4:36 Uhr: Achtung, Explosionsgefahr!

Unsere Autorin schreibt in ihrer Kolumne über das, was sie in Bamberg erlebt. Zwischen 24 und 6 Uhr, in ihrem Job als Kellnerin, als Studentin und auf Parties. Diesmal: Die Wirkung weniger Worte.

Wenn einem mitten im Laden, im größten Stress, ein Tablett voll beladen mit zehn Gläsern runterfällt, gibt es dafür nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder man hat das Gewicht nicht richtig ausbalanciert, hat sich nicht konzentriert, vielleicht hat man sich schlichtweg übernommen, oder die Umstände waren einfach ungünstig und man hatte keinen Einfluss auf die Situation. Zwei umherirrende Eiswürfel haben einen aufs Kreuz gelegt, um spielende Kinder zu retten hat man das Tablett von sich geworfen, der Kreislauflauf bricht zusammen und man legt sich gemeinsam mit dem Tablett einfach mal kurz hin, um Kraft zu tanken.

Menschen sind bekanntlich keine Maschinen, ihre Fehlerquote ist tagesformabhängig und dementsprechend manchmal unausstehlich hoch. Nicht dass Maschinen keine Fehler machen würden, allerdings läuft es hier im Durchschnitt bei 1000 Durchgängen dreimal falsch. Für mich liegt die Begründung auf der Hand, haben all die computergesteuerten Blechkisten dieser Welt doch einen großen Vorteil auf ihrer Seite – sie arbeiten völlig ohne Einfluss von Gefühlen.

Ich halte mich für einen sehr emotionalen und leider auch extrem impulsiven Menschen. Die Mischung aus „Eifer des Gefechts“ und meinen Gefühlen kann sich ohne weiteres mit der Explosionskraft von Plastiksprengstoff entladen. Das muss nicht zwangsläufig negativ sein, ich mache meinen Freunden gerne überschwängliche und spontane, aber von Herzen kommende Liebeserklärungen, aber mit schönster Regelmäßigkeit geht der Schuss sprichwörtlich nach hinten los.

Ich wundere mich immer noch, das nach meinem letzten oscarreifen Auftritt dieser Art, keine glänzenden Luftballons von der Decke gefallen sind, kein Spot auf mich gerichtet wurde und kein Kamerateam um ein Interview geben hat um herauszufinden, wie ich mich denn jetzt fühle, als Sieger in der Kategorie „Bester weiblicher emotionaler Depp“. Dabei hätte ich es zugegebenermaßen mehr als verdient gehabt.

Es war einer dieser prickelnder Momente, in denen man schon vorher weiß, dass irgendwas in der Luft liegt. Gespeist wurde diese dunkle Vorahnung zusätzlich durch ein Gefühl herrlicher Verwirrtheit, blumiger Selbstzweifel und unnachahmlicher Unsicherheit. Es reichten weniger als sechs falsche Worte, die in mein Gefühlzentrum zielsicher und gewaltig einschlugen, wie der Blitz im Sommergewitter in einen Badessee. Zwar kam es in der Folge weder zu Toten noch Verletzen, allerdings zu einem absoluten Totalausfall meinerseits.

Ich schaffe es tatsächlich, mir und demjenigen, der meinem Geschmack nach die falschen Worte gewählt hat, innerhalb von knapp zehn Minuten komplett den Abend zu versauen. Egal ob die Stimmung vorher am Siedepunkt war, nach erfolgreicher Explosion tendiert die Stimmung nicht nur gegen null, sondern eher gen Erdmittelpunkt. Als wäre das nicht schon fabelhaft genug, setze ich dem ganzen die Krone auf, indem ich mich penetrant im Recht fühle.

Jetzt möchte der geneigte Leser sicher wissen, warum ich meinem Dasein also emotionale Landmiene kein Ende setze, wenn ich doch so genau darum Bescheid weiß.

Wenn einem die eigene Haarfarbe nicht zusagt, kann man sie ändern. Fühlt man sich zu dick, kann man abnehmen. Wenn man aber fast ein Vierteljahrhundert alt ist, gibt es Charaktereigenschaften, die man sich nicht einfach abtrainieren kann. Vielmehr muss man sie lieben oder zumindest akzeptieren lernen. Ich kann für mich sagen, dass ich mit dem Großteil meiner Schwächen und Makel gut umgehen kann, allerdings senkt das die Fehlerquote eher selten. Ich arbeite daran, und aus Fehlern lernt man ja, heißt es zumindest.

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