinnern aufgrund ihrer kontinuierlichen und einprägsamen Darstellung an die Masken des Theaters aus dem antiken Griechenland, wodurch eine besondere und unwirkliche Ästhetik entsteht.

Das Stück ist nicht nur etwas für Germanisten. Eigentlich jeder, der Interesse an postmodernen Inszenierungen dramatischer Klassiker findet, ist hier richtig. Die Meinung darüber, ob die Inszenierung vielleicht etwas zu modern ausgelegt sein könnte, ist jedem selbst überlassen. Am Ende der zwei Stunden sind auf jeden Fall Tote zeitweise wiederauferstanden und Glitzerleggings zur Mode des 17. Jahrhunderts erhoben.