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Die Angst vor dem freien Fall


Kürzlich las ich in einer großen Tageszeitung folgende verstörende Überschrift : “Bahn-Aktie im freien Fall”. Wenn es doch nur die Aktie wäre. Analyse eines unhaltbaren Zustands.

Ich leide unter einem seltenen Phänomen. Medizinisch noch ohne Namen, würde ich spontan die Diagnose “Transitorische Abortphobie” wagen. Nämlisch die Angst davor, während einer Zugfahrt das Bord-WC zu benutzen. Dabei jedoch weniger aus hygienischen als aus moralischen Gründen.

Jemand hat mir früher einmal erzählt, Zugtoiletten verfügten nicht – wie ich bis dato annahm – über spezielle Auffangbehältnisse für die Fäkalien ihrer Fahrgäste, sondern diese würden unmittelbar nach Betätigen der Spülung auf die darunterliegenden Gleise verklappt. Also die Fäkalien, nicht die Fahrgäste, obwohl das bei einigen von ihnen durchaus ein schöner Gedanke wäre.

Oft habe ich daraufhin (oder deswegen?) von verzweifelten Menschen gehört, die direkt unterhalb einer Eisenbahnbrücke wohnten, und beim sommerlichen Grillabend im Garten von Spontanregengüssen aus über ihnen her donnernden Intercities überrascht wurden. Ihre braun-gelb besprenkelte Kleidung konnten sie nach mehrmaligem Waschen nicht einmal zum Trocknen raus hängen, der nächste Zug war schon unterwegs. “Die Bahn kommt” als Horrorszenario.

Schmutzige Bomben Angesichts solcher Bedrohungen war der sprichwörtlicheRusse während des Kalten Krieges vergleichsweise sympathisch. Schmutzige Bomben gab es bei dem schließlich auch schon. Und während bei Flugzeugen, in denen mit dem Eingeweide-Inhalt der Gäste gleichermaßen steinzeitlich verfahren- bzw. flogen wird, noch die realistische Möglichkeit besteht, dass das “Leergut” sich unterwegs in harmlosen Feinstaub verwandelt, ist dies bei der Bahn ausgeschlossen.

Dort bleibt der Aggregatszustand infolge zu geringer Distanz zwischen Produktions- und Verwertungsort unverändert, und man wird unmittelbar mit dem Bösen in Reinform konfrontiert. Shit happens. Aber ohne mich.

Nicht vor den Kindern! Man wies mich damals auch eindringlich darauf hin, unter keinen Umständen während der Passage eines Bahnhofs das WC aufzusuchen, wie sähe das denn aus. Lachende Menschen, die sich endlich wiedersähen oder tränenreich von einander Abschied nähmen, strahlende Kinderaugen, die dann Folgendes erblicken müssten.Urplötzlich unter dem Zug hervorplumpsende Bahnkundenscheiße an spülwasserdurchtränkten Recyclingpapierfetzen, die sich spritzig – klatschend über die rostbraunen Stahlträgerschienen ergössen. Vorbei wäre es dann mit unbeschwerter Kindheit und mondänem “Tor-zur-Welt-Idyll” eines Bahnhofes, mit dem Fernweh späterer Tage und dem Vertrauen in deutsche Sauberkeit.

Vor Scham im schlumpfblauen Billiglinoleumboden des Zugklos versinken würde ich, wäre ich der Urheber solch fürchterlicher Traumata. Daran würde auch die hässliche Milchglasscheibe nichts ändern können, hinter der ich zwar unerkannt, aber dennoch heftig schwitzend und auf baldige Weiterfahrt hoffend Zeit schindete.

Wer trotzdem scheißt, fliegt hinterher! Furchtbar. So mancher Selbstmörder wird in seinen letzten Minuten auf unwürdig- kalten Bahngleisen liegend wohl schon gedacht haben: wie sieht es denn hier aus? Auch während der Fahrt weiß man nicht, was einen im weiteren Verlauf der Reise erwartet. Nie habe ich je einen Zugbegleiter durchs Mikrofon knarzen hören : “Wir möchten Sie darum bitten, die Toiletten ab sofort zu meiden, wir passieren eine Brücke” was im Grunde soviel heißt wie: Wer trotzdem scheißt, fliegt hinterher!.

Obwohl der simple und im Grunde stumpf-reflexartige Abort somit unverhofft zu einem fast rebellischen Akt avanciert (nie würde man es schließlich lieber tun als nach einer solchen Durchsage), quälen mich dennoch heftigste Skrupel. Hedonistischer “Lustschiss” oder rücksichtsvolle Schließmuskelfolter? Und wie rechtfertigt die Bahn überhaupt die Existenz ihrer so genannten Bordbistros, oder gar die dauernd durchs Abteil quäkende Lautsprecherwerbung für selbige? Angesichts der Tatsache, dass es an Hinweisen auf die Details der Fahrtroute -  mal abgesehen von den Bahnhöfen -  gänzlich mangelt, es trotzdem ein ständiges Obenrein, aber keine auch nur ansatzweise akzeptable Lösung fürs Untenraus gibt, glatter Hohn und eigentlich purer Sadismus.

Der Teufel und die Flasche Jedesmal, wenn ich, auf der Suche nach einem Sitzplatz, mit dem Koffer im Schlepptau ein Bahnbistro passiere, gehen mir unvorstellbare Bilder durch den Kopf, spielen sich Szenarien ab, die mit bizarr noch sehr wohlwollend umschrieben sind. Eine Szene, die ich während einer Fahrt von Würzburg nach Frankfurt geträumt habe, ist mir dabei besonders präsent : Ein Bahnmitarbeiter in weißem Hemd, türkis-blauer Weste und rotem Schlips steht grinsend hinter der Bistrotheke, in der Hand eine Flasche Champagner nebst Bahnserviette. Er sieht mich mit funkelnden Augen an und sagt: “Darf ich dem Herrn vielleicht ein Gläschen darmperistaltikfördernden Veuve Cliquot anbieten?” Dass er dabei ausgerechnet nach Eau de Toilette stinkt, dass sich fast die Farbe von den Wänden schält, versteht sich von selbst.

Ich versuche hastig, meinen Koffer weiter zu ziehen, ja eigentlich zu reißen, nur irgendwie das nächste Abteil zu erreichen. Doch eine Reihe Mitreisender, die allesamt noch recht indisponiert zu sein scheinen, was das weitere Prozedere ihres Fortkommens angeht, versperren mir den Weg. Der Bahnbedienstete fährt mit seiner Rede fort. Diesmal allerdings ist sein Gesicht zu einer Art diabolischer Fratze verzerrt. Er  grinst mich spöttisch an, von seinen Mundwinkeln tropft in langen Fäden eine undefinierbare Flüssigkeit. Seine kehlige Stimme lässt mir das Blut gefrieren: “Du wirst auf Toilette gehen! Oh ja, Du wirst auf Toilette gehen! Das könnte Dir so passen, hier den Helden spielen zu wollen. Früher oder später bist Du fällig, Bürschchen!”

Alptraum trotz Entwarnung Was dann geschah, vermag ich heute nicht mehr zu sagen, ich bin mit einem Schrei aus meinem Sitz emporgeschossen, und konnte nur unter Zuhilfenahme diverser hochprozentiger  Bordbistrogetränke und tiefem Durchatmen langsam wieder zu mir kommen. All das verfolgt mich seitdem in immer kürzer werdenden Abständen, und ebenso oft erwäge ich das Zerschneiden meiner Bahncard.

Letzte Woche berichtete man mir zwar, mittlerweile seien fast alle Züge mit einem so genannten “geschlossenen Abwassersystem” ausgerüstet worden, und meine Sorgen seien somit unbegründet. Doch ich bin skeptisch. Was, wenn das gelogen war? Ich habe darüber noch mit niemandem sprechen können. Ich trage die Angst immer noch mit mir, sie ist mir zum ständigen Begleiter geworden. Kaum noch eine Nacht, in der ich nicht von stuhlverschmierten Bahngleisen oder von auf ihnen liegenden Klodeckeln träume. Es muss doch eine Lösung geben, einen Ausweg aus dieser Hölle!

Geht es wirklich nur mir so?





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