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"Alle Wasser laufen ins Meer"
von Katharina Müller-Güldemeister | Mittwoch, 3. Juni 2009

Martin Beyer Foto: Steffi Herrmann Martin Beyer hat in seinem neuesten Roman das Leben des österreichischen Dichters Georg Trakl verarbeitet.

Im Interview spricht der Autor über respektvollen Umgang mit historischen Personen und künstlerische Freiheit.

Im März 2009 ist der Roman "Alle Wasser laufen ins Meer" von Martin Beyer bei Klett-Cotta erschienen. Er handelt von der Beziehung zwischen dem Dichter Georg Trakl und seiner Schwester Grete, die oft über Geschwisterliebe hinausgeht. Trakl wurde 1887 in Salzburg geboren und zählt zu den bedeutendsten Vertretern der österreichischen Expressionisten. Er diente im Ersten Weltkrieg und starb 1914 an einer Überdosis Kokain in Krakau.

Der Autor Martin Beyer folgt dem bohèmehaften Leben Trakls auf Schritt und Tritt und füllt die Lücken der überlieferten Dokumente mit seiner Phantasie aus. Beyer wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren, hat in Bamberg Germanistik und Philosophie studiert und promoviert. Derzeit arbeitet er als Dozent, Redakteur und Autor in Bamberg.

Ottfried: "Alle Wasser laufen ins Meer" ist nicht Dein erstes Buch. Wann hast Du angefangen zu schreiben?

Martin Beyer: Mit 16 ungefähr. Wie fängt man an mit Schreiben? Häufig autobiographisch. Man versucht, therapeutisch kleinere oder größere Problemchen zu bewältigen, so war es auch bei mir. Eine längere Erzählung mit dem Titel 'Fragezeichen' habe ich dann mit 18 veröffentlicht.

Wie ist die Resonanz auf Dein neues Buch?

Was die Aufmerksamkeit angeht, läuft es in Deutschland ganz gut. In Österreich – Trakls Heimatland – würde ich mir das noch mehr wünschen. Aber das Buch ist ja auch erst Mitte März erschienen.

Wie sind die Reaktionen in Bamberg?

Es gab eine Lesung in den Haas Sälen am 12. Mai im Rahmen von "Literatur in der Universität". Es waren über 100 Zuhörer da – ein sehr schöner Abend. Ein Heimspiel ist immer auch ein wenig heikel. Es ist nicht gesagt, dass es gleich gut läuft. Aber in den Haas Sälen lief es wirklich sehr, sehr schön.

Es war also nicht wie in deinem Roman, wo bei der Uraufführung eines Theaterstückes von Trakl nur verhalten geklatscht wurde?

Das kann natürlich passieren. Aber es war zum Glück nicht so (lacht).

Wie hast Du Dich der Person Georg Trakl angenähert?

Ich habe ganz verschiedene Zugänge zu Georg Trakl gesucht. Ich habe mit dem Gitarristen Gerald Kubik Gedichte von Trakl vertont, eine Ausstellung mit Studenten gemacht und eine Art biographisches Hörstück für den Rundfunk produziert. Der Roman war die Königsdisziplin. Das letzte Projekt, das schwierigste sicher auch. Ich konnte natürlich aus den anderen Dingen schöpfen. Aber das war alles zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr wichtig. Ein Roman ist eben doch etwas ganz anderes. Der funktioniert ganz anders. Die Arbeit am Roman  hat mit Unterbrechungen fast zwei Jahre gedauert.

Hast Du auch eine Literaturreise unternommen, Dir angeschaut, wo er gelebt hat?

Ja, natürlich. Unbedingt. In Salzburg war ich des Öfteren. Da gibt es ein Trakl-Haus, sein Geburtshaus mit ein paar Ausstellungsstücken. Es gibt ein Archiv in Innsbruck, wo man sehr viel über Trakl findet, Handschriften, Erstausgaben usw.

Bist Du so ein richtiger Verehrer von Trakl?

Oh, das ist schwierig. Davon muss man sich unbedingt lösen, damit es keine Beweihräucherung wird, keine Lobeshymne. Es gibt ja ein bestimmtes Trakl-Bild des inzestuösen, bohèmehaften Dichters, der sehr radikal gelebt hat – das hat er natürlich auch. Die Gefahr ist, dass man das verherrlicht oder dass man gar versucht, sich damit zu identifizieren, was überhaupt nicht funktioniert. Man braucht Distanz, Ironie und Mut ihn von seinem Sockel zu stoßen. Das passiert in dem Buch durchaus: Trakl wird auch in seinem Elend gezeigt. Das hätte ich nicht tun können, wenn ich ihn als unantastbares Vorbild angesehen hätte. Ich wollte einen respektvollen Umgang, aber auch einen ehrlichen Umgang mit ihm finden. Das war mir sehr wichtig.

Du bist also ein Verehrer der Texte aber hast versucht eine Distanz zu seiner Person zu wahren?

Ja, aber auch zu den Texten. Ich wollte sehr wenig mit den Gedichten arbeiten und nicht der Gefahr unterliegen, den Sound der Gedichte in den Roman zu übertragen. Das funktioniert auf die lange Distanz nicht. Die schwierigste Arbeit war, eine eigene Sprache und die Distanz zu Trakl zu finden. Bei den anderen Figuren ist mir das viel leichter gefallen.

Gibt es viele Dokumente über Georg Trakl, Grete und Co.?

Es gibt Erinnerungen an Georg Trakl, in denen Weggefährten erzählen, welche Gespräche sie mit ihm geführt haben, wie er war, wie er aussah, wie er gesprochen hat. Es gibt allerdings wenig über die Beziehung zur Schwester. Briefe wurden vernichtet, beiseite geschafft. Über Grete weiß man ohnehin sehr wenig. Dieser Figur konnte ich mich spielerischer nähern, mehr erfinden.

Es ist ja immer eine Gratwanderung über reale Personen zu schreiben. Man bietet Kritikern sehr viel Angriffspotential. Was hat Dich daran gereizt?

Ja, das mit der Kritik merke ich jetzt auch gerade. Aber solche Reaktionen sind, glaube ich, ganz normal. Es gibt natürlich einen Expertenkreis und wenn man diese historischen Persönlichkeiten als Romanfiguren gebraucht, dann setzt man sich der Kritik aus – siehe Daniel Kehlmann. Der hat durch sein Buch ‚Die Vermessung der Welt’ mit Gauß und Humboldt als Romanfiguren sehr viel Zuspruch bekommen, aber auch sehr viel Kritik einstecken müssen. Das kann man nicht verhindern und das ist auch in Ordnung. Jeder hat eine andere Maxime und eine andere Auffassung, wie nah man der jeweiligen Person kommen sollte und wie weit man sich von ihr auch lösen und entfernen darf. Diese Grenze kann man nicht festlegen, die muss jeder selbst ausloten. Das ist aber auch eine fast jahrhundertlange Diskussion: Wann verliert man das Recht, diese Figuren wirklich bei ihrem historischen Namen zu nennen? Begeht man eine Art Menschenrechtsverletzung, wenn man sie sehr frei behandelt? Oder ab wann ist man so nah dran, dass es eigentlich eine Biographie ist?

Hattest Du das Gefühl den Personen gerecht werden zu müssen? Falls Du ihnen begegnen würdest…

Ja, unbedingt. Ich habe versucht, meine eigene Grenze auszuloten. Ich will nicht polemisieren. Georg Trakl war mit 15, 16 Jahren nicht schon so weit wie mit 25. Er hat viel nachgeahmt, aber das gehört ja auch dazu, dass man vieles ausprobiert, sich seinen Weg sucht. Das wollte ich gar nicht zu sehr ironisieren, aber ein wenig mit Ironie betrachten darf man das schon. Aber den Respekt vor dieser Figur wollte ich auf keinen Fall verlieren. Wenn ich Georg Trakl in einem massiven Drogenrausch schildere, bei dem er in seinem Erbrochenen liegt, dann geht das zwar schon sehr weit, aber das meine ich mit einer ehrlichen Darstellung. Das zu beschönigen wäre nicht ehrlich gewesen. Wenn ich ihm jetzt begegnen würde, hätte ich wohl kein Problem damit, das auch zu verteidigen.

Würdest Du ihm gerne mal begegnen?

Das wurde ich auch schon gefragt, wie es wäre, abends mal mit ihm an einem Tisch zu sitzen und einen Absinth zu trinken oder einen Wein. Natürlich, sehr, sehr gerne! Ich glaube, das wären spannende Gespräche, die man da führen könnte. Obwohl er als Gesprächspartner ja schwierig war. Aber es wäre verlockend, wenn ich eine Zeitreise machen könnte: Ich würde es ausprobieren.

 

Der Klappentext von"Alle Wasser laufen ins Meer":

Den jungen Dichter Georg Trakl und dessen Schwester, die junge Pianistin Grete, verbindet eine Zuneigung, die nicht bloß platonisch ist. Doch Grete schwärmt zugleich für Georgs schüchternen Schriftstellerfreund Erhard Buschbeck. Während der Salzburger Kaufmannsfamilie Trakl der Niedergang droht, begeben sich die drei auf die Suche nach künstlerischer Erfüllung. Und obwohl sich ihre Wege trennen, bleiben sie einander auf abgründige Weise innig verbunden…

Sehnsucht, Besessenheit, Dekadenz – Berlin, Wien, Salzburg – Martin Beyer lässt die Bohème des 20. Jahrhunderts lebendig werden. Er erzählt dabei eine der großen Tragödien der Literaturgeschichte zwischen Verzweiflung und Lust literarisch auferstehen.

 

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Zuletzt geändert: Sonntag, 21. Juni 2009
 
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