E-Mail-Roman(ze) auf der Bühne
Nachdem die Inszenierung von Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ im E.T.A.-Hoffmann-Theater viel Zuspruch bekam, wird jetzt Teil 2 des Hörspiels zum Anschauen aufgeführt. „Alle sieben Wellen“ hat gegenüber dem ersten Teil zwar an Spannung eingebüßt, dafür laufen aber die Schauspieler zur Hochform auf.
Gut gegen Nordwind (2006)
Als Emmi ihr Abonnement der Zeitschrift ‚Like’ kündigen will, landet die E-Mail versehentlich im Posteingang von Leo. Zwischen den beiden entwickelt sich eine E-Mail-Liebe, die für beide immer wieder die Frage aufwirft: Was wäre, wenn sie sich persönlich kennen lernten? Was wäre, wenn sie sich nicht nur virtuell, sondern auch im wirklichen Leben ineinander verlieben würden? Schließlich ist Emmi angeblich glücklich verheiratet und Stiefmutter zweier Kinder.
„Soll das das Ende sein? Von Daniel Glattauer gibt es eine Fortsetzung. Und im E.T.A.-Hoffmann-Theater? Wenn Sie mehr von Emmi und Leo sehen wollen, schreiben Sie uns eine E-Mail!“ – Das stand auf dem Flyer, der jedem Besucher nach der „Gut gegen Nordwind“- Aufführung im Dezember 2010 in die Hand gedrückt wurde. Passend zur E-Mail-Romanform konnten sich die Zuschauer per Mausklick für eine Umsetzung des Folgeromans „Alle Sieben Wellen“ (2009) stark machen. – Mit Erfolg: Bis zum 27. Februar senden sich Webdesignerin Emmi Rothner (Iris Hochberger) und Sprachpsychologe Leo Leike (Gerald Leiß) jetzt wieder emotionsgeladene Nachrichten über den Äther. Zur Premiere am 15. Februar war der TREFF des Bamberger Theaters bis auf den letzten Stuhl ausverkauft.
Die Inszenierung von Rainer Lewandowski kommt wie beim ersten Teil ohne große Choreographien aus. Die Schauspieler sitzen während der gesamten 75-minütigen Vorstellung auf ihrem Stuhl, an einem Tisch, neben ihnen der Laptop, der aber eher Bühnenbild als Requisite ist. Trotz dieser Reduzierung auf die blanke Schauspielkunst schaffen es Gerald Leiß und Iris Hochberger mit ihrer Präsenz und Authentizität, den Zuschauer in ihre aufgewühlten „Gefühlslandschaften“ mitzunehmen. Kleine Verschnaufpausen vom E-Mail-Duell gewähren Lieder auf dem Fagott, gespielt von Günter Blahuschek, während die elektronischen Dialoge innerlich nachhallen können.
„Illusion des Vollkommenen“
„Alle Sieben Wellen“ knüpft nahtlos an das Unhappy-End von „Gut gegen Nordwind“ an. Im letzten Moment hatte sich Emmi doch gegen das Treffen mit Leo entschieden, dem beide lang entgegen gefiebert hatten. Daraufhin zieht Leo weg aus Wien, um in Boston ein neues Leben anzufangen. Ein halbes Jahr später versucht Emmi im Fortsetzungsroman wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Zehn Sekunden später ist eine Antwort in ihrem Posteingang: „Achtung, geänderte E-Mailadresse. Der Empfänger kann seine Post unter der gewählten Adresse nicht mehr abrufen. Neue E-Mails im Posteingang werden automatisch gelöscht. Für Rückfragen steht der Systemmanager gerne zur Verfügung.“
Fotos: Ingrid Rose
Emmi bleibt hartnäckig und nach weiteren dreieinhalb Monaten bekommt sie endlich eine Antwort, die nicht automatisch generiert ist. Leo ist zurück, doch obwohl er sie als seine „Illusion des Vollkommenen“ bezeichnet, will er die virtuelle Beziehung nicht wieder aufleben zu lassen. Er hat in Boston Pamela kennengelernt und will versuchen mit ihr in Wien ein „physisch lebbares Leben“ zu führen. Enttäuscht und wütend zwingt sich Emmi, diesen Beschluss zu respektieren und bittet Leo noch um ein erstes und letztes Treffen. Der Cafébesuch verläuft steif und unbeholfen, trotzdem sind Leo und Emmi plötzlich wieder mittendrin. Die Tage bis Leos Freundin und Emmis Rivalin nach Wien kommt, werden rückwärts gezählt. Doch bevor Pamela ankommt, bringt Emmi und Leo etwas anderes auseinander…
Normale Beziehungskiste
Die in „Gut gegen Nordwind“ über 120 Spielminuten aufgebaute Spannung um das Für und Wider eines Treffens verpufft im zweiten Teil leider unwiderruflich. Emmi und Leo treffen sich in „Alle sieben Wellen“ bereits nach einer verhältnismäßig kurzen E-Mail-Korrespondenz. Die Phantasievorstellung wird gegen die Realität eingetauscht. Der Reiz der virtuellen Identitäten geht verloren. Einerseits erhebt sich die Beziehung dadurch auf eine andere Ebene. Denn kann man von Liebe sprechen, wenn man sich nur gelesen, aber noch nie gesehen, gehört, gerochen hat? Anderseits wird die Geschichte banalisiert, weil das Besondere, das Geheimnisvolle aufgelöst und zu einer durchschnittlichen Beziehungskiste degradiert wird.
Trotz des geringen Spannungsbogens ist das Stück durchaus sehenswert. Denn in den Dialogen schwingt die typisch Glattauer’sche Leichtigkeit mit, die sowohl berührend als auch erfrischend gemein ist. Und die beiden Schauspieler verleihen den E-Mails die jeweils passende Stimme: mal schneidig, mal zärtlich und immer schön aus dem Bauch heraus.
Aufführungen: 17. bis 20. und 24. bis 27. Februar 2011, jeweils um 20 im TREFF des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, Karten kosten 16 Euro, ermäßigt 9,50 Euro.
„Alle Sieben Wellen“ ist die Fortsetzung zu Daniel Glattauers erfolgreichem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“. Das E.T.A-Hoffmann-Theater hat auch den ersten Teil auf die Bühne gebracht, die Rezension auf Ottfried.de findet ihr hier.

18. Februar 2011
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