von Sebastian Burkholdt | Donnerstag, 3. September 2009
Quentin Tarantino schafft seine eigene Vision vom Widerstand gegen Adolf Hitler und das Dritte Reich.
Sein neuer Film "Inglorious Basterds" erzählt von einer Handvoll amerikanischer Soldaten, die losziehen, um die Führungsriege der Nazis zu töten. Tarantino und Hitler: Was darf man erwarten? Historische Korrektheit? Wohl kaum. Rabenschwarzen Humor? Schon eher.
Schon mehrere Filmemacher versuchten sich auf humoristischem Wege an der Bewältigung des Nationalsozialismus. Man erinnere sich zum Beispiel an Charlie Chaplin, der es als "Der große Diktator" wagte, Adolf Hitler mit Hohn und Spott zu begegnen. Das Konzept ging auf, die Welt war begeistert. Doch funktioniert das auch bei einem Regisseur wie Tarantino? Es kann, doch nicht ohne Anstößigkeit. Und nicht ohne Gewalt. "Wir sind im Nazis-töten-Geschäft …" Neben den Basterds – einer amerikanischen Spezialeinheit unter Führung von Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt) – erzählt der Film vom Schicksal der französischen Jüdin Shosanna (Mélanie Laurent), die als einzige aus ihrer Familie dem berüchtigten "Judenjäger" SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) entkam. Die Soldaten und das Mädchen verfolgen dasselbe Ziel, die Führungselite der Nationalsozialisten umzubringen und dem Dritten Reich so ein Ende zu bereiten. Beide Handlungsstränge laufen parallel ab, bis sie im letzten Kapitel geschickt miteinander verknüpft werden. Die zwei Parteien erfahren nie voneinander, können jedoch nur gemeinsam erfolgreich sein, wodurch die Geschichte enorm an Spannung gewinnt. Hier zeigt sich deutlich Tarantinos filmerisches Können.
Darf Goebbels heulen?Inglorious Basterds wird sicherlich die Diskussion erneut anheizen, ob man dem Dritten Reich mit Humor begegnen darf. Darf man Verbrecher an der Menschlichkeit zu lächerlichen Witzfiguren degradieren? Die Führungsriege der Nationalsozialisten versammelt sich in einem kleinen Privatkino in Paris, um der Premiere eines Propagandafilms beizuwohnen. Ein aufgedunsener Adolf Hitler (Martin Wuttke) lacht höhnisch über eine Szene, in der alliierte Soldaten zu Dutzenden sterben. Daraufhin gratuliert er dem neben ihm sitzenden Goebbels (Sylvester Groth) zu seinem bisher besten Film. Dieser ist vom Lob des Führers dermaßen gerührt, dass er wie ein Kind zu flennen beginnt. Szenen dieser Art sind grenzwertig, verleiten den Zuschauer aber unweigerlich zum Schmunzeln. 
Der Film muss differenziert betrachtet werdenVon Beginn an fühlt man sich verpflichtet, den Film kritisch und differenziert zu sehen. Ist es moralisch vertretbar zu lachen, wenn Aldo Raine SS-Soldaten als "Kraut fickende, schweißfüßige Nazifürze" beschimpft als diese ihn festnehmen? Oder darf man Befriedigung empfinden, wenn Adolf Hitler von einem in die USA geflohenen, jüdischen Soldaten mit einer Maschinenpistole regelrecht durchsiebt wird? Tarantino setzt auf filmerischem Wege eine Vorstellung um, die wohl in vielen Köpfen existiert. Einfache Männer ziehen los und töten die nationalsozialistische Führungselite – bei ihrer Vorstellung dachte man noch: Diese schwächlichen Jungs sollen Nazigrößen liquidieren? Ein äußerst spannendes FinaleGerade zum Ende hin, im letzten Kapitel, wird der Film aus dramaturgischer und metaphorischer Sicht noch einmal sehr stark. Tarantino konstruiert als Höhepunkt des Films ein Szenario, das einer Bild gewordenen, geradezu biblischen Metapher gleich kommt. Das Ende der Geschichte ist dabei sehr spannend inszeniert und äußerst überraschend. Wo bleibt Tarantinos Stilsicherheit? Leider lässt der Film an manchen Stellen die Stilsicherheit vergangener Arbeiten Tarantinos ein wenig vermissen. Ein bedeutungsvolles Aufeinandertreffen Aldo Raines mit einem deutschen Offizier wird in typischer Western-Manier zu einem Mexican-Standoff stilisiert. Wenn Uma Thurman in "Kill Bill" nur mit einem japanischen Schwert bewaffnet die halbe Mafia Tokyos niedermetzelt und anschließend in der Totale als große Heldin dargestellt wird, dann mag das funktionieren. Slow Motion und typische Wild-West-Duell-Musik a lá Ennio Morricone passen jedoch weniger zu den Basterds. Hier macht sich die Vermutung breit, dem Regisseur sei nichts Neues eingefallen. Auch die Leistung einzelner Schauspieler erreicht lediglich B-Movie-Niveau. Martin Wuttke ist meilenweit von der schauspielerischen Genialität eines Bruno Ganz, der Adolf Hitler in „Der Untergang“ spielte, entfernt. Das jedoch trübt den Gesamteindruck nur geringfügig. Besonders Christoph Waltz, der durch sein Spiel eine bedrückende Atmosphäre schafft, und Mélanie Laurent ragen heraus. Sie sind die heimlichen Stars des Films.
Ein Statement gegen den GeschichtsrevisionismusMag man den Film nun als nächsten Oscar-Anwärter oder als schwaches Machwerk betrachten. Eines ist der Film mit Sicherheit: Ein Schlag ins Gesicht der Menschen und Organisationen, die bis heute rechtsradikale Gedanken verbreiten wollen und der Geschichte revisionistisch oder gar mit Stolz begegnen. Inglorious Basterds ist ein klares Statement von Tarantino, seine ganz persönliche Abrechnung mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus. Zuletzt geändert: Samstag, 19. Dezember 2009 |