Vom Lama zum Obama
Berlin lag Barack Obama während seinem kurzen Aufenthalt zu Füßen. Aber warum der Hype? Brauchen die Deutschen einfach immer irgendwas, das sie abfeieren können? Ein Kommentar.
Wenn die Berliner Stadtreinigung heute noch den Rest des Tages den Rest des Mülls von gestern an der Siegessäule wegkehrt, dann kommen nicht nur Colabecher, Kippenfilter und Taschentücher in die Tonne. Sondern auch tausende Einweg-Amerikaflaggen. Ihr wisst schon, diese kleinen Wimpel, die man sich wahlweise ans Autofenster, an den Hut oder noch ganz woanders hin stecken kann. Wenn man will. Es sei denn, es sind Fehldrucke, dann kommen sie zu den Tagesthemen.
Tibet? Obama? Egal, Flagge hoch! Aber was sind schon ein paar Tonnen Plastikramsch gegen ein sommerlich-souveränes „Prasidentschaftsbewerber-der-Herzen-Lächeln“? Hach, war das schön. Auch wenn Obama noch gar nicht Präsident ist, noch nicht einmal Kandidat. Dafür ist er jung, hat Charme und seine Bildung nicht aus dem Mickymausheft. Aber kam man sich da nicht ein wenig vor, als habe man just ein déja-vu gehabt? Wegen der Flaggen, meine ich. Da war doch was….? Richtig! Tibet!
Noch vor ein paar Wochen war der Dalai Lama hier, in dessen Windschatten die Deutschen wie zu Nachkriegszeiten oder zum Sommerschlussverkauf Tibetflaggen, Gebetsketten, Plüsch-Schneelöwen und Lama-Biographien gebunkert haben, als ob morgen der schon fast in Vergessenheit geratene Russe wiederkäme und dann Schluss wäre mit der neu entdeckten Patchwork-Religionsfreiheit. Als ob er käme, um einem all die schönen bunten Devotionalien wieder weg zu nehmen und einen gar in den nächstbesten sibirischen Gulag zu verfrachten.
Europameister im Vergangenheit verdrängen Doch – Hand auf’s Herz – war das in Tibet eigentlich anders? Gab es nicht auch unter der Lama-Herrschaft rigide Verbote gegen Orden anderen Glaubens? Gab es nicht auch da eine gnadenlose Religionspolizei, die mit Lamakritikern alles andere als milde lächelnd umging? Und war es nicht der Deutschen liebstes Schrumpelgesicht Mutter Theresa höchstselbst, die einst ihre zahlreichen Spendenmillionen lieber nach Rom als zu ihren eigenen Armenhäusern schickte?
Naja, ist lange her. Es war ja nicht alles schlecht damals. Jetzt reden wir mal wieder von was Schönem. Im Vergangenheit verdrängen sind die Deutschen schließlich traditionell Europameister. Im Fußball leider nicht. Dafür aber umso mehr im Geldausgeben für EM-Flaggen. Da wurde die bundesdeutsche Hämorrhoidenschaukel mit schwarzrotgold behängt, dass jedem Weihnachtsbaum die Tränen kamen. Dann noch ein fesches Ballermann-Hütchen auf, und ab zum Pabblick Wiuing.
Der nächste Hype kommt bestimmt Und was kommt morgen? Titanic reloaded? Guildo Horn´s Nusseckenrevival? Papst Benedikt bei Michael Jackson, der ihm mit der letzten Ölung auch gleich das halbe Kunstgesicht weg rubbelt? Man weiß es nicht. Was man aber weiß: Es wird ihn geben, den nächsten Hype. Das nächste Comedy-Stadion, das nächste Buch von Dan Brown, den nächsten Clou von Bohlen oder Raab, das nächste Eisbärbaby. Wir dürfen gespannt sein. Spätestens zur WM heißt es dann wieder: Hirn aus, Flagge raus, Fahne in die Hand, Fahne aus dem Mund, der Ball ist rund.
Schade, dass sich all das so schwer planen lässt. Man könnte sehr viel Geld verdienen, zum Beispiel mit dem „Identitätsreduktionskoffer”, der dann alles enthält, was der Deutsche für 2009 so braucht. Obama-Shirt mit Benedikt-Konterfei auf der Innenseite. Einfach wenden, fertig! Schließlich heißt der neue deutsche Bestseller nicht umsonst „Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?“. Ein Zyniker, wer „zu viele“ dabei denkt. Ich gehe dann mal zum Copyshop, und lasse hundert „Du bist Obama“-Shirts drucken. Ich habe da so eine leise Ahnung, als ob die in ein paar Wochen ganz gut gehen könnten.


Marc Hohrath
25. Juli 2008
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