Ein Hörspiel zum Anschauen
In den wenigsten Fällen ist eine Buchverfilmung besser als das Buch selbst. Aber wie ist es, wenn ein Buch als Theaterstück aufgeführt wird – noch dazu, wenn es sich wie bei „Gut gegen Nordwind“ (2006) von Daniel Glattauer um einen E-Mail-Roman handelt?
Nachdem bereits renommierte Theater wie die Wiener Kammerspiele und die Berliner Komödie am Kurfürstendamm dieses Experiment wagten, ist eine schauspielerische Umsetzung des Bestsellers seit Anfang Dezember auch im TREFF des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg zu sehen.
An eines muss man sich dabei gewöhnen: Abgesehen von der Pause bleiben die Schauspieler während der gesamten 120-minütigen Vorstellung auf ihrem Stuhl sitzen. Die großen Gefühle werden eher über facettenreiche Mimik transportiert als über abwechslungsreiche Choreographien. Wer sich aber auf ein Hörspiel zum Anschauen einlässt, dem bietet die Inszenierung von Rainer Lewandowski einen überaus amüsanten und kurzweiligen Abend – auch wenn sich die schauspielerische Leistung zum Teil noch etwas steigern ließe.
Elektrisierte E-Mail Freundschaft
Als Emmi Rothner (Iris Hochberger) ihr Abonnement der Zeitschrift ‚Like’ kündigen will, landet die E-Mail aufgrund eines Tippfehlers versehentlich im Posteingang von Leo Leike (Gerald Leiß). Zwischen der Webdesignerin und dem Sprachpsychologen entwickelt sich eine zunehmend elektrisierte E-Mail-Freundschaft, die für beide immer wieder die Frage aufwirft: Was wäre, wenn sie sich persönlich kennen lernten? Könnte die echte Emmi der perfekten Phantasievorstellung von Leo standhalten – und umgekehrt? Und noch viel schlimmer: Was wäre, wenn sie sich nicht nur virtuell, sondern auch im wirklichen Leben ineinander verlieben würden? Schließlich ist Emmi angeblich glücklich verheiratet und Stiefmutter zweier Kinder. Kleine Eifersüchteleien von beiden Seiten würzen das Stück und die zunehmend quälende Frage, ob ein reales Kennen lernen das Größte oder das Ende wäre.
Fagottmelodien untermalen das Stück
Der TREFF als kleinster Raum im E.T.A.-Hoffmann-Theater passt zum Stück „Gut gegen
Nordwind“, in dem die Zuschauer wie Voyeure an dem intimen E-Mail-Verkehr von Emmi und Leo teilhaben. Da ist es nur logisch, dass sich die Schauspieler nicht anschauen, sondern ihren Blick mal aufgebracht, mal verträumt in die Ferne richten. Nach jeder abgeschlossenen E-Mail-Korrespondenz erklingt ein zum Geschehen passendes Lied auf dem Fagott, gespielt von Günter Blahuschek. Da „Gut gegen Nordwind“ von Natur aus sehr textlastig ist, geben die teils heiteren, teils melancholischen Fagottmelodien einem Zeit, die Dialoge nachklingen zu lassen.
Das Bühnenbild ist auf das Wichtigste reduziert: Emmi sitzt an einem Schreibtisch im Jugendstil, Leo an einem schmucklosen Tisch aus Aluminium. Neben ihnen steht der obligatorische Laptop, der aber nur symbolisch zum Einsatz kommt. Beide Figuren sitzen auf einem separaten Podest, die wenige Meter voneinander entfernt sind, wodurch die nötige räumliche Distanz entsteht. Dafür wird allerdings in Kauf genommen, dass der Zuschauer seinen Kopf zu der einen Figur hindrehen muss während die andere in den Augenwinkeln verschwimmt.
Angst vor einer Enttäuschung überträgt sich auf das Publikum
Die virtuellen
Gespräche zwischen der koketten Emmi und dem anfänglich sehr beherrschten, aber zunehmend sehnsuchtsvollen Leo werden dialogisch vorgetragen, ja fast vorgelesen. Beide Schauspieler haben ein Textbuch vor sich; die gesprochenen Schreibduelle klingen dennoch keinesfalls abgelesen, sondern sehr lebendig. Besonders Iris Hochberger wirkt in ihrer Rolle sehr authentisch. Sie beherrscht alle Zwischentöne einer impulsiven, sinnlichen, humorvollen, trotzigen, selbstbewussten Frau – und kostet sie aus. Als Leo sich beispielsweise dagegen entscheidet, die echte Emmi gegen seine Phantasievorstellung einzutauschen, schreibt sie wütend: „Ich schreibe Ihnen nicht mehr!“, um kurz darauf – als kein Protest kommt – vorsichtig-liebevoll zu fragen: „Aber Strom haben Sie schon noch – oder?“
Gerald Leiß` Mimik ist hingegen zurückhaltender, was wohl nicht nur an der anfänglich etwas unterkühlten Rolle Leo Leikes liegt. Selbst als er abends bei ‚nicht seinem ersten Gl… – Flasche Wein’ endlich überschwänglich seine Zuneigung zu Emmi gesteht, sitzt Leiß mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl, so dass man den Blick lieber auf Iris Hochberger richtet, deren glänzende Augen versunken in die Ferne schauen. Man merkt Leiß an, dass er ein sehr routinierter Vorleser ist – in diesem Fall vielleicht etwas zu routiniert, ja fast ein wenig eingefahren. Je leidenschaftlicher Leo Leike im Verlauf des Stücks wird, desto mehr zieht aber auch Gerald Leiß den Zuschauer in seinen Bann.
Trotz großer Herausforderungen, die in der Natur des Stückes liegen, muss die Inszenierung von „Gut gegen Nordwind“ den Vergleich mit dem Buch nicht scheuen. Die Neugier der Protagonisten auf einander und die Angst vor einer Enttäuschung überträgt sich auch auf das Publikum. Statt zu ermüden, reibt das ewige Auf und Ab um die Frage: „Treffen: ja? Treffen: nein?“ den Zuschauer auf, so dass er ungeduldig einem persönlichen Kennen lernen der beiden entgegen fiebert.
Aufführungen: 8. bis 12. und 15. bis 19. Dezember 2010, jeweils um 20 im TREFF des E.T.A.-Hoffmann-Theaters.