Ein Tatort der so viel wollte und so wenig konnte

Neonazis werfen einen Molotow-Cocktail auf eine Flüchtlingsunterkunft, der beschädigte Gaskocher löst einen großen Brand aus, einige Bewohner der Erstaufnahmestelle können sich in Sicherheit bringen, doch es gibt einen Schwerverletzten – und eine Tote.
Der in Bamberg gedrehte Franken-Tatort „Am Ende geht man nackt“ beginnt mit einem hochaktuellen, hochpolitischen Thema und einem Mordfall, der viele Fragen aufwirft. Bis zu diesem Punkt konnten die Zuschauer noch auf einen Tatort mit geschickt verpackter Gesellschaftskritik und spannend-mitreißenden Ermittlungen hoffen. Doch diese Hoffnungen wurden im Wesentlichen von Esels-Wurst, einem schlecht imitierten tschetschenischen Akzent und unglaubwürdigen polizeilichen „Ermittlungen“ zerstört.

Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) hat großes Glück, dass alle Verdächtigen der Polizistin ohne lästiges Nachfragen sofort ihr Privatleben und ihre Geheimnisse offenbaren, sei es der Brandanschlag, eine Affäre mit der ermordeten Neyla Mafany oder die Mordgedanken der betrogenen Ehefrau. So bleibt Kommissarin Ringelhahn das lästige Nachfragen oder Nachforschen erspart und ohne Umschweife verläuft eine Spur nach der Anderen im Sand. Wobei die Suche nach dem Täter ohnehin schnell in den Hintergrund rückt, um die herzergreifende Geschichte des 16-jährigen Syrers Basem und die Suche nach seinem Bruder hervorzuheben. Und hier verliert der Tatort nicht nur den Reiz der Ermittlungsarbeit und Spurensuche, sondern auch seinen gesellschaftskritischen Anspruch. Denn die Flüchtlinge sind durchaus überzeugend dargestellt, ein Querschnitt durch die Gesellschaft, bestehend aus einem traumatisierten syrischen Jugendlichen, einem syrischen Kinderarzt, der seinen Beruf in Deutschland nicht ausüben darf, einem Iraker, der seit fünf Jahren auf die Bewilligung seines Asylantrags wartet und einem Marokkaner, der in der Erstaufnahmestelle die Fäden in der Hand hat und mit geklauten Handyhüllen handelt. Auch die Angst der Asylsuchenden, bei Aussagen gegenüber der Polizei Probleme bei ihren Asylanträgen zu bekommen, wirkt authentisch. Doch diese realistischen Charaktere, zu denen man gerne eine emotionale Bindung aufbauen möchte, müssen sich mit einem aus den Fingern gesaugten „Mord“ und wenig überzeugenden Ermittlern herumschlagen und verlieren so ihre sozialkritische Aussagekraft und auch ihre Authentizität. Einzig und allein Basems Reaktion auf den „Verrat“ durch Voss stellt einen starken emotionalen und auch überzeugenden Moment in diesem mehr als unterdurchschnittlichen Tatort dar und auch der Verschnitt eines schießwütigen Rentners kann dieses tragische und durchaus sehenswerte Ende nicht mehr stören.

Hauptkommissarin Ringelhahn fallen die Ermittlungserfolge wie ein „deus-ex-machina“ in den Schoß, doch wird keine Spur ernsthaft verfolgt. Nicht einmal die betrogene Ehefrau, die das mit Abstand eindeutigste Motiv für den Mord an Neyla hat, wird weiter befragt und spielt im weiteren Verlauf des Films keine Rolle mehr. Ebenso wenig erfährt man, ob der Pfusch bei der Renovierung der Unterkunft Folgen für den klischeehaften „Immobilienhai“ hat und die Befragung des Neonazis Benjamin Funk auf dem Polizeirevier erinnert eher an eine moralisch wie populistisch aufgeladene Diskussion bei Anne Will oder Frank Plasberg und hat mit polizeilicher Ermittlungsarbeit kaum noch etwas zu tun. Die Drehbuchschreiber werfen den Kommissaren immer dann, wenn es die Geschichte benötigt, kleine Hinweis-Schnipsel zu, übermittelt durch austauschbare Charaktere, sodass der fehlende rote Faden den Mordfall schon nach kürzester Zeit uninteressant macht. Das wäre auch nicht weiter schlimm, könnte der Tatort wenigstens mit Gesellschaftskritik und emotional fesselnden Geschichten punkten, doch ein Tatort ist und bleibt ein Krimi und so blockieren sich Mordermittlung (die eigentlich für Spannung sorgen sollte) und persönliche Schicksale (die zum Nachdenken anregen sollten) gegenseitig, sodass am Ende nichts von beidem erreicht wird. Die letztendliche Auflösung, dass es kein Mord, sondern nur ein tragischer Unfall durch ein von der Hitze beschädigtes Türschloss war, ist symptomatisch für diese unzusammenhängende, austauschbare und nach Apathie schreiende Handlung.

Das einzige, was Kommissarin Ringelhahns halbherzige Ermittlungsversuche noch unterbietet, ist die Rolle des Kommissars Voss. Während Hintergrundgeschichten zu den Ermittlern ja durchaus zu begrüßen sind, wirkt das beinahe zwanghafte Verteilen der tschetschenischen Wurst und der ebenfalls zwanghafte tschetschenische Akzent, als seien sie fünf Minuten vor Drehbeginn noch ins Drehbuch gekritzelt worden. Sollte die Wurst die Herkunft des Kommissars hervorheben? Sollte er durch das Verteilen derselben als selbstloser Philanthrop dargestellt werden? War es ein verzweifelter Versuch, seine dilettantische Undercover-Mission realistischer wirken zu lassen? Und die Frage aller Fragen: Ist in der Wurst nun Esel drin oder nicht?!

Für uns Bamberger Studierende war es zwar enttäuschend, nur so wenig – um nicht zu sagen praktisch nichts – von Bamberg zu sehen, war doch die Begeisterung groß, dass der Kult-Krimi in der Universitätsstadt an der Regnitz gedreht wurde. Das wenig authentische „Fränkisch“, das ab und an eingestreut wurde, ließe sich besser in einem BR-Heimatfilm verwenden als in diesem lieblosen Versuch, im Tatort Weltpolitik und Regionalkrimi zu vermischen und auch die schöne Bamberger Innenstadt hätte diesen desaströsen Franken-Tatort nicht mehr retten können.

Abschließend lässt sich sagen, dass die ARD tatsächlich viel wollte: Flüchtlinge – als fühlende Menschen dargestellt und nicht populistisch instrumentalisiert – sollten zum Nachdenken über die aktuelle politische Situation anregen, ein „Mord“ ohne Mörder sollte das klassische Krimi-Schema zu Gunsten der Hintergrundgeschichte durchbrechen und den Kommissaren mehr Freiheiten einräumen und die Ermittler sollten in erster Linie Menschen sein und erst danach Polizeibeamte. Aber „Am Ende geht man nackt“ konnte nicht liefern, blieb weit hinter den selbstgesteckten Zielen zurück und verhedderte sich in dem Versuch, unkonventionell zu sein, ohne aus dem bewährten Tatort-Format auszubrechen. Der Titel ist zweifellos metaphorisch zu verstehen, bezieht sich wohl auf den unverhüllten Charakter und die schutzlose, verletzliche Seele, doch mit diesen tiefgründigen Ideen kann die filmische Realität einfach nicht mithalten. Am Ende geht niemand nackt, am Ende stehen nur viele unbeantwortete Fragen, doch die drehen sich lediglich um die Lücken im Drehbuch.