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1:04 Uhr: Laborfrauen an Tisch 11


 

Unsere Autorin schreibt in ihrer Kolumne über das, was sie in Bamberg erlebt. Zwischen 24 und 6 Uhr, in ihrem Job als Kellnerin, als Studentin und auf Parties. Diesmal  berichtet sie über kleine Wahrheiten und Wiederholungstäterinnen.

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Mit freundlicher Unterstützung von Univox, dem Bamberger Uniradio kannst du diesen Text jetzt auch als Podcast anhören, gelesen von der Autorin.

Es gibt Dinge, die nennen sich Fakten. Man kann sie im Duden nachschlagen und niemand wird bis zu einer wissenschaftlichen Widerlegung jemals ihre Wahrhaftigkeit anzweifeln. Dann gibt es Dinge, von denen ich steif und fest behaupte, dass sie Fakten sind, obwohl man sie nicht in schlauen Büchern nachlesen kann. Ihr Wahrheitsgehalt leitet sich aus der Häufigkeit ihres Auftretens ab.

Das klingt jetzt etwas theoretisch. Aber es gibt Dinge, die ich erst an dem Tag entdeckte, als ich begann meinen Job als Kellnerin nicht nur als Job zu sehen, sondern auch als übergroßes Forschungsprojekt in Sachen „Wie Menschen so ticken“.

Augenfälligstes Beispiel: Die schöne Regelmäßigkeit, mit der wir Fehler machen. Man sagt, Menschen würden aus Fehlern lernen. Das glaube ich nicht, denn, ganz im Ernst: Auf einen Griff ins Klo in Sachen Männern folgt bei Frauen immer wieder der nächste.

Einige Tische bei uns im Laden eignen sich hervorragend dafür, dieses und andere Phänomene zu beobachten. Heute sitzen an einem der „Labortische“ zwei weibliche Probandinnen. Einige Gesprächsfetzen, im Vorbeigehen aufgeschnappt, schon bin ich drin im Thema.

Anna und Tom lernen sich kennen. Anna ist hübsch, intelligent, witzig. Tom ist ein Draufgänger. Maskulin, unnahbar, cool.

Was folgt, ist gleichermaßen vorhersehbar wie traurig, nämlich Verliebtheit und Verzweiflung bei ihr, Torschlusspanik bei ihm. Eines verregneten Tages (das muss so sein, wenn im Film etwas trauriges passiert regnet es ja auch immer) beendet er die ganze Geschichte. Aus. Finito. Feierabend.

Die Konsequenz allerdings, die die psychotische Anna aus der Geschichte zieht, ist herzzerreißend weiblich, denn sie fängt mit Draufgänger Nummer 2 das gleiche Spiel von vorne an.

Jetzt möchte jede Frau rufen „Ach was, das könnte mir nie passieren!“ Aber mal ehrlich: Wir machen immer wieder die gleichen Fehler. Das soll keineswegs heißen, alle Frauen hätten eine Schwäche für ausgemachte Blindgänger, ganz im Gegenteil! Das gleiche, beratungsresistente Verhalten legen unsere Geschlechtsgenossinnen an den Tag, die für irgendeinen potentiellen Seelenverwandten ihr ganzes Leben umkrempeln und sich selbst aufgeben. Frauen, die plötzlich keine eigene Meinung mehr haben und deren einst großartiges Ich zu einem abhängigen Wir verkommt.

Der Versuch diese Tatsache hübsch zu verpacken lässt die Wahrheit nicht besser aussehen: Was sind wir doch für ignorante Deppen! Unglaublich, dass vormals intelligente, selbstbewusste Frauen plötzlich nicht mehr klar denken können, die Realität völlig verdrängen und mit ihrer rosaroten Brille auf der Nase nur noch eins können, nämlich so lange mit dem Kopf vor eine Mauer rennen, bis jemand weint?

„Weißte, es ist einfach zum verrückt werden! Jetzt meld ich mich nicht, lass ihm Freiraum – Aber er ruft einfach nicht an! Ich könnt kotzen!“. Sie nippt an ihrem Rotwein, beißt sich zweifelnd auf die Unterlippe. „Ich meine, wo liegt das Problem? Oder bin ich so hässlich?“ „Schatz, hör auf, das ist doch albern. Ich meine… warte kurz…“. Abrupt beendet das Piepsen eines Handys das Gespräch an Tisch 11. Ich beobachte die SMS-Empfängerin, sehe, wie sie verzückt ihren Mundwinkel nach oben schiebt, ihre funkelnden Augen. Da wird mir plötzlich etwas klar.

Wir sind alle Mädchen, die vor einem Jungen stehen und ihn bitten, uns zu lieben. Und weil wir im Grunde unseres Herzens felsenfest davon überzeugt sind, dass der alberne Prinz auf seinem überflüssigen Gaul irgendwann vorbeigaloppiert kommt, machen wir es immer und immer wieder. Nein, nicht die falschen Männer aussuchen. Unser Herz verschenken. Und nach jahrelanger Beobachtung kann ich dem Dasein einer Wiederholungstäterin definitiv auch etwas Positives abgewinnen.

 

Dieser Text ist der zweite Teil der Kolumne „Bamberg nachts“. Den ersten Teil  der Serie, „Unüberwindbare Hindernisse“, findest du hier.

Dieser Beitrag ist Teil 3 von 3 in der Reihe Bamberg Nachts. Klicke auf die Links unter diesem Absatz um zu den anderen Beiträgen in dieser Reihe zu gelangen.
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  • 5 Kommentare zu “1:04 Uhr: Laborfrauen an Tisch 11”

    1. hans schrieb vor 470 Tage

      naja, schon besseres gelesen…

    2. Bagi schrieb vor 481 Tage

      Es liegt einfach im inneren eines jeden Menschen seine Mitmenschen diskret zu beobachten.
      Da dies so ist, wird das Lachen auch niemals besiegt werden.

      Mach weiter so

      BAGI

    3. Katharina
    4. Katharina schrieb vor 490 Tage

      Nicht nur ein Kellner-Beobachtungsphänomen! Die verzweifelten “ich-werde-für-immer-alleine-sein-Gesichter” lauern an jeder Ecke. Und nach der Phase des Mitleids gemischt mit dem Gedanken “Mädchen, das ist nicht dein Ernst!”, tritt ein kleines Lächeln der Verbundenheit auf, denn: wir sind doch alle gleich.

        Katharina
      • Katharina schrieb vor 490 Tage

        und ach: ist das nicht Pretty Woman? ;-)

      • Julia Bellinghausen
      • Jule schrieb vor 490 Tage

        Nein, es ist Notting Hill ;-)

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