„Ich werde auch ein Buch an Keith Richards schicken“
Raphael Thierschmann schreibt eigentlich „immer schon“ – wie das als Germanistik-Student halt so ist. Seit eineinhalb Jahren bespricht der 24-Jährige seine Geschichten im „Schreibzirkel“. Dort ist die Anthologie „Zeichen & Wunder“ entstanden – geschrieben von sieben Nachwuchsautoren in Tandem-Arbeit mit Autoren aus der Region und Stipendiaten der Villa Concordia. Mit OTTFRIED sprach Raphael über die Entstehung und Hintergründe seiner Geschichte „Außer Dienst“.
Ottfried: Die Anthologie „Zeichen & Wunder“ ist in Tandem-Arbeit entstanden. Was genau bedeutet das?
Raphael Thierschmann: Jeder von uns Nachwuchsautoren hat einen etablierten Autor an die Hand bekommen, der uns betreute. Die Betreuung hat unter ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen stattgefunden. Ich zum Beispiel war in London, als ich die Geschichte geschrieben habe. Außerdem konnte meine Tandem-Partnerin, Dulce Maria Cardoso, kein Deutsch. (Sie war als portugiesische Stipendiatin im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia, Anm. d. Redaktion.) So hat alles über E-Mails stattgefunden und ich konnte sie nur bei Fragen zum Plot ganz grob involvieren. Auf Deutsch hätte sie die Geschichte gar nicht verstanden. Am Anfang, als es noch um die Konzeption ging, haben wir uns ein paar Mal getroffen und sie hat mir Hilfe angeboten, im Sinne von: „Pass auf, dass du den Plot nicht kaputtschreibst, so dass man die Auflösung der Geschichte nicht zu früh merkt, aber trotzdem am Ball bleibt.“
Was hast du von deiner Tandem-Partnerin gelernt?
(Überlegt) Einen noch kritischeren Blick auf die eigene Geschichte. Man ist schnell davon überzeugt, dass der eigene Plot schon gut ist, aber sie hat viele interessante Gesichtspunkte aufgebracht, auf die ich gar nicht gekommen wäre. Diese Erfahrung hat man als junger Mensch einfach noch nicht. Da konnte ich sehr von ihr profitieren.
Wie hat dir das Tandem-Konzept insgesamt gefallen?
Ich fand es sehr spannend. Wir haben in dem Schreibzirkel natürlich auch vorher schon mit Feedback gearbeitet. Aber das Tandem-Projekt war nochmal eine ganz andere Stufe. Ich wollte trotz meines Auslandssemesters unbedingt mitmachen. Dadurch war ich zum Großteil auf mich alleine gestellt und das ist eigentlich nicht der Sinn des Projekts. Allerdings konnte ich dadurch wahrscheinlich am meisten von mir umsetzen. Ich konnte sehr viel vom meinem Stil und meinen Ideen einbringen.
Wenn man die Geschichte liest, lernt man dann auch dich besser kennen?
Also Keith bin nicht ich. Wir haben gelernt, dass man sich nicht selbst verwerten sollte, auch nicht Erfahrungen von sich selbst. Diese Neurose des Protagonisten, zum Beispiel, die Abscheu gegen U-Bahnen, das bin überhaupt nicht ich. Aber durch die Geschichte selber lernt man mich schon besser kennen.
Es ist eine Geschichte, in die ich sehr viele meiner Leidenschaften hinein gesteckt habe: also die Rolling Stones, die Art von Musik, ich spiele selber Gitarre, ich bin die ganzen Stationen selbst mit der Tube gefahren. Ich war an den ganzen Orten, habe da teilweise auch geschrieben. Das macht das Schreiben natürlich leichter. Der Plot war aber eigentlich schon vorher fertig. Vielleicht wäre es nicht so authentisch geworden, aber die Idee hätte ich wahrscheinlich auch verwirklicht, wenn ich nicht nach London gegangen wäre.
Wie bist du darauf gekommen, über die Rolling Stones zu schreiben?
Ich wollte über Musik schreiben, weil ich selbst mit Musik viel zu tun habe. Und zu dem Thema „Zeichen & Wunder“ wollte ich über einen Moment in der Musikgeschichte schreiben, an dem sich für einen Menschen etwas geändert hat. Also, an dem eine Band gegründet wurde, sich aufgelöst, oder das erste große Album raus gebracht hat.
Da lagen die Stones nahe. Sie und mein Vater hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich habe mit meinem Papa die Tradition, dass wir jedes Jahr zusammen auf ein Konzert gehen. Das sind meistens Bands wie eben die Rolling Stones, Jethro Tull, Alice Cooper oder Deep Purple – also diese ganzen sechziger Jahre Rock Bands. Das ist die Musik, die ich immer schon gehört habe.
War es nicht schwer, über so eine bekannte Band zu schreiben?
Das war der Punkt, über den ich am meisten mit Dulce diskutiert habe. Sie meinte: „Nimm keine bekannte Band, das ist gefährlich.“ Aber eine Geschichte über eine erfundene Band fand ich nur halb so spannend. Die Idee, einen authentischen Hintergrund mit einer fiktionalen Geschichte zu verbinden, war für Dulce ein guter Kompromiss. So ist die Tube-Fahrt zwar fiktional, aber das Konzert, die Songs, die Tage, das Datum, der Club, die Straße sind authentisch.
Was findest du, ist das Besondere an deiner Geschichte?
Das ist eine gemeine Frage (lacht). Das Besondere für mich ist, dass ich über mich, über alles was mir gefällt und Spaß macht, erzählen darf und über drei-, vier- oder fünftausend Menschen das hören werden. Das ist schon beeindruckend. Man hat immer etwas zu erzählen, aber es hören nicht immer so viele Menschen zu. Ich werde übrigens auch ein Buch an Keith Richards schicken. Ich werde ihm die Geschichte teilweise auf Englisch übersetzen. Vielleicht kommt ja etwas zurück. Hoffentlich zumindest ein Autogramm, da würde ich mich schon drüber freuen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Am 18. Mai liest Raphael zusammen mit anderen Mitarbeitern von „Zeichen & Wunder“ aus seinen Texten. Die Lesung findet in der Aula der Uni Bamberg (Dominikanerstraße 2a) statt. Informationen zu den anderen Lesungen gibt es auf www.bamberg-liest.de.

16. Mai 2011
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