Aus. Vorbei. Feierabend! Das dachte ich zumindest, als ich den Schlusspunkt hinter meine letzten Tastingnotizen gesetzt habe. Denkste! Kaum fertig mit der Bierserie, schon muss ich wieder ran. Aber dieses Mal mit ganz besonderer Freude. Ich habe es vor Wochen schon kurz erwähnt, jetzt ist es soweit. Ich teste die wohl besten Biere der Welt, „Westvleteren 8“ und das legendäre „12“. Vom Aussehen her sehr schlicht, gar existenziell: braune Flasche, verschiedenfarbige Kronkorken — that’s it. Nur der Preis ist alles andere als schwäbisch „günschtig“. Knapp dreißig Euro für zwei 0,33er Fläschchen. Ein bisschen musste ich an der Ladentheke dann doch schlucken, als ich einen Fünfer nach dem anderen aus dem Portemonnaie gezückt habe. Aber zum Wohle der hoch geschätzten Ott-Leserschaft halte ich es wie Richard Branson: „Screw it, let’s do it!“ Das studentische Bier-Budget wäre damit für diesen Monat auch erschöpft. Ich bin gespannt, ob mir jetzt im Gegenzug auch großer Genuss bevorsteht. Zu dem Typus „Trappistenbier“ habe ich schon einige Worte in
Tasting Nummer 4 und Tasting Nummer 5 geschrieben, falls dort noch einmal nachlesen wollt.

Und nun ran an die besonderen belgischen Bouteillen! Um auch diese gezwungene Alliteration zu bemühen… Viel Spaß beim Lesen!

Foto: Christian Samadan

Foto: Christian Samadan

Westvleteren „8“

(Abtei Sankt Sixtus in Westvleteren, Belgien), 8 %:

Farbton: dunkel, Schokolade. Im Geruch malzig-zitrisch und süßlich. Orangen, Mandarinen und eine Spur Zimt. Dazu deutlich kräftiger Waldhonig. Im Geschmack zunächst voluminös, das Bier ist aber ausgewogen und eher mittelgewichtig in der Konzentration. Es überfordert den Gaumen nicht, die spritzige Kohlensäure setzt hier gemeinsam mit den Früchten der Nase einen Kontrapunkt zu den „dunklen“ Aromen wie Brotkruste und Schokolade. Dabei ist es nicht bitter, es ist absolut harmonisch. Der Alkohol ist quasi nicht präsent, es ist insgesamt süßlich, süffig mit ordentlich langem Abgang, der etwas trockener ausfällt und von einer zarten, fruchtigen Bittere begleitet wird. Gekonnt gemacht, steht es solitär für sich selbst, wenngleich ich das Bier wohl gerne etwas intensiver gehabt hätte. Aber dafür gibt es ja das „12er“… 4 von 5 Sternen.

 

12 neu

Foto: Christian Samadan

Westvleteren „12“

(Abtei Sankt Sixtus in Westvleteren, Belgien), 10,2 %:

Von Farbigkeit kann gar keine Rede sein: Schwarz. Mit gutem Willen: Espressofarben. Sehr stabiler, cremiger Schaum. In der Nase zitrische Noten (wieder Mandarine, Orange), dunkle Früchte, etwa Pflaumen. Dazu Waldhonig, Röstmalz, Brotkruste, ein bisschen Schokolade, daneben auch grasige Noten: sehr komplex! Im Geschmack ist das „12er“ ein mächtiges Bier, aber nicht zu mächtig. Dafür sorgt die Kohlensäure, die in relativ hoher Konzentration vorhanden ist. Es schmeckt im Großen und Ganzen so wie es riecht, zum Ende hin eine nicht unangenehme Bitternote, vielleicht vom Röstmalz. Es ist süßlich—spritzig—würzig zugleich. Kurzum: sehr schön ausbalanciert. Unglaublich langer Abgang! Den relativ hohen Alkoholgehalt schmeckt man nicht heraus, aber man spürt ihn schnell. Viel kann man davon nicht trinken, das ist ein Genießerbier par excellence.

Insgesamt 4+ von 5 Sternen.


Fazit: Beide Belgier sind wirklich sehr gut gemachte Biere. Für mich ist der Hype nachvollziehbar, die limitierte Verfügbarkeit sorgt dafür. Aber geschmacklich sind die Westvleterens nicht so herausragend, als dass man sie getrunken haben muss. Wer diese Bierstilistik mag, der ist auch bei der Brauerei Rochefort (ebenfalls Trappistenbier) sehr gut aufgehoben. Die dort gebrauten Köstlichkeiten kosten immerhin knapp zehn Euro weniger — pro Flasche versteht sich…

Verkostet selbst, urteilt selbst! Mir bleibt nur zu sagen: Vielen Dank fürs Lesen und bis bald!

Euer
chrissign