Kulturperle Bamberg
Am 4. Februar ist das Studentenkonzert der Bamberger Symphoniker. Wir sprachen mit dem Intendanten Wolfgang Fink über das Konzert, studentische Musikhörgewohnheiten und Bamberg als Kulturstandort.
Ottfried: Was ist das Besondere an den Studentenkonzerten?
Wolfgang Fink: Wir machen die Studentenkonzerte schon seit einigen Jahren und das immer mit sehr großem Erfolg. Die Halle ist immer nahezu voll, manchmal können wir gar nicht alle bedienen. Das Studentenkonzert ist insofern ein besonderes Konzert für uns, da die Stimmung im Saal und das Aufmerksamkeitslevel ein ganz Besonderes ist. Das ist immer frappierend für uns, da man von so einem fast ausschließlich jugendlichen Publikum, von dem man auch vermuten könnte, dass es nicht konzerterfahren ist, erwarten könnte, dass es nicht mit den Gepflogenheiten eines klassischen Konzerts vertraut ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Es ist ein sehr aufmerksames Publikum; ein sehr begieriges Publikum auf das, was wir zu bieten haben. Wir haben uns auch immer bemüht, Programme zu bieten, die interessant sind. Wir schauen immer, welches Programm aus unserem Jahresprogramm sich besonders für studentisches Publikum eignet.
Wie empfinden die Musiker die Studentenkonzerte?
Auch das Orchester ist fasziniert von der Intensität. Das ist ja eines der großen Geheimnisse in dieser Kunstform: Jedes Konzert ist nicht nur so gut, wie das Orchester spielt, sondern auch, wie gut das Publikum ist. Sie können die besten Voraussetzungen haben, wenn sie ein Publikum haben, das genau hustet, wenn man nicht husten soll. So können Sie die schönste Aufführung zunichtemachen.
Warum besuchen oft nur wenige Studierende klassische Konzerte?
Ich denke, dies ist mehr eine Frage der Kommunikation. Aber auch eine Zeitfrage. Dieses ganze Gerede, dass das klassische Musikpublikum ausstirbt, stimmt nicht. Wir haben ein recht gut gemischtes Publikum. Außerdem haben Studenten wenig Zeit; sie entscheiden sich sehr spontan, was sie am Abend tun. Und da sind klassische Konzerte, Theater, Oper etc einfach nicht so hoch angesiedelt. Aber das hat wirklich was mit der Lebensplanung und -haltung zu tun. Langfristig gesehen beschäftigt es uns, dass wenige junge Leute da sind.
Sind früher mehr Studierende in klassische Konzerte gegangen, als es noch weniger Pop- und Rockmusik gab?
Auch die Generation der heute 60Jährigen ist ja schon mit den Rolling Stones und den Beatles aufgewachsen. Und in den 50er Jahren war´s Elvis Presley. Trotzdem ist natürlich die Höhrhaltung bei jungen Menschen heute ganz anders als noch vor 40 Jahren. Schon Kleinkinder werden mit Musik vollgedröhnt, Jeder besitzt Medien, um permanent Musik hören zu können. Die Popularmusik und Popkultur haben in einer Weise aufgerüstet, wo wir nicht mithalten können. Aber ich bin langfristig nicht pessimistisch, denn wir haben, glaube ich, etwas Anderes zu bieten; wir sind im Grunde eine ziemlich radikale Gegenposition zu dem, was die Vergnügungsindustrie anbietet: Man muss sich bewusst hinsetzen und zuhören. Im Grunde gibt es so ein Angebot in dieser Weise heute gar nicht mehr. Viele Menschen suchen so etwas und sind erstaunt, dass es etwas gibt, wenn sie so etwas noch nie gemacht haben. Ich hab´ mal versucht, wie man so abstrakt und kurz wie möglich sagen kann, was die Intention von klassischer Musik ist: Die Aufmerksamkeitsspanne erhöhen.
Das könnten Studierende ja gut gebrauchen! Ist insofern in Zukunft eine größere Kooperation zwischen Universität und Orchester möglich? Sind z.B. mehr Studentenkonzerte möglich?
Es gibt jedes Jahr zwei Studentenkonzerte, pro Semester eines. Mehr anzubieten ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Wir geben hier 35 Abonnementkonzerte im Jahr und darüber hinaus 20 Konzerte im Umland. Außerdem sind wir sehr viel unterwegs. Wir sind eines der meistgefragten und meistreisenden Orchester. Das heißt, es gibt einen Packen an Aufgaben, so dass wir uns die Studentenkonzerte zeitlich aus den Rippen schneiden müssen. Es ist also keine Frage des Wollens, sondern der Beanspruchung.
Wie schätzen Sie Bamberg allgemein als Kulturstandort ein?
Bamberg ist ein absolutes Unikum als Kulturstadt, weil es diese Situation einer vergleichsweise kleinen Stadt mit einem solchen Orchester sonst eigentlich nirgendwo gibt. In Deutschland gibt es 133 Kulturorchester, damit sind wir quasi Weltmarktführer in Sachen klassischer Musik. Das liegt daran, dass wir die reichste musikalische Tradition haben. Wenn man an klassische Musik denkt, fallen Einem gleich deutsche Namen ein. Trotz dieser Dichte an Kultureinrichtungen in Deutschland generell ist das in Bamberg nochmal eine besondere Situation – ein so herausragendes Orchester in einer so kleinen Stadt. Vor ein paar Jahren erschien im „Focus“ ein Ranking, welche Orchester die besten in Deutschland sind. Vor uns waren nur zwei Orchester aus Berlin, eines aus Dresden, eines aus Leipzig und eines aus München. Die Bamberger Symphoniker sind also wirklich ein absolutes Spitzenorchester.
Bamberg ist aber auch insofern ein Unikum, da es eine der wenigen Städte ist, wo man sieht, wie Deutschland vor dem zweiten Weltkrieg aussah. Und Bamberg ist trotz dieser Anciennität eine sehr lebendige Stadt, wozu nicht zuletzt die Studenten beitragen. Durch die Uni, aber auch abgesehen davon hat Bamberg ein sehr intaktes Kulturbürgertum – Leute, die sehr viel lesen, gerne Musik hören. Wir haben eine phänomenale Akzeptanz, letztes Jahr waren wir bei jedem Konzert zwischen 95 und 97 % ausgelastet. Wo immer Sie hingehen haben Sie manchmal halbleere Säle bei klassischen Konzerten. Wenn hier einmal 100-200 Plätze frei sind, bekomme ich von den Abonnenten besorgte Briefe, ob wir ein Problem haben.
Der Kulturstandort Bamberg ist also ein absolutes Unikum. Es gibt ja auch die Villa Concordia, wo ich im Kuratorium sitze. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute zu den Veranstaltungen kommen. Auch Stipendiaten der Villa Concordia haben mir gesagt, dass sie z.B. in Berlin zum Teil Lesungen vor fünf bis zehn Leuten gemacht haben; hier in dieser Kleinstadt sind immer 30 bis 50 Leute da.
Bamberg scheint eine versteckte Kulturperle zu sein. Ist es ein Privileg, hier bei den Symphonikern zu arbeiten?
Absolut. Auf jeden Fall.
Danke für das Gespräch!
Foto: Peter Eberts